Gestern war wirklich ein extremer Tag: morgens starke Glücksgefühle und spätabends starke Wut, in die ich auch heute noch verstrickt war – ausgelöst durch eine etwas unsensible Email, die ich erhielt. Mit Wut kann ich noch nicht so gut umgehen. Zunächst versuche ich unbewußt immer, die Wut zu verdrängen. Wenn ich das dann merke, fällt es mir immer noch schwer, in die Wut richtig reinzugehen, sie richtig zu fühlen.
Das extrem unangenehme daran ist, daß es bei mir immer eine Art hilfloser Wut ist. Eine sinnlose Anspannung, die sich gegen mich selbst richtet, mir selbst schadet und Energie abzieht, mich völlig fertigmacht. Ich erlaube mir so gut wie nie, Wut auszuagieren. Gleichzeitig rationalisiere ich immer und stelle meist fest, daß Wut unangemessen ist – nach Beurteilung des Verstands, aber das hilft ja auch nichts. Wut muß gefühlt werden wie alle Gefühle, sonst frißt es sich fest und führt später zu irgendwelchen Störungen.
Ich habe eine Theorie, wo die hilflose Wut herkommt. Als ich als Kleinkind in einer absolut verzweifelten hilflosen Situation war, hatte ich keine Chance, meine Wut zu zeigen. Ich war in mehrfacher Hinsicht abhängig. Einen Menschen, von dem ich als Kleinkind abhängig bin, „darf“ ich meine Wut nicht zeigen, denn ich könnte dann im Stich gelassen werden und daran sterben.
Ich habe die Situation hier schon mehrfach beschrieben, anscheinend ist sie immer noch nicht verarbeitet. Ich wachte im Alter von knapp 4 Jahren nach einer Nabelbruch-OP auf, war ans Krankenhaus-Bett gefesselt und völlig alleingelassen. Ich kann mich an diese unglaubliche Panik erinnern, die Todesangst. Und in der Erinnerung sehe ich mich immer von oben, und ich sehe mich, wie ich mir selber gut zurede. Lange Jahre habe ich dies für einen bösen Traum gehalten, bis ich irgendwann rekonstruieren konnte, daß es dieses Erlebnis tatsächlich gegeben hat.
Auf mich muß es wohl eine vergleichbare Wirkung gehabt haben wie eine Geiselnahme, Freiheitsberaubung, Körperverletzung und weitere Gewaltanwendung.
Wenn ich die damit verbundenen Gefühle einmal ganz bis zum Ende bewußt durchlebt habe, sollte sich der Knoten doch wohl mal lösen. Anscheinend ist mir das bisher nicht gelungen, weil ich zuviel Angst vor meiner Wut habe. Ich habe Angst, die Kontrolle zu verlieren. Und ich habe Angst zu „sterben“, weil diese ohnmächtige Wut nicht auszuhalten ist. Ich möchte dann schreien und/oder fluchen und/oder wild um mich schlagen, denke aber gleichzeitig, daß das ja überhaupt nicht hilft. Und genau das scheine ich sogar im Alter von 4 Jahren schon gedacht zu haben, ich bin nicht ausgerastet, ich war „brav“. Eine Vernunftreaktion wie ein Erwachsener. Und so fresse ich die Wutenergie in mich hinein, das habe ich mein Leben lang so gemacht.
Ich kann mich leider nicht an die Zeit vor dieser OP erinnern, soweit ich weiß, ist das meine früheste Erinnerung. Gestern habe ich bei Hermann R. Lehner („Was suchst Du?“) nochmal über das „Master-Konzept“ nachgelesen, das sich nach seiner Erfahrung meist um das 6. – 7. Lebensjahr bildet. Ich glaube, bei mir war es diese traumatische OP-Erfahrung, und sie war so früh, daß ich mich nicht an die Zeit der Freiheit davor erinnern kann. Die Folge war eine extreme Störung meiner emotionalen Ausdrucksformen. Unterdrückte Wut und starke Schamgefühle („ich bin minderwertig, mit mir stimmt was nicht“) waren bestimmend für die Grundlage meiner Persönlichkeit.
Und auf so einem Konzept baut sich dann das ganze Leben auf, die ganze Persönlichkeit. Was ein Irrsinn!
Gut, daß ich unterdessen weiß, daß ich das alles NICHT BIN. Der Wutknoten wird sich aber erst lösen, wenn er einmal bis zum Ende durchgestanden wurde. Wenn ich das nächste Mal in diese hilflose Wut gerate, will ich versuchen, den Ansatz von Samarpan anzuwenden: demnach ist jede Emotion mit einer Körperempfindung verbunden. Und wenn man intensiv in diese Körperempfindung hineinspürt, soll dies eine Brücke nach „hier“ sein.
Emotionen mit Körperempfindungen zu verknüpfen, ist mir fremd. Ich fühle nichts auf körperlicher Ebene in so einem Fall, die ganze Energie ist nur im Kopf. „Du sollst nicht fühlen“ war anscheinend auch ein für mich bestimmendes Konzept. In der traumatischen Situation habe ich ja anscheinend meinen Körper verlassen, vielleicht gab es deshalb keine Wahrnehmung von Körperempfindungen mehr. Ich werde es mal ausprobieren, ob ich das jetzt ändern kann.
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Nur eine Stunde, nachdem ich obigen Text schrieb, kann ich feststellen, daß sich die Wut gelöst hat, auch ohne weitere Anstrengungen von mir. Ich habe jetzt wieder ein lebendiges Körpergefühl. Und Frieden. :-)