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Dienstag, 30. August 2011

Nächtliches Bad

Ich hatte ein wunderbares Wildnis-Seminarwochenende. Mir gibt allein schon das Draußensein so sehr viel Kraft. Die Akkus sind wieder voll aufgeladen. Zusätzlich zu dem Seminarprogramm habe ich für weitere Krafterlebnisse gesorgt: einmal bin ich nachts einen dunklen Waldweg zu einem Bach gelaufen und habe dort gebadet. Wunderbar. Das kalte Wasser auf meiner Haut. Ich lebe. Ich hatte weder Badesachen noch Handtuch dabei. Nackt im (flachen) Wasser zu liegen ist ganz anders: der Kontakt zum Wasser ist viel direkter und umfassender. Ganz vom Wasser umschlossen zu sein, war für mich erfrischend, belebend und reinigend zugleich. Es ist ein Ritual.

Ich ließ mich danach in der noch recht milden Luft lufttrocknen. Dann noch etwas feucht in die Klamotten, die auf dem Rückweg ins Camp schnell trockneten.

Ich mag Erfahrungen, die ein wenig „neben der Spur“ liegen. An einem warmen sonnigen Nachmittag in ein überfülltes Schwimmbad zu gehen, ist irgendwie viel zu einfach. Mir macht es viel mehr Spaß, wenn ein bißchen Überwindung erforderlich ist, wenn Schwierigkeiten auf dem Weg liegen.

Ich habe genug Möglichkeiten, bequem und faul zu sein. Deshalb bin ich überaus dankbar, wenn ich die Möglichkeit habe, mal an meine Grenzen zu gehen, diese auszutesten und schrittweise zu überwinden.

In diesem Frühjahr hatte ich noch bei jedem Schritt abseits von vorgegebenen Waldwegen das ungute Gefühl, etwas „Verbotenes“ zu tun. Außerdem bin ich bei sehr vielen Geräuschen zusammengezuckt, ebenso bei jeder unerwarteten Berührung durch einen Zweig oder ein Insekt.

Und jetzt gehe ich barfuß und ohne Taschenlampe nachts durch den Wald, und es ist ok. Ich hatte allerdings allerdings gleich 3 Taschenlampen dabei, ich sichere mich immer noch sehr stark ab. Und die sporadischen blinkenden Leuchtpunkte neben dem Weg machten mir Angst. Ich habe dann doch einige Male dort hingeleuchtet – und konnte nicht herausfinden, was den Lichtpunkt verursacht hat. Bei den fliegenden Lichtpunkten handelte es sich wohl im Glühwürmchen. Am Boden konnte ich aber keine verursachenden Tiere entdecken.

Erst am zweiten Abend fand ich heraus, was es vermutlich ist: Sterne, die in Wassertropfen auf der Vegetation reflektieren. Das ist zumindest meine Erklärung, denn meine Lampe leuchtete genau auf einen großen Wassertropfen auf einem Blatt. . Ein Stern, der so weit weg ist, bringt einen kleinen Wassertropfen zum Funkeln. Das ist eigentlich kein Grund, um Angst zu haben. Es ist eher zauberhaft schön. ;-)

Angst entsteht oft durch Unwissen. Wir haben Angst vor der Ungewißheit. Wir suchen Sicherheit. Auf mich trifft das jedenfalls besonders zu.

Der Wald ist überhaupt nicht dunkel nachts. Jedenfalls nicht vollständig. Wege durch den Wald sind erkennbar an dem helleren Boden, zumindest wenn dieser einen starken Sandanteil hat. Selbst ohne Mond leuchten die Sterne genug, um zumindest schattenhaft Bäume erkennen zu können. Nur bei wolkenverhangenem Himmel wird es schwieriger.

Bei meinen Versuchen, die Leuchtpunkte zu identifizieren, fiel mein Lichtstrahl auf zwei leuchtende Augen. Eine ähnliche Begegnung vor einigen Monaten hat mich noch stark erschreckt, jetzt war da Neugierde. Gerne hätte ich das Tier identifiziert. Aber es entfernte sich rasch von mir, nur kurz sah ich noch seine Augen, dann war es fort. Von der Höhe der Augen über dem Boden könnte ich auf ein marderartiges Tier schließen. Schade, jetzt, wo ich dies schreibe, fällt mir ein, daß ich nach den Tierspuren auf dem sandigen Boden hätte suchen können. Trotz meiner mangelnden Erfahrung hätte ich da vielleicht etwas erkennen können. Auf die Idee kam ich nicht, dafür war ich dann doch nicht entspannt genug.

Samstag, 6. August 2011

Laubhütte

Endlich war es soweit. Schon seit Monaten fieberte ich mit zuerst viel Angst und zuletzt viel Lust dem Bau und dem Schlafen in einer Laubhütte entgegen. Mit einer Freundin zusammen dauerte es über 4 Stunden, eine Hütte aus einem Firststamm, angelegten Zweigen und einer Abdeckung aus Fichtenzweigen und viel Laub zu bauen. Der Eingang war gut einen Meter breit und so hoch, daß ich bequem aufrecht sitzen konnte – eigentlich ähnlich wie in meinem kleinen Zelt – nur rein aus Naturmaterialien. Wir banden die Äste teilweise mit Binsen und Rindenresten fest, um der Konstruktion noch mehr Halt zu geben.

Es hatte in der Nacht zuvor noch geregnet, deshalb gab es kaum richtig trockenes Material, es war überwiegend etwas klamm. Den Boden der Hütte deckte ich deshalb noch mit Fichtenzweigen (von einem jüngst gefällten Baum) und darauf ebenfalls einer knapp 10 cm dicken Laubschicht ab (hätte gerne noch mehr sein dürfen, aber dann war ich zu müde).

Während am Anfang, als ich diese Aufgabe im Rahmen meiner Weiterbildung gestellt bekam, noch Widerwillen und Angst überwogen, blieb zuletzt nur reine Freude. Ich war glücklich, als ich nachts in diese Hütte kroch. Mit einigen heißen Steinen aus dem Feuer hatte ich noch versucht, die Feuchtigkeit aus der Unterlage verdampfen zu lassen, aber das reichte nicht aus.

Ich wollte unbedingt – wenn schon, denn schon – ohne Isomatte und Schlafsack auskommen. Das Laub reichte aber nicht aus, um mich darin einzugraben und ohne Decke war es trotz der milden Sommernacht etwas kühl. Ich schlief dadurch unruhig, fröstelte vor mich hin und lauschte den ungewohnten Nachtgeräuschen. Es waren mit hoher Wahrscheinlichkeit viele kleinere und größere Tiere in dem kleinen Wäldchen unterwegs, denn wir hatten viele Spuren gesehen und schon während des Abends immer wieder Geräusche gehört.

Einen kurzen Moment der Angst gab es, als ein Geräusch recht nahe war, aber dann beruhigte ich mich schnell wieder.

Es tat unglaublich gut, den Erdboden unter mir zu spüren. Ich bin ein Kind der Erde, wovor sollte ich Angst haben? Wenn ich auf dem Rücken lag, war es stockschwarz um mich herum. Drehte ich mich zur Seite, sah ich etwas Licht durch den Eingang. Einige Mal spürte ich ein Krabbeln auf der Haut. Was mir vorher noch etwas Sorgen gemacht hatte (werden Ameisen, Zecken oder Spinnen mich anknabbern), führte nun nur noch zu einer leichten Wischbewegung, um die unsichtbaren Tiere abzustreifen.

Erwartet hatte ich, daß ein klaustrophobisches Gefühl von „Begrabensein“ auftreten würde. Das war aber nicht der Fall, ich fühlte mich sauwohl in dieser Höhle. Um 3:30 Uhr gab ich es auf, die Kälte weiter auszuhalten und legte mir einen leichten Deckenschlafsack locker über. Danach schlief ich bis in die Morgenstunden durch, bis nach 8:00 Uhr, was relativ lang ist, wenn ich draußen schlafe. Schade, daß ich keine Tiere gesehen habe. Das nächtliche Konzert der Vögel war so auch schon beendet.

Kurz nach dem Aufwachen traf ein Sonnenstrahl mein Gesicht durch das dichte Blätterdach der umstehenden Bäume. Da wußte ich, daß ich alles richtig gemacht habe. Ich fühlte mich super nach dieser Nacht.

Am Vormittag hatte ich dann noch Gelegenheit, ein wenig durch das kleine Wäldchen zu streifen. Ich fühlte mich wunderbar, sehr verbunden mit der Natur. Beim Umarmen einer sehr alten Eiche flossen dann die Tränen von tief innen. Es war ein Gefühl von Ankommen und Loslassen. Eine weitere Barriere zwischen mir und der Natur war gefallen. Tränen der Freude und Tränen des Schmerzes über die vielen „verlorenen“ Jahre, in denen ich zu weit weg war von mir und von der Natur (was eh ein und dasselbe ist).

Es fällt mir immer schwer, in Worte zu fassen, was ich in solchen Momenten spüre. Auf jeden Fall sind solche Erfahrungen für mich unglaublich heilend.

Ich folgte einem Tierpfad durch ein mooriges Brombeergestrüpp, balancierte ein wenig auf einem toten Baumstamm und trat dann aus dem Wald heraus an den kleinen Bach, der dort floß – auf der anderen Seite ein Maisfeld.

Genau an meiner Stelle war das sumpfige Ufer leicht zugänglich, und es lag nahe, dort mal die Füße reinzustecken. Ach was, wenn schon, dann ganz, beschloß ich schnell. Ich zog mich nackt aus und legte mich in das nur 40cm tiefe Wasser. Das war mein allererstes Bad im Freien in diesem Jahr, und es tat unglaublich gut. Dieses Freiheits- und Glücksgefühl ist unbeschreiblich. Mir kam es vor wie eine Taufe. Nach der Erdtaufe letzte Nacht jetzt die Wassertaufe (und die Feuertaufe gab es vorher auch schon).

Ich fühlte mich wie im Paradies. Die Sonne schien warm. Vom leichten Wind ließ ich mich antrocknen (die Windtaufe auch noch), dann zog ich mich wieder an. Die letzte Herausforderung für diesen Morgen war dann ein Weg barfuß über die gemähte Weide mit vielen schon wieder sprießenden Brennesseln. Ich wußte es, daß sie mich heute nicht verbrennen würden (ich setzte meine Füße mit Bedacht neben die kleinen Pflanzen).

Mein Gott, war das schön! Voller Dankbarkeit und Freude verließ ich diesen schönen Ort!

Mittwoch, 13. Juli 2011

Baummarder

Letzte Woche sah ich erstmals einen Baummarder im Wald. Er überquerte in der Abenddämmerung den Weg vor mir und verschwand sehr schnell im Gebüsch. Diese Begegnung fand ich schon toll. Aber heute durfte ich an einer anderen Stelle gleich 3 von diesen Tieren beobachten. Ich schreckte sie durch meinen gewohnt zu schnellen und lauten Schritt vom Bachufer auf, sie kletterten geschwind auf verschiedene Bäume. Dann beäugten sie mich – und ich sie. Die ganze Zeit kommunizierten sie aufgeregt mit Lauten, die wie eine Mischung aus Husten und Bellen klangen.

Ich hatte keine Ahnung, daß Baummarder dermaßen flink und wendig auf Bäumen herumklettern können, ähnlich agil wie Eichhörnchen. Einer sprang von Baum zu Baum, als ich nicht verschwand und er sich anscheinend nicht mehr auf den Boden traute. Dabei löste er offenbar einen Vogel-Alarm aus. Einige Vögel hörten auf mit ihrem Gesang und stießen Warnlaute aus, die nach meinem Eindruck eher dem Raubtier als mir galten. Insgesamt eine begeisternde Vorführung, deren Zeuge ich sein durfte.

Mir wirkte es, als habe ich das Spiel von Geschwistern unterbrochen, es waren bestimmt Jungtiere. Zu lange wollte ich auch nicht stören. Da sie mich nunmal entdeckt hatten, half es auch nicht, als ich regungslos längere Zeit verharrte. Sie blieben bei ihren aufgeregten Rufen und dem Mißtrauen mir gegenüber. So ging ich denn nach einigen Minuten, um ihren Abendfrieden nicht länger zu stören.

Vorher habe ich Balancierübungen an einigen herumliegenden Baumstämmen gemacht. Ohne Absturz- und Verletzungsgefahr (wegen fehlender Höhe) geht das besonders gut. Ich merke, daß ich meinen Gleichgewichtssinn besser trainieren muß, das läßt nach bei jahrelanger Nicht-Benutzung. Insbesondere mit geschlossenen Augen fange ich sofort an zu wackeln, der feste Stand ist dann erstmal dahin. Mir macht das Üben Spaß, und ich finde es sehr sinnvoll. Ich möchte unbedingt wieder ein höheres Maß an Körperbeherrschung zurückgewinnen, das ich früher (in der Kindheit) noch hatte.

Ich habe auch Lust, mich wieder mehr zu bewegen, das läßt sich gut mit meinen Wald-Aufenthalten verbinden. Für den Sitzplatz habe ich zurzeit weniger Motivation, Stillsitzen muß ich schon den ganzen Arbeitstag lang. Und ich sehe auch mehr Tiere, wenn ich unterwegs bin. Bisher meist nur, weil ich sie dann aufscheuche, aber immerhin.

Ich bin hochmotiviert, demnächst mal unter einem selbstgebauten Dach im Wald zu schlafen, aber das muß noch warten. Zur Überbrückung habe ich mal wieder in meinem Garten geschlafen, als kein Regen angekündigt war. Ich hatte tatsächlich mehr Angst als im Wald. Unerklärliche Geräusche versetzten mir minutenlang einen tüchtigen Adrenalinschub – bis ich schließlich herausfand, daß ich das Weiterbewegen des Minutenzeigers meines Weckers gehört hatte. Puuh, und ich hatte an knackende Äste durch unbekannte Tiere gedacht.

Im Garten könnten mir vor allem Katzen begegnen. Die sind tagsüber gerne bei mir, weil ich so viele Versteckmöglichkeiten biete (leider fallen ihnen deshalb auch immer wieder Singvögel zum Opfer). Und Katzen sind ja – wenn auch gezähmte – Raubtiere. Ob die mich nachts angreifen würden, wenn sie die Gelegenheit hätten und ich ihnen irgendwie unheimlich oder im Weg bin?

Ganz toll finde ich, nachts den Wind spüren zu können und über mir den Sternenhimmel zu sehen. Außerdem komme ich morgens leichter hoch, weil einfach die Tierwelt schon so lange wach ist und die Vögel mich schon ab ca. 3 Uhr mit Gesängen begleiten.

Vielleicht gehe ich demnächst mal nachts oder frühmorgens im Wald spazieren. Das könnte ungewohnte Erlebnisse bewirken. Vor allem möchte ich üben, mich in diesen Situationen nach und nach sicherer zu fühlen – falls es mal eine Notsituation gibt, die mir ähnliches abverlangt. Und bei den drohenden Endzeitszenarien (nicht nur des Finanzsystems, sondern des gesamten zivilisatorischen Gesellschaftssytems) liegt das ja nicht so fern.

Dienstag, 5. Juli 2011

trauriger Wald

Ich bin traurig. Heute war ich erneut auf der Suche nach einem Waldabschnitt, der sich für den Bau einer Laubhütte eignet. Ich habe zwar einen Eichenwald gesehen, der sehr viel altes Laub bietet, aber dieser Abschnitt ist völlig einsichtig von einem Wanderweg und auf der anderen Seite von einem Feld. Es gibt hier überhaupt kein Unterholz und keine jungen Bäume, nur Altbestand, total einseitig.

An einer anderen Stelle sah ich lichten Mischwald, ebenfalls ohne jegliche Deckung, dafür aber mit viel aufgehäuftem Schnittholz von den letzten Baumfällaktionen. Totholz ist gut für den Wald, aber wenn es vom Menschen aufgeschichtet wird oder in großen Massen liegengelassen wird, scheint es mir auch nicht natürlich zu sein. Der Wald sieht einfach nur traurig aus. Dazu überall Müll, den unbedarfte Zeitgenossen liegenließen. Und überall, wo ein Auto vorfahren kann, wird kübelweise Gartenmüll in die Vegetation entleert, was den vermüllten Eindruck noch verstärkt, da es lange dauert, bis diese unnatürlich aufgeschichteten organischen Abfälle zur Erde zurückkehren.

Ich frage mich ernsthaft, wo in diesem total zerstückelten und insgesamt sehr kleinen Gebiet (das aber als großartiger Wald gilt, denn mehr gibt es in dieser Region nicht) die Rehe eine Rückzugsmöglichkeit finden, die ich doch ab und an auf meinen Streifzügen (leider) aufgeschreckt habe. Rundherum sind entweder Siedlungen, die sich wie Krebsgeschwüre nah sogar an die winzigen Naturschutzgebiete heranfressen, oder Ackerland, das Wildtieren auch nur wenig zu bieten hat.

Auch für meinen Wunsch nach mehr Wildnisnahrung gibt es wenig Möglichkeiten. Es ist sehr enttäuschend, wie wenig tatsächlich im Wald wächst. Am meisten findet sich noch an den Wegrändern, mit etwas mehr Sonnenlicht und vermutlich reichlich Düngung durch Hunde.

Ich wollte heute gerne Samen von Wildpflanzen ernten, um sie später an anderer Stelle auszustreuen, aber ich fand rein überhaupt nichts. Die Pflanzen, die überhaupt zu sehen waren, waren zumeist noch im Blüte-Stadium. An zwei Stellen, die im Frühjahr dicht mit Taubnessel bewachsen waren, fand ich überhaupt nichts mehr vor. Laut Bestimmungsbuch sollten diese jetzt noch Blattwerk zeigen, haben sie etwa schon komplett eingezogen? Vielleicht habe ich mich auch im genauen Ort vertan.

Wenn ich in den nächsten Jahren nicht wieder zeitaufwendig nach eßbaren Pflanzen suchen will, muß ich mir die wenigen Fundstellen, wo zumindest eine Art zahlreich vorkommt, tatsächlich aufschreiben.

Was es in diesem Wald reichlich gibt, sind Zecken. Fast von jedem Spaziergang bringe ich mir eine mit. Gerade eben spürte ich ein Krabbeln am Unterarm – das war schon wieder eine, die ich ausnahmsweise mal entdeckte, bevor sie sich festgebissen hat.

Es gibt einige schöne Ecken in diesem Wald, aber insgesamt scheint er mir im Ungleichgewicht zu sein. Oft sehe ich mir sinnlos erscheinende Zerstörung, etwa rabiat umgeknickte Äste selbst an den geschützteren Stellen. Es gibt dort mehrere Reiterhöfe, Bauernhöfe, Gaststätten, Kinderspielplätze, Wildpark, Reitwege, Spazierwege und einige von Radlern und Inline-Skatern gerne genutzte Asphaltstrecken. Insgesamt scheint der Wald übernutzt zu sein von zu vielen erholungssuchenden Menschen mit zu vielen verschiedenen Bedürfnissen (wo sollen die auch alle hin, Deutschland ist einfach stark überbevölkert).

Wenn ich dann noch die Wege verlasse, habe ich immer ein schlechtes Gewissen, weil das ja noch mehr Störung für die Tier- und Pflanzenwelt bedeutet. Hoffentlich kann ich es damit rechtfertigen, daß ich mehr über den richtigen Umgang mit der Natur lernen möchte.

Und dann würde ich beispielsweise gerne dazu beitragen, dort wieder mehr einheimische Pflanzen anzusiedeln. Dazu werde ich lernen müssen, wann genau welche Pflanzen Samen entwickeln und wie und wo diese einzusammeln sind. Auch Baumsetzlinge könnte ich (heimlich) pflanzen, in meinem Garten keimen jedes Jahr reichlich Eiche, Ahorn und Walnuß, die ich ja doch leider ausreißen muß. Es wäre gut zu wissen, welche Pflanzen der Förster bevorzugen würde.

Mittwoch, 15. Juni 2011

Waldspaziergang

Heute war ich mal wieder im Wald auf der Suche nach einem passenden Fleck, um später mal eine Laubhütte zu bauen. Mir schien, daß vor mir schon etliche andere Menschen Laubhütten im Wald gebaut haben, ich fand einige eindeutige Überbleibsel. Auch offenbar bewußt zurechtgelegte flache Steine wie von einer Feuerstelle oder vielleicht sogar einem Backofen fand ich. Es gibt offenkundig Wildnisgruppen oder auch einzelne Wildnisfreunde hier in der Umgebung. Ich fand auch einen Gruppensitzplatz mit Baumstämmen im Kreis auf einer Lichtung.

Dann fand ich auch auf 3*3m² plattgedrücktes Gras – da hat bestimmt kürzlich ein großes Zelt gestanden, vielleicht ja über Pfingsten.

Lieber wäre mir, ich würde „unberührte“ Natur finden, weil dann die Wahrscheinlichkeit geringer wäre, daß ich dort von anderen Menschen entdeckt würde. Aber der Wald ist einfach zu klein, das wird mir kaum gelingen.

Ich habe mir eine Stelle ausgeguckt, an der bereits zwei halb schräg liegende Bäume ein natürliches Dach bilden, das nur ergänzt werden müßte. Es wäre nur 50-100m vom nächsten Waldweg entfernt und angrenzend an ein bebautes Grundstück, ich müßte mich dort sehr ruhig und unauffällig verhalten. Schwierig, da der Aufbau einer solchen Hütte einige Stunden in Anspruch nehmen dürfte und auch alles andere als lautlos wäre. Ich werde diese Arbeit wohl auf mehrere Tage verteilen – mit dem Risiko, daß mein Unterschlupf vorzeitig entdeckt wird. Mal sehen, ob ich diese Aktion allein in Angriff nehme.

Eine Wildnis-Freundin hat mir vorgeschlagen, zusammen die Laubhütte zu bauen, und ich habe gleich zugestimmt. Das ginge schneller und wäre deutlich angstfreier. Unabhängig davon würde ich es aber gerne auch mal ganz alleine wagen.

Es würde mir viel innere Unabhängigkeit geben, wenn ich die Angst vor der Nacht draußen weiter abbauen könnte. Sonst bin ich immer darauf bedacht, nachts unter ein festes Dach zu gelangen. Aber warum eigentlich? Unsere Vorfahren hatten das auch nicht.

Im Bogen kehrte ich an meinen zweiten Sitzplatz zurück, den ich im zeitigen Frühjahr genutzt hatte. Es war sehr schön, dort mal wieder übers Moor zu schauen und die deutlichen Veränderungen zu sehen. Das Wollgras faszinierte mich. Einige Spaziergänger und Jogger kamen vorbei. Sie störten meine innere Einkehr weit weniger als vor Monaten. Ich fühle mich schon recht heimisch im Wald dort.

Ich machte einen Versuch, mit Feuerstahl und Feuerstein Glut zu erzeugen – und beim allerersten Schlag fing der Zunder Glut ein. Ein Glückstreffer! Ein Feuer wollte ich dort ja nun nicht entzünden, es sollte nur eine Übung sein, deshalb löschte ich den Zunder sorgfältig. Weitere Versuche klappten dann natürlich nicht – ohne Not läßt sich das Feuer eben nicht empfangen.

Auf dem Rückweg landete ein Buchfink wenige Meter vor mir auf der Erde. Ich beobachtete ihn, wie er mit kleinen, schneller Hüpfern über den Weg huschte und hier und dort etwas aufpickte. Als ich nach einer Mücke an der Schläfe griff, flog er auf. Offenbar hatte er mich vorher nicht wahrgenommen.

Dann hörte ich noch einige Mal ein besonders lauten Knacken bzw. Brechen von großen Ästen. Erst überlegte ich, ob Rehe so laut durchs Unterholz brechen, aber dann gelangte ich zu der Überzeugung, daß es sich um einen Menschen handeln muß. Prompt war mir etwas mulmig, und ich war froh, daß ich dann zügig zum Auto zurückkehren konnte.

Samstag, 11. Juni 2011

Nacht im Wald

Die letzte Nacht habe ich an meinem Sitzplatz geschlafen – einem meiner Sitzplätze im Wald. Ich kam erst nach 22:00 Uhr dorthin, im Halbdunkel spannte ich dann eine einfache grüne Plane (2*3m) als Tarp auf, da Regen angekündigt worden war. Ich wollte es bewußt unkompliziert machen, hatte nur wenig Sachen dabei, vor allem Isomatte, Schlafsack und ein kleines Kissen.

Anders als sonst, wenn ich (im Urlaub) im Zelt geschlafen habe, habe ich mich auch nicht umgezogen, sondern nur Jacke und Schuhe ausgezogen und dann rein in den Schlafsack.

Ich lag sehr uneben und zusätzlich mit seitlichem Gefälle, so daß es schwierig war, die Position zu halten. Zudem war der neue Schlafsack vom Discounter sehr rutschig, rund um die Schultern zu eng, und der Reißverschluß ging ständig auf. Es war unbequem, aber jedenfalls warm (fast zu warm).

Die Mücken starteten ihre Attacken typischerweise erst genau dann, als ich endlich ruhig lag. Aber damit hatte ich gerechnet und war darauf vorbereitet. Ich zog mir ein Mückenschutznetz über Kappe und Gesicht. Das Summen dicht an meinem Ohr konnte ich so gelassen ertragen. Das Gesicht wurde verschont, stattdessen wurden meine Finger mehrfach angezapft, was mir unangenehm heiße Hände machte.

Etwas Angst hatte ich vor dem Schlafen im Wald, aber ich dachte seit der Entscheidung am Tag vorher nicht lange darüber nach, sondern ging es einfach an. Ängste muß man möglichst bei den Hörnern nehmen.

Als ich die widerspenstige und laut knisternde Plane aufspannte (es gab nicht genug Abspannpunkte an Bäumen, so mußte ich einige Zeit herumprobieren, wie es gehen konnte) und mit selbstgeschnitzten Heringen aus Totholz an zwei Seiten feststeckte (also zwei Seiten offen), machte ich mir klar, daß es eigentlich einfach nur Arbeit ist, was ich da tue – nichts besonderes. Auch jedes Tier macht sich einen Schlafplatz zurecht, so auch der Mensch, wenn er unterwegs ist.

Ich lag so, daß ich den Mond sehen konnte, bis er später von Wolken verdeckt wurde. Nach einiger Zeit leuchtete ein heller Stern (vielleicht eher ein Planet) genau von oben auf mich herunter und ließ mich lächeln. Das nahm ich als gutes Zeichen dafür, daß ich hier willkommen bin. Es war sehr, sehr still im Wald, nachdem die Vögel nach und nach verstummt waren. In der Ferne hörte ich die Straße sowie sporadisch weitere Zivilisationsgeräusche. Ich stellte mir vor, daß ein Säugetier in meine Nähe kommen könnte (z.B. eines der Rehe, deren Spuren ich in der Nähe am Bach gesehen habe), und hätte mich darüber gefreut. Aber es blieb ruhig um mich herum, zumindest bemerkte ich nichts.

Wenn ich meine Hand ausstreckte, konnte ich den Stamm der großen Kiefer berühren, an der gelehnt ich einige Mal gesessen habe. Das war sehr beruhigend. Nachdem ich erstmal unter der Plane lag, hatte ich keine Angst mehr. Ich fragte mich nur, warum ich mir das antue, statt einfach gemütlich in meinem Bett zu liegen.

Ich schlief sehr unruhig, war gefühlt alle 20 Minuten wach. Es wurde kaum richtig dunkel, obwohl Bewölkung aufzog. Der Regen blieb aus, so daß ich mir die Plane eigentlich hätte sparen können.

Gegen 5:00 Uhr wachte ich mal wieder auf und hörte ein wunderschönes vielstimmiges Vogelkonzert. Ich glaube, so intensiv habe ich es noch nie gehört. Ich konnte mich trotzdem nicht richtig darauf einlassen, denn ich war traurig, ohne zu wissen warum. Eine Zeitlang hörte ich noch den Vögeln zu, dann pellte ich mich aus dem Schlafsack und ging wenig später daran, alles wieder abzubauen.

Als die paar Sachen gepackt waren, überlegte ich, ob ich noch einige Zeit einfach sitzenbleiben sollte, um den jungen Tag zu genießen – einmalige Gelegenheit, denn sonst bin ich nie so früh auf – aber mir fehlte die innere Ruhe. Ich schaute noch kurz nach dem Amselnest in der Nähe. Ich konnte aus einiger Entfernung nichts erkennen, was mich erneut traurig machte. Zweimal habe ich die Amselmutter in den letzten Wochen aus ihrem Nest vertrieben, einige weitere Mal war ich dicht daran vorbeigepoltert – ob ich sie dazu veranlaßt habe, ihre Brut aufzugeben? Ich kann mir nicht vorstellen, daß die Küken schon flügge sind, so schnell geht das doch nicht? Schade, ich hätte so gerne mal eine Amsel beim Füttern ihrer Küken beobachtet. Aber noch mehr stimmte mich der Gedanke traurig, daß ich vielleicht Ursache eines Brutmißerfolgs bin.

Wie zur Bestätigung gab es dann laute Warnrufe einer Amsel, die offenbar mich als Bedrohung outen sollten. Ich hatte aber nicht den Eindruck, daß es was mit dem Nest zu tun hatte, sondern eher generell mit meiner Anwesenheit im Wald.

Als ich dann mit meinem Gepäck durch Unterholz ging, fühlte ich mich wie ein Fremdkörper. Ich bin entsetzlich laut, wenn ich mich im Wald bewege, vertreibe alle Tiere schon aus weiter Entfernung und störe sie in ihrem Tagesablauf. Ich möchte gerne lernen, mich lautlos im Wald zu bewegen. Dann würde ich mich weniger als Eindringling fühlen.

Ich bin ein wenig stolz jetzt, daß ich diese Herausforderung gemeistert habe. In Zivilisationsnähe zu kampieren, finde ich schwieriger als in echter Wildnis. Zum Glück gab es in der Nacht kein erschreckendes Hundegebell in der Nähe und auch sonst keine ungewohnten Geräusche. Es war eigentlich so vertraut, als hätte ich in meinem Garten geschlafen. Nichts besonderes.

Jetzt kann ich mir auch vorstellen, im Wald mal eine Laubhütte zu bauen und dann dort zu schlafen. Das wäre nur sehr zeitaufwendig und ich bin nicht ganz sicher, ob ich den richtigen Ort schon gefunden habe – hat aber auch noch etwas Zeit.

Auf dem Weg nach Hause mit dem Auto stellte ich überrascht fest, daß schon einige Autos unterwegs waren - und daß der Bäcker um die Ecke schon um 5:30 Uhr öffnet. So gab es heute frische Brötchen zum Frühstück – draußen auf meiner Terrasse, während die Nachbarschaft noch schlief.

Ich spürte meiner Traurigkeit noch nach: sie enthielt Naturentfremdung und Sehnsucht nach mehr Naturverbindung, Einsamkeit, Sehnsucht nach Gemeinschaft mit gleichgesonnenen Menschen und sogar etwas Sinnlosigkeit – wozu dieses ganze anstrengende Leben, warum kann ich mich nicht einfach hinlegen und nichts tun? Wozu das ganze Gerenne und Gehetze? Ich sehne mich nach Vereinfachung und Entschleunigung meines Lebens.

Ich bin ein Kind der Erde. Warum sollte ich mir nicht diesen Raum in freier Natur zurückerobern? Das bedeutet Freiheit!

Freitag, 10. Juni 2011

freies Tanzen

Am Abend war ich nach längerer Pause endlich mal wieder zur Tanz-Therapie. Thema war Buddha/Erleuchtung. Es war ein wunderbarer Abend. Ich war gleich zu Beginn in einer friedvollen, gelösten Stimmung, die dann mehrfach zwischen feinem Glück und fast verdautem sehnsuchtsvollem Schmerz hin und her pendelte.

Die Sehnsucht bezog sich auf meinen Wunsch, in näherem Kontakt zur Natur zu sein, mit ihr eins zu werden. Ich bin ja jetzt auf dem Weg zu mehr Naturverbindung, auch wenn ich mir wünschen würde, daß es schneller voranginge.

Ich fühlte mich so frei und sicher, daß ich während des letzten Tanzes beschloß, daß ich gerne morgen im Wald übernachten würde. Mit der Laubhütte wird das so kurzfristig nichts. Aber ich könnte ja – trockene Witterung vorausgesetzt – einfach unter freiem Himmel schlafen. Das habe ich früher auch schon gemacht, aber noch nie in Deutschland, es war immer im Auslandsurlaub.

Hier ist es mir für solche Abenteuer eigentlich zu dicht besiedelt, aber ich kann es ja trotzdem mal ausprobieren.

Nach dem Tanzen fuhr ich noch schnell zu meinem Sitzplatz. Ich fand ihn auch im Dunkeln wieder – na ja, allzu dunkel war es nicht, noch ein Rest Sonnenlicht in der Atmosphäre und ziemlich viel Mondlicht. Ich legte mich kurz ins Gras und stellte mir vor, wie es wäre, dort zu schlafen. Die Straße und mein Auto wären nicht weit entfernt. Im Notfall könnte ich abbrechen und schnell nach Hause zurückkehren. Also warum nicht? Mal schauen, ob ich mich morgen überwinden kann.

Donnerstag, 9. Juni 2011

Nach Regen im Wald

Heute war ich nach starkem Regen im Wald. Schön ruhig war es da, keine anderen Spaziergänger. Ich fühle mich wesentlich sicherer alleine unterwegs als noch vor wenigen Monaten. Nicht mehr bei jedem Geräusch zucke ich zusammen und drehe mich um, nur noch bei größeren Geräuschen.

Ich habe nach einem Stück Laubwald gesucht, in dem ich vielleicht mal eine Laubhütte bauen kann, um dann dort zu übernachten. Eine große Mutprobe. Am meisten habe ich Angst, ich könnte dort von freilaufenden Hunden aufgespürt und bedroht werden. Direkt danach kommt die Angst vor übelwollenden Menschen. Es ist halt alles Großstadtnähe hier. Zu viele Menschen im Umkreis. Richtig einsame Gegenden gibt es in Deutschland ja kaum.

Das erschwert es. Aber ich möchte unbedingt das Erlebnis Laubhütte mal ausprobieren. Und jetzt an den sehr langen Abenden im Juni/Juli wäre die am besten geeignete Zeit. Gut wäre es, wenn das Wetter nicht allzu freundlich wäre, dann wäre es ruhiger im Wald. Und ich würde mir wohl einen Wecker mitnehmen, um morgens mit den Vögeln aufzustehen. Es wäre auch eine Chance zur frühen Vogelbeobachtung, was sonst nicht so meine Zeit ist.

Als ich den Wanderweg verließ, um das Gebüsch zu erkunden, schreckte ich ein großes Reh nur wenige Meter neben mir auf, das dann panikartig tiefer in den Wald floh. Unaufmerksam wie ich bin, hatte ich es vorab nicht bemerkt. Von leisem Schleichen durch den Wald im Einklang mit den dort lebenden Tieren bin ich sehr, sehr weit entfernt.

Meine Regenkleidung hielt ebenso wie meine Schuhe die Nässe vom Körper ab. Das ist schonmal gut zu wissen. Aber die Kleidung ist zu bunt und macht zu viele Geräusche – nicht optimal im Wald, wenn man sich gerne auch wilden Tieren nähern will.

Ich spürte heute sehr stark meine Sehnsucht nach mehr Naturverbindung. Es wäre toll, wenn ich mich irgendwann angstfrei in der Natur aufhalten könnte. Heute steckt noch zu viel anerzogene Struktur in mir: „Achtung, verlasse nicht die Wege, das ist gefährlich und verboten. Geh nicht alleine in den Wald. Geh nicht abends an einsame Orte. Bleib lieber im sicheren Haus.“

Aber es IST sicher für Menschen in der Natur. Schließlich sind wir seit Jahrmillionen ein Teil von ihr (und sie von uns). Wir müssen uns nur wieder daran gewöhnen.

Mittwoch, 18. Mai 2011

Sinne schärfen

Gestern hatte ich die Gelegenheit, schon nachmittags in den Wald zu gehen. Ich fand meinen jüngsten Sitzplatz nicht wieder. Nach dem zweiten vergeblichen Versuch, entschied ich mich, einfach erneut einen neuen Platz zu suchen. Es spricht für mangelnde Aufmerksamkeit, wenn ich so die Orientierung verliere. Auch für Unstetigkeit, wenn ich ständig neue Plätze aufsuche für meine Sitzplatzübung. Aber vielleicht muß es derzeit so sein, bis ich den „richtigen“ Platz gefunden habe?

Es geht bei mir bisher auch weniger darum, viele Tierbeobachtungen zu machen (meistens sehe ich keine), sondern eher darum, meinen Geist zu beruhigen. Gestern verlor ich mich beim Sitzen im Ausdenken von naturnahen Übungen. Eine davon probierte ich gleich im Anschluß aus. Ich habe das früher schon gerne gespielt.

Man suche sich eine halbwegs offene Fläche möglichst ohne dorniges Gestrüpp mit je einem Baum als Start- und Zielpunkt, mindestens 10m auseinander. Man präge sich die umgebende Natur etwas ein. Dann gilt es, mit geschlossenen oder verbundenen Augen von einem Baum zum anderen zu gelangen, was gar nicht so leicht ist.

Mir macht das Spaß. Es schult die Sinne, die sonst weniger Beachtung bekommen – Gehör, Geruch, Tastsinn - und das Gleichgewichtsgefühl, es führt zuweilen an die Grenzen von Angst oder Verwirrung. Wenn ich unerwartet in einem Gestrüpp lande, weil ich vom Weg abgekommen bin – suche ich dann weiter oder gebe ich gleich auf? Wie reagiere ich bei einem unerwarteten Geräusch? Hat der Vogel dort hinten noch den gleichen Platz, so daß mir sein Gesang eine Orientierung geben kann?

Ich war gestern weitgehend angstfrei, und da sehe ich schon den Erfolg der letzten Monate. Denn vor einigen Monaten fühlte ich mich noch „komisch“, wenn mich jemand am Wegrand sitzen sah, und ich zuckte bei jedem Knistern zusammen. Unterdessen bin ich unerschrockener. Gestern fühlte ich mich sicher, mitten im Gehölz ist mir bisher aber auch kein Mensch begegnet.

Ich hatte während dieses Spiels einige sehr dichte Erfahrungsmomente, als meine Aufmerksamkeit sehr nah im Hier und Jetzt und bei den Sinneseindrücken verweilte – bevor mich wieder irgendein Gedanke aus der meditativen Stille riß.

Interessant war, daß ich zweimal mein Ziel verfehlte, wobei ich einmal nur knapp daneben aufgab, das andere Mal völlig vom Weg abgekommen war. Danach probierte ich es barfuß. Und plötzlich hatte ich Erfolg. Meine Füße folgten problemlos dem schmalen leicht gewundenen Trampelpfad, der zwischen den Grasbüscheln grasfrei und überwiegend nur mit Fichtennadeln und Zapfen bedeckt war und etwa in die richtige Richtung führte. Einige kreuz und quer liegende größere Äste gaben zusätzlich Orientierung.

„Schuhe sind wie Augenbinden für die Füße“ – diese Aussage einer südamerikanischen weisen Frau fand ich so bestätigt. Wenn schon die Augen mal nichts sehen, ist es umso wichtiger, daß andere Sinne offen und empfänglich sind.

Es schafft eine tiefere Verbindung zu mir selbst und zur Natur. Denn wer kann schon richtig sehen? Unser Sehsinn ist korrumpiert durch massive Reizüberflutung und zudem durch die Neigung, alles was wir sehen, nur durch Denkschablonen wahrzunehmen: „das ist ein Baum“ – und schon haben wir vor dem geistigen Auge eine Schablone von einem Stamm, Ästen und vielleicht viel flächiges Grün, so wie ein Kind einen Baum malen würde, mehr ein Piktogramm als ein lebendiges individuelles Wesen. Die Schablone verhindert, daß wir den Baum sehen, wie er wirklich ist. Bei den normalerweise im Alltag weniger stark genutzten Sinnen ist das Risiko der schablonenhaften Wahrnehmung deutlich geringer.

Nach der Übung fühlte ich mich sehr weich. Da ich eh schon barfuß war, watete ich zum ersten Mal durch den kleinen Bach in der Nähe, der nach dem vielen Regen nun deutlich mehr Wasser führte. Kalt war es. Erfrischt kehrte ich zu meinem Auto zurück.

Montag, 9. Mai 2011

Federn

Von einer mehrstündigen Autofahrt zurückkommend fuhr ich heute direkt in den Wald. Anstatt sofort zu meinem Siztplatz zu gehen, gab ich meinem Bewegungsdrang nach und folgte einem kleinen Pfad entlang dem Bach, den ich neulich schon gesehen hatte. Das Gebiet wird offenbar von Kinder- und/oder Jugendgruppen genutzt, ich fand diverse Stellen, an denen sie Spuren hinterlassen hatten: eine Hütte aus Zweigen, eine Feuerstelle, ein Floß aus einem rieisigen halben Baumstamm, ein dickes Tau mit einem Holzgriff, um sich über den Bach zu schwingen. Dazu noch sehr viele Baumstämme, die offenbar als Brücke an verschiedenen Stellen dienen.

Auf diese Stämme traue ich mich derzeit noch nicht, aber ich habe zahlreiche kreuz und quer liegende „Kletterbäume“ zum Üben genutzt. Ich möchte gerne meinen Gleichgewichtssinn verbessern. Als Kind konnte ich problemlos freihändig über „Stock und Stein“ balancieren. Wenn ich wie heute unbeobachtet bin, kann ich ungehemmter balancieren, das macht mir so viel Spaß.

Dann fand ich einige sehr kleine Flaumfedern, die meine Neugier weckten. Ich suchte nach und nach mehrere Quadratmeter im Umfeld systematisch ab und fand schließlich eine ganze Tüte voller kleiner Flaumfedern. Es waren nur zwei kräftigere Federn von den Schwingen dabei. Wo ist der Rest geblieben? Die Federn waren offenbar vom Wind schon stark verteilt worden, und da es seit Wochen nicht geregnet hat, könnten sie schon länger dort gelegen haben. Die beiden Schwungfedern waren abgebissen, nicht gerupft. Daraus habe ich geschlossen, daß der Räuber wohl ein Säugetier war, ein Fuchs vielleicht. Vielleicht war es ein Jungvogel, der noch keine richtigen Schwungfedern ausgebildet hatte.

Nun machte mir mein kleiner Spaziergang so viel Freude, daß ich beschloß, dem Bachlauf weiterzufolgen und auf die Sitzplatzübung heute zu verzichten. Es ist gut, immer der inneren Eingebung zu folgen, nicht irgendeiner verstandesmäßigen Vorgabe. Das Gelände ist ein wunderbarer Spielplatz, für Kinder sowieso, aber warum nicht auch für Erwachsene? Wenige Spaziergänger sind dort zu erwarten (ich traf keine), weil die vielen quergelegten Baumstämme das Gehen behindern. Die Spaziergänger mit ihren Hunden sind auf der anderen Seite des Bachlaufs, bei der Pferdekoppel.

Ich ging weiter, bis der Wald an ein offenes Feld grenzte. Dahinter sah ich einen Wanderweg, den ich mir vorher auf der Karte angesehen hatte. Da ich keine Lust hatte, auf den offiziellen Weg zu gehen, folgte ich einem weiteren Trampelpfad durch den Wald entlang des Feldrands. Es war total schön da. Ich hörte viele Vögel, sah sie wie meistens zunächst nicht. Aber dann konnte ich einen Vogel hoch oben in einer Eiche beobachten. Er knabberte da irgendwas, evt. zupfte er an den jungen Blättern? Welche Vogel macht sowas? Ich konnte ihn nicht bestimmen, er war etwas kleiner als eine Amsel, mit recht langem dünnen Schwanz und bräunlich. Ich werde nachher meine Bestimmungsbücher wälzen, aber vermutlich habe ich zuwenige Details erspähen können.

Das beste kam noch. Ich stieß auf einen Reitweg, von dem ich nach Himmelsrichtung vermutete, daß er mich zu meinem Auto zurückführen würde. Da war es heute abend schön still. An einer Wegkreuzung sah ich dann etwas, was ich so noch nie im Wald gefunden habe: einen riesigen Haufen weißer Federn, rund um einen Baumstumpf verteilt. Ich schaute mir das Schlachtfeld an. Nur Federn, keine Reste von dem Vogel, der getötet wurde. Alle Federn fein säuberlich gerupft. Also war ein Greifvogel der Jäger.

Ich hatte es auch genau so geschildert bekommen: einige Greifvögel rupfen die Beute gerne auf einem Baumstumpf. Offenbar war kein Mensch vor mir an diesem Rupfplatz. Ich fing sofort an, die Federn einzusammeln. Ich möchte gerne später die Schwingen zusammenpuzzeln, um etwas darüber zu lernen. Also suchte ich alle größeren Federn und auch noch einige Handvoll Flaumfedern. Ich hielt das Opfer zunächst für eine Taube, da sah ich, daß etliche kleine Federn einen sehr schönen grünen Schimmer hatten, einige auch einen dunkelroten. Ansonsten nur weiße oder schwarz-weiß gescheckte Federn. Eine Ringeltaube? Aber die hat doch ein graues Deckgefieder, das kann es wohl nicht sein. Ich werde auch hierfür ein Bestimmungsbuch bemühen müssen.

Als ich diesen Berg Federn einsammelte und mir bewußt wurde, daß es kein Zufall ist, sondern daß ich von meiner Intuition hierhin geführt wurde, erfüllte mich ein sehr starkes Glücksgefühl. DAS ist meine Welt, HIER lebe ich auf. Ich möche so gerne alles lernen über Zusammenhänge in der Natur. Und ich möchte vor allem die Natur erleben, mit allen Sinnen. Dieser Wald, obwohl nur auf kleiner Fläche, ist wunder-, wunderschön. Ich gehöre hierhin, in diesen Wald, und ich möchte ihn noch viel besser kennenlernen.

Der innere Druck – „was nur soll ich mit/nach dieser Weiterbildung anfangen“ – ist zurückgegangen. Ich mache das zunächst mal für mich selber. Wenn ich sooo glücklich sein kann im Wald, dann möchte ich ihn so oft wie möglich aufsuchen. Es ist ganz klar, daß es für mich der richtige Weg ist. Wo auch immer er mich hinführt.

Das war ein magisches Erlebnis heute. Dieser riesige Haufen weißer Federn: unschuldig und rein, obwohl sie doch Zeichen einer Tötung waren. Aber wenn der Tod wie hier im Einklang mit der Schöpfung erfolgt, weil einfach ein Vogel einen anderen tötet, um ihn als Nahrung zu nehmen, dann empfinde ich den Tod als heilig. Mich macht der Tod sehr still und weit.

Montag, 2. Mai 2011

Begegnung im Wald

Ich war mal wieder eine Stunde auf meinem neuen Sitzplatz im Wald. Es war schon spät, zur Zeit des Sonnenuntergangs, nur die Baumwipfel waren noch beschienen. Ziemlich kalt. Keine Mücken diesmal. Einige Vögel waren zu hören, aber keiner hat sich mir gezeigt.

Als ich mich setzte, war da zunächst Traurigkeit. Ich konzentrierte mich auf meine Gefühle und versuchte, tiefer zu schauen. Welches Gefühl ist da, und welches Gefühl liegt noch tiefer? Die Kette bei mir war heute: Traurigkeit, Nicht-Wahrgenommen-Werden, Selbstverachtung, Scham, Schuld. Weiter gelang ich nicht. Es lösten sich viele Tränen.

Mir wurde klar, daß ich mich selbst steif und hart gemacht habe, um nicht spüren zu müssen, was anscheinend mal unerträglich war. Und diesen Panzer trage ich noch heute. Er verursacht Schuld mir selbst gegenüber. Ich habe mich damit eingesperrt.

Ich blickte auf und sah eine junge Traubenkirsche vor mir, die sich gerade sanft im Wind verneigte. Das rührte mich. Darum gehts bei mir. Wenn der Wind weht, kann ich mich einfach sanft oder auch mal unsanft vom Wind bewegen lassen. Es gibt keine Notwendigkeit, Widerstand zu leisten.

Ich sprach dann noch ein stilles Gebet, erst ein Bittgebet, anschließend ein Dank.

Danach war ich wieder einigermaßen im Frieden und konnte mich auf die Natur um mich herum einlassen.

Mir fiel auf, daß die Kiefern nicht mehr knistern. Wochenlang haben sie immer geknistert, ich bin nicht dahintergekommen, woran es liegt. Ob es was mit dem Frühlingserwachen zu tun hat, vielleicht Zapfen, die sich öffnen? Heute waren sie still. Kein Knistern mehr.

In nicht allzu großer Ferne ab und zu Kinderlachen, ein Pferd, das geritten wird, ein anderes auf der Wiese hinter dem Bach, das wieherte. Auch mal Hundebellen in der Ferne. Ich sitze nicht weit ab von einigen Wanderwegen und einer Straße, aber weit genug ab, um nicht gesehen zu werden, solange nicht andere Menschen so wie ich durch den Wald schleichen.

Wilde Tiere wollten sich mir heute nicht zeigen. So lauschte ich nur still und versuchte, die Gedanken zu lassen. Wenn die Gedanken mal für ein paar Augenblicke schweigen, ist sofort mehr Wahrnehmung da.

Als eine Stunde vorbei war und die Kälte doch etwas unter meine Kleidung gekrochen war, stand ich vorsichtig auf und folgte dem Gesang eines Vogels, den ich schon eine Weile gehört hatte. Endlich eine Gelegenheit, mal den Fuchsgang zu üben. Leise Schleichen war mir bei den vielen trockenen Ästen und Laub auf dem Waldboden leider kaum möglich. Trotzdem ließ mich der Vogel immer näher kommen.

Endlich klang der Gesang so laut, als sei der Vogel direkt vor mir. Ich konnte ihn nicht finden, nichts zu sehen in der Dämmerung. Eine ganze Weile suchten meine Augen vorsichtig die Bäume vor mir ab. Endlich sah ich ihn. Er saß auf einem Ast einer Kiefer ganz knapp vor und nur wenige Meter über mir, getarnt gegen den Stamm, was ich nicht erwartet hatte. Ein Rotkehlchen! Wunderschön sang es.

Es flog auf und landete direkt über mir. Ergriffen blieb ich stehen und lauschte noch eine ganze Weile. Dann schlich ich vorsichtig davon, um das Rotkehlchen nicht weiter zu stören. Schönes Erlebnis. Wenn dort sein Revier ist, kann ich es vielleicht noch öfter beobachten.

Auf dem Rückweg zum Auto, unterdessen war es schon recht dunkel, folgte ich mit schnellen Schritten einem Weg, als mir plötzlich auf dem Weg ein Tier entgegenlief. „Ein Wolf!“, fuhr mir in der ersten Schrecksekunde durch den Kopf. ANGST! „Nein, ein Hund, ein großer Hund“, war der zweite Gedanke, was meine Angst nur unwesentlich verringerte. „Ok, ich gehe weiter und lasse mir meine Angst nicht anmerken“. In dem Moment sprang das Tier zur Seite ins Gebüsch und verschwand. Von der Seite sah es aus wie ein Reh. Es muß dann aber wohl ein junges Reh gewesen sein, denn es schien mir kleiner als hüfthoch zu sein.

Schade, daß ich mir durch meine Angst eine mögliche Begegnung verunmöglicht habe. Beim nächsten Mal könnte ich ja mehr am Wegrand gehen, vorsichtig, und bei Beobachtungen sofort stehenbleiben. Dazu war heute meine Angst zu groß.

Dienstag, 26. April 2011

neuer Wald-Sitzplatz

Heute habe ich mir einen neuen Sitzplatz im Wald gesucht – uneinsehbar von den umgebenden Wanderwegen. Endlich habe ich mal eine ganze Stunde ausgehalten. Die Mücken waren lästig, aber das kenne ich ja aus dem Norden, habe es also ertragen. Der Wald ist unglaublich friedlich und still – wenn ich nur mal selber zur Ruhe komme. Meine Seele brütete gerade mal wieder etwas auf. Ich spürte eine ohnmächtige Wut, kam aber nicht näher an das Gefühl heran. Irgendwann legte es sich etwas, und es wurde friedlicher in mir.

Es dauerte lange, bis die ersten Vögel sich in meine Nähe trauten. Einen Specht sah ich, aber nur aus der Ferne, Rabenkrähen, die den Wald überflogen, eine Taube. Und eine kleine Meise, die in einem Busch ganz nah zwitscherte.

Nachher ging ich weiter zu einem kleinen Bachlauf in der Nähe. Auf dem Weg dahin fand ich eine sandige Stelle mit Hummeln, die dort wohnen. Und ich fand etwas, das ich noch nie gesehen habe: etwas, das aussah wie ein Vogelnest, aber auf den Kopf gestellt und auf dem Boden, an einem Kieferstamm. In diesem Bau war ein recht großes Loch. Welches Tier baut sich aus recht dicken Holstöcken und wenig Moos ein Nest am Boden? Ich werde nachforschen. Diese Entdeckung war sehr spannend. Für eine Maus war es viel zu groß. Vielleicht ein Fuchs? Aber ich dachte, daß der sich in die Erde gräbt. Ich weiß erschreckend wenig über das Leben der Säugetiere im Wald, stelle ich gerade fest.

Am Bachufer suchte ich nach Spuren im Matsch. Und fand einige Spuren von Rehen. Die wagen sich also nahe an die Menschen heran, denn auf der anderen Seite ist eine Pferdeweide und ein Wanderpfad und die Straße ist auch nicht fern.

Mir hat dieser kleine Ausflug heute sehr viel Freude gemacht. Als ich dann am späten Abend noch nach viel Rascheln in der Hecke einen Igel im Garten entdeckte, war die Freude nochmal größer. Natur ist schön. :-)

Dienstag, 29. März 2011

Vögel im Wald

Gestern habe ich im Wald die ersten roten Waldameisen gesehen, die behende zwischen dem trockenen Gras herumkletterten. Vögel zu beobachten finde ich im Wald dagegen vergleichsweise schwer. Im Garten kommen sie mir viel näher, im Wald höre ich sie wohl, aber sehe sie kaum.

Heute machte ich nach der Arbeit einen Spaziergang in der Abenddämmerung. Es war schön menschenleer. Trotzdem wich meine Angst vor dem gefährlichsten Raubtier – dem Menschen – nicht ganz.

Am Rand des Moores steht eine einzelne Bank, die habe ich heute mal gewählt. Ich hörte die Gänse und Enten schnattern, die offenbar in den moorigen Tümpeln Futter und vielleicht auch schon Nistplätze suchen.

Ein Graureiher flog vorbei. Und erstmals hörte ich seinen sehr markanten Ruf. Ich hätte es für einen Gänseruf gehalten, wenn ich ihn dabei nicht gesehen hätte.

Ich wurde langsam stiller, konzentrierte mich ganz auf das Gehör und genoß das unsichtbare Vogelkonzert um mich herum. Für einen kurzen Moment hörte mein inneres Geschwätz auf, Stille. :-) Es wäre schön, wenn ich dort noch besser loslassen könnte, aber leider setzten die Gedanken gleich wieder ein. Ich fühle mich noch nicht sicher genug, um wirklich mal eine ganze Stunde an einem Ort zu sitzen, so war es nur etwa ein Viertel davon.

Als ich schon aufstehen wollte, sah ich aus dem Augenwinkel eine Bewegung eines großen Vogels etwa 50m von mir entfernt. Im Geäst einer Kiefer konnte ich schemenhaft nach seiner Landung dieses große Tier sehen. Nach Größe und Art der Bewegungen zu schließen, hielt ich es für eine Eule, bestimmt 30-40cm groß. So in der Natur sah ich noch nie eine Eule in einem Baum sitzen, das war schon ein sehr besonderes Erlebnis. Ich konnte kurz danach sehen, wie sie ihren Ansitz verließ und etwas später auf einem anderen trockenen Ast landete. Sehr spannend. Gerne wäre ich näher herangegangen, wollte sie aber nicht stören.

So verließ ich denn diesen Ort mit der festen Absicht, bald mal wiederzukommen.

Ich habe nach wie vor eine große Sehnsucht nach mehr Naturkontakt und Verbindung zu den Lebewesen in meiner Nachbarschaft. Mir wurde heute klar, daß mir bisher Gruppen sehr viel Schutz gegeben haben. Da kann ich mich dann etwas abseits begeben und fühle mich trotzdem noch durch die Gruppe geschützt. Ganz alleine in der Natur fühle ich mich noch unsicher. Angst hindert mich daran, stärker mit der Natur zu verschmelzen.

Sonntag, 20. März 2011

Sitzplatz im Wald

Nachtrag von Freitag:

Heute war ich zum zweiten Mal an meinem Sitzplatz im Wald (genauer: am Waldrand, mit Blick auf ein offenes mooriges Gelände), nach einem verkürzten Arbeitstag. Ich nehme jetzt erstmal den zuerst ausgewählten Platz, der vorbeigehenden Spaziergänger zum Trotz.

Es war trocken, und es war sogar ein wenig Sonne zu sehen. Ich war wieder innerlich unruhig, wegen einer nachfolgenden Verabredung, die mich unter Zeitdruck setzte, aber trotzdem konnte ich mich auch ein wenig auf die Natur einlassen. Ich lauschte den Vögeln und versuchte, einzelne Stimmen zu unterscheiden. Ich kenne kaum Vogelstimmen, und zu sehen waren die Vögel nicht, so daß ich nicht weiß, wem ich da zugehört habe. vielleicht kann ich ja im Laufe der Zeit etwas dazulernen.

In der Ferne hörte ich Gänse schnattern, und einmal flog ein Graureiher eine Runde. Dann tauchte ein kleiner Vogel in einem Baum in der Nähe auf, und ich hörte ihm eine Weile zu. Die Natur erschien mir sehr friedlich und schenkte mir auch ein wenig inneren Frieden – sehr willkommen nach etlichen eher depressiven Tagen.

Ich sehne mich nach dem Frühjahr und freue mich schon sehr auf erstes Grün, das hoffentlich bald zu sehen ist. die Knospen der Bäume hier waren noch ganz geschlossen. Es blühen allerdings schon Hasel und Erle. Dort, wo ich saß, waren keine Wildkräuter zu erkennen, nur sehr viel trockenes Gras: eine Grassorte mit sehr breiten Laub. Ich merke gerade, daß ich Grassorten überhaupt nicht voneinander unterscheiden kann, obwohl sie doch sehr unterschiedlich sein können.

Mittwoch, 16. März 2011

Arbeitstag

Heute mußte ich wieder an den Arbeitsplatz. Ich kann es nicht ändern: ich empfinde es als gigantische Zeitverschwendung, 11 Stunden unterwegs zu sein für so eine sinnlose Tätigkeit. Es nutzt der Gesellschaft nichts, was ich da tue, es schadet ihr eher. Meine Tätigkeit dient u.a. dem Ausbau des vollständigen Überwachungsstaats (wir liefern Daten an diverse Behörden) – das ist nun wirklich völlig nutz- und sinnlos.

Aber ich sehe kurzfristig keinen Ausweg und so bleibt mir nur es zu ertragen. Kein Wunder, daß meine depressive Stimmung daraufhin anhält.

An so einem Arbeitstag habe ich morgens und abends je 5-10 Minuten Fußweg zwischen den einzelnen Verkehrsmitteln und in der Mittagspause nochmal so viel Zeit, wie ich mir nehme, meist so 10-15 Minuten für einen kurzen Spaziergang. Das ist nicht gerade viel Bewegung und auch nicht viel frische Luft (sowieso ist es ungesunde Großstadtluft). Heute fuhr ich auf der Rückfahrt kurz in den Wald. Der Wald war sehr still und selbst im Dunkeln einladend und innerlich wärmend (bei 3°C). Trotzdem wurde es mir schnell unheimlich, nicht wegen der Waldbewohner, aber wegen der Menschen, die dort nachts herumschleichen könnten.

Vielleicht probiere ich mal vor der Arbeit dorthin zu fahren, aber vermutlich wird dafür meine innere Unruhe zu groß sein. Ich will den Arbeitstag immer gerne so schnell wie möglich hinter mich bringen, weil danach erst ein bißchen Leben beginnt.

Schwer erklärbar, daß ich in den ersten Wochen des Jahres tatsächlich gut und sogar recht gerne arbeiten konnte. Vielleicht habe ich dabei einen Teil meiner Seele einfach abgeschaltet. Als menschlicher Roboter funktioniere ich phasenweise ganz gut. Aber richtiges Leben ist das nicht. Trotzdem denke ich auch, daß andere Menschen sehr viel trostlosere Arbeitsbedingungen haben, mit denen ich auch nicht tauschen will.

Anläßlich des Atomunglücks in Japan denke ich darüber nach, wie es denn wohl mit der Energieversorgung der Zukunft weitergehen könnte. Da alternative Energien auch massive Probleme aufwerfen, kann ich darin nicht die Lösung sehen. Mir scheint, die Lösung könnte nur in einer radikalen Reduktion unseres Konsumniveaus liegen. Die Industrie voran müßte Energie sparen, also müßten wir wegkommen von Industrienahrung, Industriemedikamenten und Industrieprodukten aller Art. Zurück zu Ackerbau, Viehzucht, Jagen, Sammeln und Handwerk. Und Fortbewegung vielleicht wieder mit Pferdekutschen? Das ist in den dichtbesiedelten westlichen Staaten vermutlich nicht möglich – in armen überbevölkerten Entwicklungsländern auch nicht.

Es ist sehr schwer, von einem Lebensstandard Abstriche zu machen, an den man sich über lange Zeit gewöhnt hat. Es kann nur jeder bei sich selbst anfangen. Falls mir im Verlauf des Jahres nichts besseres einfällt, könnte ich ja zumindest mal meine Arbeitszeit auf 4 Tage pro Woche reduzieren, das würde mir schon eine gewisse seelische Entlastung bringen. Bisher scheue ich den daraus folgenden Konsumverzicht und die Reduktion an vermeintlicher Sicherheit. Aber Geld bietet aktuell ja sowieso keine Sicherheit mehr, solange der Weltfinanzsystemcrash noch aussteht. Mehr Zeit für den Aufbau von Überlebens-Knowhow wäre vielleicht die bessere Wahl.

Auf Dauer komme ich aus meinen wiederkehrenden depressiven Gefühlen vermutlich nur heraus, wenn ich aktiv etwas zur Verbesserung meiner Lage tue (und das annehme, was ich selber nicht ändern kann). Ich will kurzfristig zumindest eine Lösung für den fehlenden Naturkontakt finden. Ich brauche möglichst jeden Tag Berührung mit der Natur. Zumindest werden die Tage ja langsam länger, wenn auch die Temperaturen hier auf Winterniveau verharren.

Freitag, 11. März 2011

Sitzplatz im Wald

Ich habe furchtbar geschwollene brennende Augen. Vermutlich ist es eine allergische Reaktion auf die ätherischen Öle der Erkältungsmittel. Auch vom Rauch des Feuers hatte ich immer am nächsten Morgen geschwollene Augenlider. Unangenehm, wenn man reine Natur nicht mehr verträgt!

Aber das schreckt mich nicht ab. Heute habe ich versucht, einen Sitzplatz im Wald zu finden. Ich hatte schon einen bestimmten Platz im Visier, den ich früher schonmal aufgesucht hatte und den ich notfalls auch im Dunkeln finden kann. Dort lehnte ich an einer Birke mit Blick in die untergehende Sonne und über das Moor.

Ein wunderschöner Ort. Ich habe sehr viele unterschiedliche Vogelstimmen gehört, gerne würde ich sie unterscheiden können. Gesehen habe ich die Vögel nicht, bis auf 4 Gänse, die schnatternd Kreise flogen, vielleicht auf der Suche nach einem Schlafplatz.

Meine Gedanken kreisten fast die ganze Zeit um die Frage, ob Spaziergänger „komisch“ auf mich reagieren könnten und ob ich von einem freilaufenden Hund angefallen werden könnte. Der markierte Wanderweg lag nur 8-10 m neben meinem Platz, so daß die vorbeigehenden Menschen mich kaum übersehen konnten. In diesem beliebten Naherholungsgebiet ist immer was los, selbst an einem kühlen Märztag.

Ich finde es zwar eine interessante Herausforderung, mit diesen „Störungen“ umgehen zu lernen, aber für den Anfang lenkt es mich vielleicht doch zu sehr von mir ab. Ich kann so nicht richtig loslassen und zur Ruhe kommen, zumal ich die Menschen auch teilweise im Rücken hatte. Ich werde vielleicht nochmal nach einem anderen Platz suchen, von dem aus ich den Weg im Blick habe, dann fühle ich mich bestimmt sicherer.

Ich hielt nur eine halbe Stunde aus, dann wurde ich zu unruhig und mir wurde auch kalt. Eine ganze Stunde Sitzen finde ich schon sehr anspruchsvoll, da muß ich mich langsam herantasten.

Danach testete ich noch zwei alte Kiefern als Kletterbaum, was mir mißlang. Ich spürte aber die Energie der Äste und Stämme und die wilde Freude, die es auslösen würde, mal wieder oben in einem Baum zu sitzen. Das werde ich üben.

Donnerstag, 10. März 2011

kleines Wald-Abenteuer

Nach meinem emotionalen Ausbruch vorhin ging es mir tatsächlich etwas besser. Es geht ja leider nur so, wenn man alte Wunden heilen will: erst müssen die Trostpflaster abgerissen und der alte Schorf abgekratzt werden, dann liegt die Wunde erstmal offen – und das ist die Hölle. Erst danach kann man sehen, ob die Wunde von innen neu und diesmal anders zuheilen kann.

Ich habe mich trotz Erkältung zu einem Spaziergang entschlossen. Es fiel mir schwer, mich dazu zu überwinden, zumal das naßkalte Schmuddelwetter nicht gerade einladend ist.

Es ist nicht notwendig, ans Ende der Welt zu reisen, um Abenteuer zu erleben. Ich hatte heute mein kleines Waldabenteuer direkt hier um die Ecke. Eine Viertelstunde Fußweg bis zum Erreichen eines Feldwegs, das geht ja so. Meine müden Füße wollten da am liebsten schon umkehren, aber für die Seele wurde es nun ja erst interessant.

Als erstes sprang mich eine knorrige Eiche an mit einigen niedrigen gut erkletterbaren Ästen. Verdammt, ich bin noch nicht zu alt dafür: also bin ich draufgeklettert und habe die vorbeigehenden Spaziergänger ignoriert. Als nächstes hielt ich Ausschau nach Zündmaterial zum Feuermachen. Trockenes Gras / Stroh war leicht zu finden, aber keinerlei flauschige Samenstände. Na ja, habe ich halt den Beutel mit Stroh gefüllt und Birkenrinde von herumliegenden Ästen. Die vorbeilaufende Familie guckte irritiert, und ich war etwas verlegen. Ungewohnt, sich von der Stadtfrau in eine Waldfrau zurückzuverwandeln.

Ein Falke überflog das Feld.

Dann, als ich gerade eine einladende Bank erreichte, gab es einen kräftigen Regenschauer. Einen kleinen Schirm hatte ich dabei, als Tribut an die Zivilisation, also nicht so schlimm. Ich erwog kurz umzukehren, aber nun begann ja erst der interessanter aussehende Wald, also weiter. Von herumliegendem Totholz sammelte ich noch morsches Holz für meine Feuer-Experimente, dann fand ich eine sehr schöne hohle Eiche – ich fühlte mich in meine Kindheit zurückversetzt. Es braucht so wenig, um wieder in Kontakt zur Natur zu gelangen.

Ich wollte mich nicht verlaufen und ging deshalb immer geradeaus parallel zur Bundesstraße, zu der ich später wieder zurück mußte. Und dann verlief ich mich doch! Der Weg endete mitten im Wald in einem morastigen Gebiet. Dahinter ein nicht überquerbarer Wassergraben und ein eingezäuntes Firmengelände, das ich örtlich nicht zuordnen konnte. Wo bin ich? Man sollte vielleicht doch nicht ohne Karte in unbekanntes Gelände gehen. ;-) Obwohl es meine unmittelbare Nachbarschaft ist, war ich tatsächlich noch nie zuvor dort.

Eigentlich ist die Orientierung nach den Himmelsrichtungen und dem Geräusch der Straße dort ganz leicht. Also versuchte ich quer durch den Wald zu gehen. Ein Reh sprang in der Ferne durchs Unterholz. Ich wollte ihm gerne folgen, denn wo es durchkommt, komme ich wohl auch durch. Aber dann wurde es immer sumpfiger. Eine kurze Strecke lief ich noch über die Schilfbüschel, aber dann entschied ich doch, daß ich heute keine nassen Füße riskieren will. So kehrte ich um, zurück zu dem Weg.

Nun machte ich mir langsam Gedanken, wie lange ich wohl für den Nachhauseweg brauchen würde. Zu Essen hatte ich nichts dabei, aber zu Trinken. Das finde ich auch wichtig. Im Wald hätte ich aktuell nur Vogelmiere gefunden, die ich sicher identifizieren kann, und diese ist auch noch sehr klein. Hier ist noch richtig Winter, das Eis auf den Wasserflächen ist noch nicht ganz abgetaut.

Ich nahm eine andere Abzweigung, die endlich in bewohntes Gebiet zurückführte. Große Erleichterung, als ich Autos sah (das ist selten, daß ich mich über Autos freue!). Ich erkannte die Straße, da bin ich schon mit dem Fahrrad durchgefahren, und trotzdem war ich mir der Himmelsrichtung auf einmal wieder unsicher. Habe ich also doch noch den Kompaß zu Rate gezogen. Ok, die Richtung stimmte grob. Also Rückmarsch nach Hause, an einem Gewerbegebiet vorbei.

Ich war zwei Stunden unterwegs (es kam mir sehr viel länger vor und ich hatte zuletzt sehr müde Beine) und habe mehr erlebt, als sonst in einer ganzen Arbeitswoche! Erschütternd einerseits. Andererseits auch anregend: wenn ich mit verhältnismäßig so wenig Aufwand so viel Erlebnis haben kann, warum um Himmels willen mache ich das nicht öfters???

Ich habe ganz besonders den Wind auf der Haut genossen und die frische Kälte der Luft. Im Büro ist immer so abgestandene warme Luft ohne jede Bewegung, völlig steril, klinisch, tot! Wie soll ich je diesen Spagat schaffen? Aber erstmal bin ich ja krank und darf mich um meine Genesung bemühen.

Ein wunderbarer Waldspaziergang war das. :-)

Mittwoch, 9. März 2011

Nature Deficit Disorder

Meine Bronchitis hat erstmal gewonnen, ich mußte mich krankschreiben lassen. Die Symptome waren mir zu stark, um mich damit noch ins Büro zu quälen. Gestern war ich Arbeiten, habe aber nicht viel geschafft, weil ich mich schlapp fühlte und abends gar etwas fiebrig. Es stehen gerade keine wichtigen Termine an, mein letzter Auftrag ist erfolgreich abgeschlossen, der nächste hat aktuell keinen hohen Zeitdruck. So kann ich es mir erlauben, meine Krankheit hoffentlich auszukurieren. Und gleichzeitig bekomme ich so vom Schicksal noch etwas Verarbeitungszeit.

Ich hatte gerade eine Einsicht: ich leide an „Nature Deficit Disorder“. Hört sich wie eine neue Modekrankheit an... ich habe den Begriff erstmals vernommen. Also, ich muß das eigentlich gar nicht etikettieren, mir ist einfach eben klargeworden, daß ich massiv an mangelndem Naturkontakt leide. Das macht mich krank! Und deshalb genese ich von meiner Erkältung auch am besten, wenn ich jetzt meine wenigen „freien“ Tage nicht nur zum Ruhen, sondern vor allem für Aufenthalt draußen nutze. Eine bessere Medizin kann es für mich gerade gar nicht geben.

Der Aufenthalt in geschlossenen Räumen ist extrem ungesund und belastend. Er entfremdet uns von unserer natürlichen Herkunft. Körperlich sind wir Säugetiere, die einen engen Kontakt zur Natur (und zu Artgenossen) brauchen. Ich war im Winter praktisch überhaupt nicht draußen, abgesehen vom Arbeitsweg und ganz kurzen Wegen in der Mittagspause. Nicht einmal Einkäufe habe ich gemacht, weil ich wochenlang von meinen Vorräten zehren konnte. Entsprechend groß ist jetzt mein Natur-Defizit.

In den letzten Jahren habe ich auch viel zu viel Zeit im Keller vor dem PC verbracht. Das will ich unbedingt ändern. Vielleicht kaufe ich mir endlich mal einen Laptop, den ich auch im Wohnzimmer oder draußen zum Tagebuchschreiben nutzen kann.

Ich will mal sehen, ob ich schon heute nachmittag einen Spaziergang im Wald machen kann, um einen Sitzplatz zu suchen. Ich muß mich jetzt bremsen, um mich wirklich auf meine Genesung zu konzentrieren, anstatt viel Zeit auf die mich absolut anspringende Hausarbeit zu verwenden. Ganz ohne geht es leider auch nicht. Das war schon immer so: Krankheits- und Urlaubstage muß ich unter anderem auch für Hausarbeit verwenden, für die mir sonst die Zeit fehlt. Nicht sehr gesund, aber derzeit nicht zu ändern.

Ich bin ganz erleichtert über meine Einsicht. So, wie ich vor einigen Jahren mein Kontaktdefizitsyndrom schrittweise geheilt habe, muß ich jetzt mein Naturdefizitsyndrom heilen. Ich muß einen Weg der Integration in meinen Alltag finden. Beruflich wird es auch eine Veränderung geben müssen, aber vielleicht muß diese ja doch nicht so umwälzend sein, wie ich befürchtet habe.

Dienstag, 8. März 2011

Glück des Neubeginns

Am Ende meiner Waldmeditation, als die Tränen ausgeweint waren, brach die Morgensonne durch das Fichtengehölz durch und schien neben mir auf den moosbedeckten Boden. Das Licht des neuen Tages war natürlich ein wunderbares Symbol für meinen Neubeginn. Es störte da auch nicht weiter, daß das Sonnenlicht einige Zeit darauf wieder schwächer wurde. Vielleicht wird es nicht ganz so leicht weiterzugehen, vielleicht gehe ich nicht immer im Licht, sondern auch im Dunkel. Das schadet mir nicht, beide Seiten gehören zum Leben.

Ich spürte zum Schluß eine innere Öffnung und Weitung, mir war so sehr leicht ums Herz. Das Leben erschien mir ganz einfach, sehr lebenswert, sehr leicht. Ein seltener, sehr kostbarer Moment. Ich war glücklich. Nicht dieses euphorische laute Glück, sondern mehr still, inwendig.

Montag, 7. März 2011

meinen Platz suchen

Ich habe mich immer zerrissen gefühlt, wußte nicht, wo ich hingehöre. Ich glaubte, ich müsse mich für einen Teil meiner Herkunft entscheiden. Das stimmt ja gar nicht. Ich habe zwei Herkunftslinien und meine Aufgabe ist, eine Verbindung zwischen diesen zu schaffen.

Selbst wenn ich den Gedanken früher gehabt hätte – es hätte nichts genutzt, denn es muß gefühlt und im tiefsten Innern als wahr erkannt werden. Da bin ich noch nicht ganz, aber ich bin jetzt auf dem Weg.

Wir haben eine Hausaufgabe für die Zeit bis zum nächsten Seminarblock bekommen. Mindestens einmal die Woche (möglichst aber mehrmals) soll ich für eine Stunde in der Natur sitzen – an einem Platz, den ich zu meinem Platz mache und zu dem ich immer wieder zurückkehre.

Das finde ich total gut. Der sanfte Druck durch die Gruppe und die Leitung ist genau das, was ich noch brauchte – denn nach einem eigenen Kraftplatz sehnte ich mich schon lange. Endlich habe ich begriffen, daß es dafür gar keines „besonderen“ Orts bedarf. Es muß dort keinen Steinkreis oder Hügelgräber oder spektakuläre Landschaft geben.

Es kann überall sein! Jeden Platz kann ich zu meinem machen, wenn ich mich wirklich tief darauf einlasse!

Ein bißchen ansprechend für mich sollte der Ort schon sein, aber das finde ich hier in der Umgebung auch. Dann sollte der Ort für mich gut erreichbar sein, weil ich so wenig Zeit habe. Und trotzdem möglichst etwas abgeschieden, um nicht permanent durch andere Menschen oder deren Hunde gestört zu werden. Ich habe schon eine Idee, wo ich danach suchen werde.

Hier, wo ich jetzt lebe, kann ich meine neue eigene Heimat finden. Ich muß mich dafür nur mit der Natur hier verbinden. So einfach ist es. Vielleicht muß ich auch die innere Verbindung zu den Menschen suchen, die früher hier in dieser Region gelebt haben. Dazu hatte ich bisher wenig Lust. Heimatkunde an meinem derzeitigen Wohnort hat mich nicht interessiert. Vielleicht ändert sich das ja mal.

Aber ich beginne mit dem, was für mich naheliegender ist: die Verbindung zur Natur hier zu suchen, die ich durch meinen Garten sowieso auch schon habe. Aber darüber hinaus noch einen eigenen Platz im Wald zu entdecken, wird bestimmt sehr schön. Es geht darum, die Natur mit den Augen eines Einheimischen zu sehen. Ich bin in Mitteleuropa heimisch, ich gehöre hierher. Zumindest der Wald verbindet die Orte meiner Kindheit. Es gibt hier Bereiche im Wald, die mich an meine Kindheit erinnern. Dort werde ich meinen Platz suchen.