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Donnerstag, 7. Juli 2011

Vision vom besseren Leben

Alle unangenehmen Gefühle sind vermutlich nur Wegweiser, die uns zu einem besseren Leben hinführen sollen. Zumindest gilt das wohl für diese depressive Verstimmung, die mich immer wieder befällt. Ich vermisse das Gemeinschaftsgefühl einer größeren Gruppe – einer Großfamilie oder einer Dorfgemeinschaft wie in früheren Zeiten. Das fehlt mir im Alltag sehr.

Ich spüre jetzt ganz besonders den Kontrast zu den Wildnis-Wochenenden. Natürlich sind diese vermutlich nur deshalb so konfliktfrei und verbindend, weil wir uns nur auf Zeit und unter einem starken gemeinsamen Interesse treffen. Im Alltag gäbe es da genauso die zwischenmenschlichen Konflikte und vielleicht auch die Langeweile wie anderswo.

Aber dennoch ist das ein schönes Modell für ein zusammen Arbeiten und zusammen Leben. In einem Selbstversorgerdorf zu leben stelle ich mir ungleich schöner vor als dieses zerstückelte sinnentleerte und der Natur entfremdete Großstadtleben, das ich in Teile lebe – leben muß, weil ich noch keine Möglichkeit gefunden habe, anders als so zu existieren.

Und da bin ich wieder beim Falschgeldsystem. Der Staat mischt sich so unerträglich in die Belange der Menschen ein und saugt sie so unerträglich aus mit Abgabenquoten vermutlich jenseits von 80% (wenn man mal alles zusammenrechnen würde), daß ein genügsames Selbstversorgerleben im jetzigen deutschen Staat vermutlich unmöglich ist. Zu viele Zwangsabgaben müssen geleistet werden und zu viele Normen eingehalten werden.

Es fängt ja damit an, daß man sich in freier Natur nicht frei bewegen darf. Ich habe heute die Landeswaldgesetze von drei verschiedenen Bundesländern studiert. In keinem darf man frei zelten, in einem darf man nachts die Waldwege nicht verlassen (also die „Wildnis“ nicht betreten oder sich dort aufhalten). Ob man überhaupt Kräuter sammeln darf, ist unklar. Brennholz sammeln darf man auch nur nach vorheriger Genehmigung und Bezahlung.

Früher waren Menschen frei, und niemandem gehörte das Land.

Ich bin in einem gesellschaftspolitischen Konflikt. Einige Jahre lang habe ich mich politisch stark libertärer Denkweise angenähert. Völlige Freiheit vom Obrigkeitsstaat schien mir höchst wünschenswert.

Aber an einem Punkt wollte und will ich den libertären Denkern nicht folgen: die Erde ist keine beliebig ausbeutbare tote Materie, wie diese anscheinend glauben. Die Erde ist ein lebendiger Organismus. Freiheit des Eigentums finde ich richtig. Aber beim Boden und bei den Ressourcen hört dieses Eigentum auf. Es kann nicht rechtens sein, daß einige Einzelpersonen Eigentum an Wald, Acker, Bodenschätzen erwerben, alle anderen aussperren dürfen und alleine von den Erträgen profitieren. Es müßte hierfür eine andere Lösung geben, vielleicht ein Pachtmodell.

Neulich las ich einen Artikel über einen „Wessi“, der in Ostdeutschland einen ganzen See erworben hat. Er darf jetzt ganz legal Nutzungsgebühren der dort wohnenden Anlieger und der Besucher des Sees erheben. Das ist doch grotesk. Daß Anlieger Privatstrände in Anspruch nehmen, ist aber genauso grotesk.

Die Natur gehört niemandem. Kein Mensch hat sie erschaffen. Sie wurde uns anvertraut, um sie zu hegen und zu schützen.

Ich errichte auch Zäune rund um meinen Garten. Deshalb kann ich auch verstehen, wenn Waldbesitzer im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten Sperrungen vornehmen. Sozialisierung allen Eigentums halte ich auch für falsch. Aber es sollte Grenzen geben. Oder ein „allemansrätt“ wie in Schweden, das allen Einwohnern gewisse Nutzungsrechte auch an privatem Land gibt.

Ich hätte gerne etwas Land, das ich nutzen dürfte – ein wenig Acker, ein wenig Wald, ein wenig Garten und eigenen Zugang zu frischem Trinkwasser. Dazu eine Einbindung in eine Gemeinschaft. Das ist mein Traum von einem besseren Leben.

Freitag, 10. Dezember 2010

Adventsfrieden und Zukunftsvision

Heute abend war das Tanzen mal wieder magisch. Es ging um Spiritualität, wir haben u.a. „indischen Tempeltanz“, ein „Voodoo-Ritual“ und einen balinesischen „Schütteltanz“ getanzt. Dann in der Gruppe ein Einschwingen in Sufi-Musik. Es gelang mir recht gut, dabei den Kopf loszulassen. Alles querbeet, für mich gar kein Problem. Solange Musik Seele hat, ist es egal, wo sie herkommt.

Weitere Tanz-Themen: ein Tropfen Wasser im Ozean. Weihrauch, der zum Himmel aufsteigt. Schön...

Und zum Abschluß einfach unser eigenes Bild von Spiritualität. Das Bild, was mir dabei kam, war von dem Buch inspiriert, das ich gerade lese („Das weiße Land der Seele“, Olga Kharitidi). Eine Felsspalte im Gebirge, mit klirrendem Eis gefüllt, darunter Feuer, dessen Licht nach außen strahlt. Ich „sah“ in ein tiefes dunkles Loch hinein – ohne Angst, mit ein wenig brennender Sehnsucht und gleichzeitig Erfüllung.

Ich würde so gerne mehr sehen, tiefer blicken, hinter die Erscheinungen blicken.

Nach dem Tanzen fuhr ich zu meinem Platz im Wald, um den kostbaren Moment der inneren Stille noch etwas auszukosten. Ich finde es traumhaft schön, im Dunkeln durch eine vom Schnee doch erhellte Winterlandschaft zu fahren. Wenig Verkehr um die späte Uhrzeit, das liebe ich. Stille, Einsamkeit, tiefer innerer Frieden. Gruß an die Bäume - und an den Sternenhimmel.

Leider finde ich in der Adventszeit selten solche Augenblicke, obwohl ich mich so sehr danach sehne. Der Alltag kostet einfach zu viel Zeit (abends meist nach 20:00 Uhr zu Hause, dafür erst um 2:00 ins Bett und zu wenig Schlaf, das ist auf Dauer kein guter Rhythmus).

Ich beschäftige mich weiterhin viel mit verschiedenen Wirtschafts- und Geldtheorien. Daß es zum Schuldencrash kommen wird, steht für mich fest. Die große Frage ist: was kommt dann, wie geht es weiter?

Arbeitsteilung ermöglicht uns unser Leben in Wohlstand. Wenn jeder alles alleine machen müßte, wäre das Leben sehr viel „primitiver“. Obwohl ich eine Sehnsucht nach Vereinfachung habe, wäre ein Schritt weit zurück in ein Leben als Selbstversorger wohl nicht das richtige. Das ginge nicht mit der großen Anzahl an Menschen, die derzeit auf der Erde leben. Und ich möchte auch nicht ganz auf den gewohnten Zivilisations-Komfort verzichten.

Die mühsame Feldarbeit früherer Zeiten oder auch das Sammeln und Jagen haben den Menschen zwar stärker in die Natur eingebunden, aber es fehlte auch Muße (bzw. noch mehr fehlten die Mittel) für das, was wir heute Freizeit nennen. Vielleicht ist Freizeit doch nicht so schlecht (wie ich neulich dachte), wenn sie denn gut genutzt würde – z.B. in kultureller oder spiritueller Hinsicht.

Heute kam mir die Idee, daß es in einer Gesellschaft ohne den Wachstumszwang, der durch den Zinseszins auf ungedecktes Schuldgeld entsteht, also eine Gesellschaft mit einem echten wertgedeckten Geld und einem sehr schlanken Staat (wenig Steuern und Abgaben, wenig Bürokratie, viel Freiheit) in Kombination mit der heutigen sehr effektiven Technik und hochspezialisierten Arbeitsteilung möglich sein sollte, daß jeder ein Auskommen mit einem Halbtagsjob finden könnte. Der Rest des Tages wäre dann zur freien eigenen Verfügung, ohne den Druck, damit Geld im heutigen Sinne verdienen zu müssen, für eigene Projekte, für freies, unabhängiges eigenständiges Leben.

Ich habe immer davon geträumt, finanziell unabhängig zu sein, aber nur halbtags arbeiten zu müssen.

Aktuell würde ich meine freien halben Tage für Spaziergänge im Schnee, Beobachten von Vögeln am Futterplatz oder auch im Wald, Plätzchen backen und Basteln verwenden – alles Dinge, für die ich nie Zeit finde.

Manchmal macht mir mein Job ja sogar Spaß. Ich hatte diese Woche zwei sehr gute Tage und zwei mäßige. Wenn ich einen echten Ausgleich hätte, könnte ich mir vorstellen, diesen Job weiterzumachen. Er ist eben das, was ich der Gesellschaft auf Kopf-Ebene geben kann. Für Körper und Seele bräuchte ich daneben etwas völlig anderes.

Vielleicht ist das mein beruflicher Weg. Das würde mich von der Notwendigkeit entbinden, mit einem ganz neuen Beruf Geld verdienen zu müssen – ich würde meine anderen Aktivitäten einfach für mich oder vielleicht gegen Aufwandentschädigung machen. Als Voraussetzung bräuchte ich eine andere Gesellschaftsform – die nach dem Crash gar nicht so unwahrscheinlich ist (vorausgesetzt, wir vermeiden bzw. beenden die Diktatur von links oder rechts, die sich leider immer breiter macht). Weniger staatlicher und überstaatlicher (weltweiter) Machbarkeits- und Machtwahn, mehr Freiheit für die Menschen. Das wäre deutlich billiger als heute, und die Menschen dürften wieder selber entscheiden, wofür sie ihr Geld ausgeben – und wofür nicht.

Ich würde mich gegen überflüssige Statussymbole und für mehr sinnerfülltes Leben entscheiden. :-)

Einen für mich sehr wichtigen Schritt zu mehr Freiheit habe ich diese Woche gemacht. Besser gesagt: das hat sich durch (un)geduldiges Abwarten von selber erledigt. Endlich bin ich einen weiteren Teil meiner Immobilienfinanzierung los. Ein Schuld-Mühlstein weniger. Ich bin so erleichtert und dankbar. Ein Bein raus aus der Schuld-Sklaverei. Mit dem anderen Bein stecke ich noch drin, aber ich bin da jetzt handlungsfähiger, weil der Knebel-Vertragsteil beendet ist. Man sollte keine Immobilienschulden für eine selbstbewohnte Immobilie machen. Das ist keine Investition, sondern Konsum. Konsumschulden sind Mist. Die führen in die Sklaverei. Genauso wie die Staats-Konsumschulden. Die versklaven ein ganzes Volk.

Bevor wir unsere Ketten abschütteln können, müssen wir erst im Steinbruch die Schuld abarbeiten. Es geht schneller, wenn wir in unserer gleichzeitigen Rolle als Gläubiger der Staatsschulden auf deren Rückzahlung verzichten. Das bedeutet: keine gesetzliche Rente mehr (oder nur noch auf Niveau von Hartz IV für alle bedürftigen Rentner), keine gesetzliche Kranken- und Arbeitslosenversicherung, auch hier nur Hilfeleistung für Bedürftige. Jahrzehntelang einbezahlt – nichts rausbekommen, darauf läuft es sowieso hinaus. Warum nicht gleich den harten Schnitt machen? Dann haben wir wenigstens die Chance, noch etwas neues aufzubauen – sagen wir für alle bis Mitte Vierzig. Für Ältere müßte es Übergangsregeln geben.

Ach, übrigens: wer jetzt noch dem Staat Geld in den Rachen wirft, wird nie wieder etwas davon wiedersehen.

Ich bin für FREIHEIT STATT SOZIALISMUS. Dabei glaube ich, daß echte innere und äußere Freiheit sehr viel sozialer wäre als unsere heutige Scheinsolidarität, die in Wahrheit Menschen entmündigt – denn wir Menschen sind soziale Wesen, wir sehnen uns nach Verbindung. Und im Kern sind wir ja sowieso alle gleich. :-)

Heute spanne ich hier einen weiten Bogen, aber das muß auch so sein, damit ich endlich für mich und für die Gesellschaft eine Vision entwickeln kann – meine Vision, andere können ja andere Visionen haben.

Was mich neben der Frage meines weiteren beruflichen Wegs am meisten beschäftigt, ist mein weiterer spiritueller Weg. Ich habe das Christentum nach früherem intensiven Einlassen schon lange hinter mir gelassen, habe mich zuletzt ein wenig mit Buddhismus und immer mal wieder mit Schamanismus befaßt. Ich suche keine Glaubenslehre (keinen „...ismus“), ich suche das, was meinem Inneren entspricht. Ich finde mich bereits in Aussagen ganz unterschiedlicher Religionen und spiritueller Lehren und Lehrer wieder, denn der Kern der Botschaft ist ja immer der gleiche, aber dennoch fehlt mir noch etwas für meinen eigenen Weg. Vielleicht sollte ich nach einer Schamanin suchen, bei der ich in die Lehre gehen kann. Aber ich denke immer, wenn es so sein sollte, dann würde es sich schon so fügen. Also weitergehen, und offen sein, für was auch immer kommt.

Ich wünsche allen, die hier mitlesen, eine wundervolle, friedliche Adventszeit und eine gute Vision für eine neue Welt.

Mittwoch, 6. Oktober 2010

Berufung?

Heute morgen wachte ich mit einer sehr depressiven Stimmung auf. Wieder ins Büro zu müssen nach einem Wochenende in freier Natur mit einem starken Gefühl der Sinnhaftigkeit und Freiheit – die Hölle!

Wir wurden am Ende des Survival-Kurses davor gewarnt, daß es „normal“ sei, nach einer solchen Erfahrung in eine Depression zu fallen. Begründung: der Aufenthalt in frischer Luft unter freiem Himmel löst Glückshormone aus, die im normalen Zivilisationsalltag nicht anhalten können. Wir wurden aufgefordert, möglichst viel weiterhin draußen zu sein, uns etwas Gutes zu tun, um gegenzusteuern.

Ich glaube, das geht noch viel tiefer. Das Leben in und mit der Natur ist auch unsere menschliche Natur, das brauchen wir so dringend wie Essen und Trinken. Ein Leben inmitten von Beton- und Asphaltwüsten amputiert einen wesentlichen Teil unseres Menschseins, macht uns zu Zivilisationskrüppeln.

Dazu kommt die Diskrepanz zwischen dem Freiheitsgefühl des recht selbstbestimmten Lebens im Rahmen eines Outdoor-Camps und der Sklaverei des fremdbestimmten Angestelltendaseins.

Ich war mit mindestens einem Bein außerhalb der Matrix. Den Abstand zum normalen Alltag habe ich unglaublich intensiv wahrgenommen, das fing mit der Rückfahrt vom Camp schon an. Ich war so voll von Eindrücken von den Menschen, die ich dort kennengelernt habe, von einigen neuerlernten Techniken, die wirklich sinnbehaftet sind, weil sie dem menschlichen Leben an dessen Basis dienen, von der Ungezwungenheit und Freiheit von Zivilisationsballast. Ich spürte einen riesengroßen Abstand, wie eine unsichtbare Wand zwischen mir und der normalen Welt.

Der Anpassungsdruck ist aber riesengroß. Letztes Jahr nach meiner Schwedenreise hat es mich fast zerrissen, diese Diskrepanz zu spüren. Ich konnte damit nicht umgehen, fand keinen einfachen Ausweg aus der zivilisatorischen Falle, in die ich wieder gehen mußte, mir fielen nur Brachiallösungen ein (Job kündigen ohne Zukunftsperspektive, dauerkrank werden o.ä.), zu denen mir dann doch der Mut fehlte.

Zuletzt ging es mir ja wieder recht gut, vermeintlich. Ich hatte mich offenbar einlullen lassen, mich wieder gut eingerichtet im Gefängnis. Diese Gefahr ist auch jetzt gegeben. Ich merke, wie die anderen Sklaven an mir zerren, um mich zurückzuziehen. Sklaven fühlen sich von freien Menschen bedroht. Und solange ich selber nicht wirklich frei bin, kann ich die innere Zerrissenheit nicht ertragen. Also lasse ich mich zurückziehen, also passe ich mich wieder an und ein, lasse mich verbiegen und verbiege mich selber, um wieder systemkonform zu sein.

Als ich mich zu diesem Kursus anmeldete, hatte ich nur das vage Gefühl, daß dies eine gute Krisenvorsorge sein könnte – und ich sehnte mich nach wenigstens zwei Nächten im Zelt, das hatte mir in diesem Sommer sehr gefehlt. Die Erfahrung ging aber tiefer. Sie hat mich daran erinnert, daß ich in der falschen Rolle feststecke. Ich bin keine Programmiererin, das ist nur ein Job, um Geld zu verdienen. Es entspricht mir nicht (mehr). Nur die ersten Jahre meines Berufslebens war ich damit glücklich. Schon mit Ende 20 kam die erste große Krise. Seitdem immer wieder, im Abstand von wenigen Jahren.

Mein Problem in diesen Krisen war immer: ich fand einfach kein Berufsbild, das mir besser entspricht. Ich müßte einen neuen Beruf für mich erfinden. Und an dieser Hürde bin ich bisher stets gescheitert. Das Berufsbild HEXE, das mir vielleicht noch am nächsten kommen würde, gibt es in der heutigen Gesellschaft nicht.

Mit Brachiallösungen komme ich hier nicht heraus. Die inneren und äußeren Widerstände sind zu groß, sie würden mich überfordern. Es kommt keine Zauberfee, die den Stab schwingt und mich in ein neues Leben versetzt. Mit dem Kopf gegen die Zellentür anzurennen, bewirkt auch nichts außer blutigen Beulen.

Nein, ich muß kleine Schritte gehen, auch wenn die Ungeduld mich schneller vorwärtsdrängen möchte. Ich muß das tun, was mir jeweils möglich ist, wohl mit Herausforderung, aber ohne Überforderung.

Vor einigen Monaten überlegte ich, mich auf eine höhere Position beim gleichen Arbeitgeber zu bewerben. Ich verwarf es schließlich, denn es war nicht das, was ich wirklich wollte. Vorletzte Woche war ich so stinkig über die Entwicklung an meinem Arbeitsplatz, daß ich ein Bewerbungsschreiben für eine ausgeschriebene Stelle eines anderen Arbeitgebers verfaßte.

Bevor ich das abschicke, müßte ich aber erst meine Bewerbungsunterlagen auf einen aktuellen Stand bringen, das verschob ich auf die Zeit nach dem Survival-Camp. Und nun merke ich: nein, ich will mich auch nicht bei einem anderen Sklavenhalter bewerben, denn das würde gar nichts ändern. Ich wäre in der Anfangszeit wieder stark eingespannt, mich auf neue fachliche Inhalte und neue Menschen einzustellen, das würde meine freie Energie völlig absorbieren und auf längere Sicht doch nichts an meiner Situation ändern. Die Gefängnismauern wären anders angestrichen, das wäre die einzige Änderung.

Ich habe keinerlei Erfahrungen, wie ich mein Geld anders verdienen könnte als mit Angestelltentätigkeit. In der Verwandtschaft habe ich auch keine anderen Vorbilder. Als Schülerin habe ich mal recht erfolgreich Nachhilfe gegeben, das ist die einzig abweichende Erfahrung, die liegt aber sehr lange zurück. Mein frühester Berufswunsch war Lehrerin.

Voriges Jahr hatte ich die Vision, daß ich gerne anderen Menschen das vermitteln würde, was mir wichtig ist. Das Leben in und mit der Natur. Ich könnte Seminare geben, oder etwas in der Art. Eine komplette berufliche Umorientierung, ein kompletter Neuanfang. Doch bald erschreckte ich vor dem hohen Ziel. Wer ein loderndes Feuer als Ziel vor Augen hat, schafft es nicht, mit Bedacht die noch sehr schwache zarte Glut anzupusten. Ich will es diesmal anders machen. Mich darauf konzentrieren, die glimmende Glut zu nähren, damit sie nicht wieder erlischt. Ob daraus in der Zukunft mal ein Feuer wird, wird sich dann erweisen.

Vielleicht entscheide ich mich für eine Weiterbildung im Bereich Wildnispädagogik, das spricht mich an. Ich muß ja nicht vorab schon wissen, wo mich das hinführt, wichtig ist der Weg in die richtige Richtung. Und dann einfach anfangen!

Dienstag, 5. Oktober 2010

Feuer empfangen

Am Wochenende habe ich einen Survival-Grundkurs besucht. Das war eine sehr intensive und schöne Erfahrung. Ich schreibe bestimmt nochmal mehr darüber, jetzt will ich erstmal nur ein Detail beleuchten.

Ich habe gelernt, daß das Feuermachen (besser: Feuer empfangen) ein sehr guter Spiegel sei. Bei mir war es so: an der Spindel, die ich für das Feuerbohren geschnitzt habe, habe ich sehr lange gearbeitet, trotzdem wurde sie nicht dünn genug. Ich beließ sie schließlich bei 2 cm Dicke, weil ich keine Geduld zum Weiterarbeiten hatte und endlich ein Ergebnis sehen wollte. Beim Feuerbohren in einem Team zu dritt ging unser Feuer nicht an. Die Glut aus zermahlener Holzasche war da, ließ sich aber nach dem Übertragen in das vorbereitete Feuernest nicht durch Pusten entzünden.

Die Leiterin fragte uns daraufhin, ob wir das aus unserem Leben kennen, daß die Glut da ist, aber dann erlischt, bevor das Feuer brennt.

Am nächsten Tag machten wir in einer neuen Team-Zusammensetzung einen neuen Versuch. Wir waren mit Konzentration und Achtsamkeit dabei, auch mit Begeisterung. Die Spindel quietschte, es qualmte ordentlich und ergab viel schwarze heiße Asche. Eine Frau übertrug die Asche in ihr Nest (aus trockenem Stroh und verschiedenen leicht brennbaren Samen) und pustete vorsichtig, während ihr der Qualm in die Lunge drang. Schließlich zündete die Glut, das Nest brannte, das Gruppen-Erfolgserlebnis war da. Große Erleichterung.

Ich wollte dann gerne selber auch ein Nest zum Brennen bringen. Ich war nun schon etwas erschöpft vom Ziehen des Bohrers, aber dennoch gab es wieder Qualm und heiße Asche. Diese schüttete ich etwas hastig in mein Nest, schloß es dann und pustete minutenlang kräftig hinein. Ich spürte, wie meine Hände warm wurden, ein sehr angenehmes Gefühl, es rauchte auch, aber es war keine Flamme zu sehen. Ich wurde dann darauf aufmerksam gemacht, daß ich nicht einfach blind pusten darf, sondern die Glut sehen muß, um zu erspüren, was sie braucht. Es war nichts mehr zu machen, ich hatte das Feuer im Keim erstickt.

Auch hier wieder die Frage an mich, woran mich das erinnert, ob ich das aus meinem Leben kenne.

Ja klar kenne ich das. Ich bin Widder, immer mit dem Kopf durch die Wand. Das geht oft schief, dann gibt es Beulen, aber keinen Erfolg. Ich bin zu ungeduldig und zu unachtsam. Ich hätte ruhiger und achtsamer mit der Glut umgehen müssen, auch erstmal warten müssen, bis diese sich von selbst weiter ausbreitet. Wer wie ich aus etwas heißer Asche sofort ein loderndes Feuer entzünden will, erstickt es vor dem Entstehen.

Wo ich das im Leben konkret wiederfinde, ist auch klar: bei meiner beruflichen Situation. Nach meiner Reise nach Schweden im letzten Jahr war ich so high und von meiner eigenen Kraft überzeugt, daß ich versucht habe, mit Gewalt mein berufliches Leben völlig umzustülpen. Ich habe nach einer Vision für einen neuen Beruf gesucht. Da waren auch einige Ideen und gute Gedanken, aber es war offenkundig noch nicht reif. Ich habe zu kräftig gepustet und die anders als in meiner Vorstellung in Wahrheit doch noch sehr schwache Glut erstickt.

Zudem war ich noch zu stark im Ego-Gedanken verhaftet. Aus dem Ego entsteht nichts Gutes. Unterdessen gab es einige Erfahrungen, in denen sich das Ego temporär fast auflöste, nicht mehr wahrgenommen wurde. Ich bin darüber generell etwas ruhiger und gelassener geworden. Gut Ding will Weile haben. Das Feuerbohren hat mir gezeigt, daß noch mehr Ruhe und eine achtsame innere Haltung notwendig ist, bevor ich mein Feuer entzünden kann.

Es ist auch legitim, die Glut zu schützen, solange sie noch schwach ist. Nicht jeder Mensch sollte dann in meiner Nähe sein, nur diejenigen, die mein Feuermachen unterstützen. Diese Unterstützung hatte ich an diesem Wochenende, trotzdem hat meine eigene innere Ruhe nicht gereicht.

Ein Erfolgserlebnis mit dem Feuer hatte ich dennoch. An einem Morgen fiel meiner Gruppe die Aufgabe zu, das Feuer für die Gemeinschaft zu entzünden. Da die anderen noch schliefen, habe ich das ganz alleine gemacht. Es gab noch genug Glut vom Vorabend, und ich hatte Holzspäne und Kieferrinde zurückgelegt. Ich schichtete die Materialien auf die Asche des Vortags und pustete gar nicht lange, da brannte es schon. Dann habe ich das Feuer noch eine Weile bewacht und genährt, bis es wieder zuverlässig hoch brannte und ich den Wasserkessel aufsetzen konnte.

Ich empfand eine sehr tiefe Dankbarkeit. Nicht „ich“ (Ego) habe das Feuer entzündet, sondern es wurde mir und der Gemeinschaft geschenkt. Es war eine heilige Handlung, die ich ausführen durfte. Ich bin immer noch tief berührt davon.