Samstag, 9. Januar 2010

Selbst-Erinnerung

Heute morgen war ich wieder sehr intensiv in dem Zustand, in dem ich seit einigen Tagen – mit Unterbrechungen – bin. Ich möchte ihn hier nochmal beschreiben.

Ich bin erfüllt von Frieden, Glück und Liebe. Dieses Gefühl scheint aus der Körpermitte zu kommen, ich lokalisiere es irgendwo im Brustkorb. Das Verstandes-Ich scheint dabei nicht verschwunden zu sein, aber es ist nicht mehr so dominant, es ist im Hintergrund. Daneben scheint es auch noch einen Beobachter zu geben (das ist ja wohl auch ein Teil des Verstands), aber auch dieser ist im Hintergrund.

Manchmal verschwinden alle Ich-Anteile und übrig bleibt eine Empfindung von einem pulsierenden Leben, das aus sich selbst heraus lebt (das empfinde ich als an den Atem gekoppelt: "es atmet", nicht "ich atme"). Und eben diese liebevollen, friedvollen Gefühle. Es ist wunderbar, ich wünschte, ich könnte immer in diesem Zustand verbleiben, ich bin darin glücklich. Es ist ganz anders als der gewohnte Zustand und fühlt sich dabei doch völlig natürlich und normal an. Im Gegenteil: der gewohnte Zustand entpuppt sich jetzt als der wahrhaft "unnormale".

Seit Tagen liegt dieser liebevolle Zustand allem anderen zugrunde, während darüber teilweise auch das Verstandes-Ich fast wie gewohnt tätig ist (allerdings meist ohne dieses Gefühl von "Ich bin im Kopf", vielleicht sollte ich es eher als normale Verstandestätigkeit bezeichnen), beides ist voneinander unabhängig. Ich deute meine Empfindung entsprechend meines angelesenen Wissens so, daß ich jetzt einen Kontakt hergestellt habe zu dem liebevollen Urgrund, der uns alle trägt, also dem universellen Selbst (auch wenn ich es noch nicht als universell erlebe). Ich bin offenkundig in die Selbst-Erinnerung eingesunken, so intensiv und anhaltend wie nie zuvor (soweit ich mich zurückerinnern kann).

So wie gestern erlebte ich auch heute, daß im Verlauf des Arbeitstags das Denk-Ich stärker in den Vordergrund rückte und der Kontakt zu diesem Zustand nachließ. Wenn ich mich darauf besann, konnte ich ihn aber meist wiederherstellen, je länger der Tag dauerte, desto schwerer fiel es mir allerdings.

Nach einem abendlichen Spaziergang war die Empfindung aber wieder sehr stark vorhanden. Ich empfinde es wirklich als einen Durchbruch, da der Zustand auch deutlich länger anhält als meine üblichen Stimmungsschwankungen. Und er hat auch nichts von der Euphorie, die mich manchmal bei positiven Erfahrungen erfaßt, und die meist nach einiger Zeit in ihr Gegenteil umschlägt. Dieser neue Zustand ist wie eine Grundlage, auf der alles weitere sich abspielt.

Ich bin anscheinend angekommen, heimgekommen bei mir selbst. Und deshalb vermutlich hat meine innere Unruhe, die mich monatelang angetrieben hat, auch nachgelassen.

Am Arbeitsplatz hatte ich heute noch eine Erkenntnis in Ergänzung zu dem, was ich gestern schon schrieb. Während eines Gesprächs mit einem Kollegen über weitere Änderungen an einem Programm (mit dem ich vor Weihnachten überhaupt nicht klargekommen war), fiel mir blitzartig auf, daß ich völlig klar denken kann, das Denken fiel mir ganz leicht! Das war schon ewig nicht mehr so, wenn es um Programmierung ging. Und in der gleichen Sekunde wußte ich warum: es war Angst, die mich am Denken gehindert hatte! Mein Gehirn hatte Angst vor dem Prozeß, der in mir abläuft (ich hatte nur Kopfschmerzen und Denkunfähigkeit wahrgenommen, aber es muß Angst gewesen sein). Mein Gehirn versteht nicht, was mit mir derzeit passiert, und versucht verzweifelt die Kontrolle zu behalten. Angst und Unverständnis sind die Ursache meines Konzentrationsproblems. In dem Maße, wie die Angst zurückgeht, werde ich wieder arbeiten können, da bin ich jetzt sehr zuversichtlich. Und aktuell lockert sich die Angst anscheinend.

Als ich heute anfing, über das plötzlich wieder klare Denken nachzudenken, kamen die Kopfschmerzen allerdings sofort zurück. Es ist offenkundig: die Blockade liegt im Kopf selbst. Der Verstand hat Angst vor dem Tod des Ichs.

Ich werde das weiter beobachten. 1-2 Wochen erfolgreiche Arbeitsleistung wären für mich der Beweis, daß ich auf der richtigen Spur bin.

Und es wäre gut, wenn ich irgendwie eine Bestätigung dafür bekommen könnte, daß alles gut läuft bei mir, und daß für Angst kein Grund besteht. Das Buch von Suzanne Segal hat mir diesbezüglich anscheinend schon geholfen. Darin las ich nämlich letzte Nacht und heute morgen, und das empfand ich auch gleich als sehr beruhigend. Und heute gab es dann diese wichtige Einsicht, die blitzartig da war, und von der ich sofort wußte, daß sie wahr ist.

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Nachtrag: Kurz nachdem ich diesen Blog-Beitrag online gestellt hatte, fiel mir folgendes auf: mein Ego bemächtigte sich dieses veröffentlichten Erfolgserlebnisses und fing an, Bewertungen vorzunehmen im Verhältnis von "Ich" zu anderen Personen. Zum Glück habe ich es gleich gemerkt. Auf das spirituelle Ego muß ich wirklich höllisch aufpassen, davon will ich mir mein neues Lebensgefühl nicht versauen lassen. Das Leben ist wunderbar! Aber nur ohne Ego!

Freitag, 8. Januar 2010

zwischen Ego und Sein

Notizen vom heutigen Tag:

Vormittag: Heute habe ich wieder dieses wunderbar friedliche und glückliche Gefühl. Das war sogar sehr stark während eines körperlich unangenehmen Termins zur Zahnreinigung.

Das Ich ist nicht verschwunden, aber es ist nicht mehr so dominant. Das friedliche Gefühl kommt nicht aus dem Ich, es ist davon unabhängig. Ich habe Kopfschmerzen, aber die machen mir keine Angst. Es gibt nichts, wovor ich Angst haben müßte.

Ich lebe, ich existiere, und das Leben ist wunderbar. Ich habe kein Bedürfnis, irgendwelche großen Pläne zu machen oder irgendwelchen Zielen hinterherzuhecheln, ich möchte einfach in diesem Zustand verbleiben, in dem ich jetzt bin.

Als ich mich heute an meinen Schreibtisch im Büro setzte, da verspürte ich eine starke Schaffensfreude. Ich hatte Lust etwas zu schaffen. Dann kamen Gedanken dazu, etwa so: "Aber was willst Du schaffen? Welche Arbeiten stehen heute an? Die sind doch öde, hast Du wirklich dazu Lust?"

Danach kamen die Kopfschmerzen. Dann fing ich halbherzig mit der Planung eines Projekts an und verlor nach kurzer Zeit den Faden. Ich brach einige Zeit später die Arbeit ab, um mir Notizen für diesen Blog-Beitrag zu machen.

Ich habe es genau beobachtet. Erst war da der innere Impuls, die Lust, die Arbeit anzugehen, und dann erst kamen die miesmachenden Gedanken. Ich rätsele ja seit Monaten herum, ob es das Ego ist, was mir die Arbeit unmöglich macht, oder ob es mein wahres Wesen ist. Heute ist es eindeutig das Ego, das stört.

Neben Kopfschmerzen habe ich auch starke Rückenschmerzen und Verspannungen im Schultergürtel, also körperlich hat sich da bei mir noch nichts gelöst, eher im Gegenteil. Schon seit mehreren Wochen erkenne ich diesen Körper im Spiegel aber nicht mehr als "Ich".

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Mittag: Eben hatte ich eine Verstandes-Attacke: die ganze Aufmerksamkeit war im Kopf konzentriert, der sich zum Zerbersten anfühlte. Ich erinnerte mich sofort, daß dies der früher "normale" Zustand war, dieses "Ich bin im Kopf". Nun sehe ich nochmal deutlicher den Unterschied zu meinem Zustand der letzten Tage. Da gab es immer noch das "Ich im Kopf", aber daneben gab es auch pures Sein, pure Existenz.

Die Verstandes-Attacke ist noch nicht ganz abgeklungen, da kämpft anscheinend das Gehirn mit sich selbst.

Vor einiger Zeit hatte ich noch Angst vor möglichen physiologischen Veränderungen im Gehirn, wenn dieses die Kontrolle irgendwann tatsächlich ganz abgeben sollte. Die Angst ist verschwunden. Es wäre auch kein großer Verlust, wenn diese (fiktive) Ich-Person irgendwann ganz sterben sollte.

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Abend: Heute nachmittag konnte ich recht konzentriert arbeiten, darüber war ich sehr froh. Allerdings hatte es anscheinend zur Folge, daß das Ego wieder stärker wurde. Zeitweise verlor ich völlig den Kontakt zum Sein und befürchtete bereits, daß diese schöne Phase schon vorbei sei.

Beim Tanzen fand ich dann wieder stärker zum Sein zurück, aber nicht mehr so intensiv wie in den letzten Tagen. Es gab heute einige Übungen zum eigenen Schatten, z.B. sollte man gegen den eigenen Schatten kämpfen. Das habe ich verweigert. Ich habe mich stattdessen dem Schatten im Tanz genähert, um mit ihm schließlich zu verschmelzen. Dieser Moment hat mich stark berührt.

In einer Partner-Übung hat mein Partner meinen Schatten dargestellt (ich hatte ihm dafür als Stichworte Hochmut, Herablassung sowie Eingesperrtsein genannt) und ich konnte mich tänzerisch auf diesen Schatten-Partner zubewegen. Das war eine sehr aufschlußreiche und schöne Übung. Ich habe mich darum bemüht, den Hochmut zu lieben, was sehr schwer war. Als er tänzerisch einen eingesperrten und starren Menschen darstellte, habe ich versucht, ihn zu befreien, was schließlich auch gelang.

In einer weiteren Übung wurde mir nochmals deutlich, wie sich mein Ich-Gefängnis körperlich ausdrückt: der gesamte Brustkorb fühlt sich dann an wie ein harter, völlig unbeweglicher Panzer. Außerdem ziehe ich die Schultern nach oben und nach vorn, krümme den Rücken nach vorne, falle sozusagen in mich zusammen (so kann man natürlich nicht mehr frei atmen).

Das Tanzen bekommt mir gut, das drängt das Ego in den Hintergrund und der Körper kann sich frei bewegen. Sehr merkwürdig fühlte sich für mich heute allerdings das Sprechen über "meine" Erfahrungen an diesem Abend an. Die psychotherapeutische Arbeit an einem nicht-existenten Ich ist sinnlos. Ich habe das Spiel aber mitgespielt.

Danach hatte ich Sehnsucht nach mehr Kontakt zum Sein, und so fuhr ich nachts erneut in den Wald. Ich hatte dort wieder Momente inneren Friedens, unterdessen überwiegen allerdings die Kopfschmerzen, und das Ego drängt in den Vordergrund. Ich deute die Kopfschmerzen so, daß das Gehirn versucht, seine Handlungsunfähigkeit und die Nicht-Existenz einer Person entweder zu verarbeiten oder nicht wahrhaben zu wollen.

Ich lese zur Zeit von Suzanne Segal: "Kollision mit der Unendlichkeit". Das macht mir nochmals klarer, was ich prinzipiell vor Weihnachten ja auch bereits erkannt habe: es gibt keinen Handelnden. Aber diese Erkenntnis nun nach und nach auch auf Alltagssituationen anzuwenden, überfordert mein Gehirn derzeit noch.

Gibt es vollständige Handlungsunfähigkeit, oder gibt es vollständige Handlungsfreiheit? Ich glaube aktuell, daß es so ist: aus der Perspektive des Egos gibt es vollständige Handlungsunfähigkeit, aus der Perspektive des Seins gibt es vollständige Handlungsfreiheit. Da passiert dann aber immer nur das Offensichtliche und ohne einen persönlichen Handelnden. Das ist zunächst nur eine theoretische Überlegung. Aber mir scheint jetzt, daß der Wechsel der Perspektive (weg vom Ego) andere Handlungsmöglichkeiten eröffnet.

Mittwoch, 6. Januar 2010

Glück

Heute war ein glücklicher Tag. Es gab den ganzen Tag lang ein warmes Glücksgefühl. Am stärksten war es, wenn ich alleine war, und es war etwas im Hintergrund, wenn Menschen um mich herum waren. Am Abend nach dem Gymnastik-Kurs gab es einige kurze Tränenausbrüche ohne ersichtlichen Grund. Ich kenne das schon, das wird anscheinend durch die Bewegung ausgelöst, vor allem, wenn einige ungewohnte Bewegungen ausgeführt wurden. Das sind vielleicht irgendwelche im Körper gespeicherten Emotionen, die sich dann lösen. Danach war ich noch kurz am Fluß und habe den frischen kalten Wind gespürt. Die Stille in dieser kalten Jahreszeit tut mir sehr gut.

Es geht mir gut. Besser als seit vielen Monaten. Und es gibt dabei eine Selbstwahrnehmung, die sich von allem unterscheidet, was ich in den letzten Jahren gespürt habe. Ich bin unverstellter, echter, aber das alleine ist es auch nicht.

Der Kontakt zur Wirklichkeit ist direkter. Dieser Kontakt läßt sich gewiß noch deutlich steigern, ich bin allerdings auch für den jetzigen Zustand schon sehr dankbar. Ich fühle mich zeitweise in der Wirklichkeit angekommen, wobei das Denk-Ich in diesen Momenten ganz stark im Hintergrund ist.

Die noch vor kurzem immerzu kreisenden Gedanken im Kopf sind sehr deutlich zur Ruhe gekommen, zeitweise gibt es gar keine Gedanken. Heute merkte ich einmal sehr klar, wie das Gehirn sich in bewertende Gedanken über mein Verhältnis zu anderen Menschen eindrehen wollte – ich zog die Aufmerksamkeit davon ab und es hörte sofort auf.

Das Glücksgefühl kommt der Empfindung nach aus dem Brustkorb. Dieser fühlt sich dabei immer noch eng und verkrampft an, wie ein sehr fester Panzer, er schmerzt auch etwas.

Ego-Muster

Selbsterkenntnis ist ein hartes Brot. Gestern abend kam es ganz dick, mit harter Kritik von zwei verschiedenen Seiten. Ich fühlte mich zuerst überfordert. Darf ich mich nicht auch einmal ausruhen, kann es nicht mal eine Pause geben, geht das immer weiter mit der Demütigung des Egos? Ja, es geht immer weiter, und wenn die Fakten auf dem Tisch liegen, ist es besser, gleich hinzusehen anstatt sich noch weiter davor zu drücken.

Also habe ich ein weiteres meiner unseligen Ego-Muster angeschaut, nicht zum ersten Mal (im Gegenteil, ich habe es schon ganz oft angeschaut), aber so tief wie diesmal sah ich bisher nicht. Es geht darum, daß ich sehr oft andere Menschen mit langen Monologen überschütte. Ich glaube dann, es ginge mir um einen Dialog, einen Austausch, aber in Wahrheit geht es mir (meinem Ego) um ganz andere Dinge, beispielsweise um folgende:

- ich versuche inneren Druck loszuwerden
- ich kreise egozentriert um mich selbst und nehme den anderen Menschen gar nicht wahr
- ich teile meinen inneren Dialog auf zwei Personen auf und projiziere eine davon auf mein Gegenüber (das ist Mißbrauch und Manipulation)
- ich lade meinen ungeordneten Müll und meine inneren Konflikte beim anderen ab (das ist auch Mißbrauch)
- ich mache mich wichtig, ich spiele mich auf
- ich suche Gehör, Beachtung und Anerkennung, was ich mir selber nicht gebe

Ich empfand Scham, als ich es so deutlich vor mir sah. Nachdem ich meine Gedanken und Empfindungen aufgeschrieben hatte, fühlte ich mich gleich deutlich besser. Ich schreibe es jetzt für den Blog nochmal auf.

Arbeitstag

Heute war dieses innere Zentrum, das ich gestern so deutlich gespürt habe, leider schon wieder fast verschwunden, und der Kopf war wieder stärker.

Mich haben heute Gefühle von Angst und Beklemmung geplagt. Ich empfinde Enge im Brustkorb, so, als könne ich nicht frei atmen. Ich habe wieder Angst, meine Arbeit nicht zu schaffen, nicht leistungsfähig zu sein. Ich habe mit dieser Angst und Beklemmung trotzdem arbeiten können, allerdings zunächst fahrig, schlecht konzentriert, leicht abzulenken. Denkarbeit fällt mir weiterhin sehr schwer. Ich hatte wieder leichte Kopfschmerzen.

Ich mag mich nicht mehr über längere Zeit an einer Denkaufgabe festbeißen, das ist mir zu anstrengend. Für eine kurze Klärung eines Sachverhalts oder eine Absprache mit Kollegen reicht mein Denkvermögen, aber es reicht nicht, um etwas zu planen, zu konstruieren, größere Zusammenhänge herzustellen, zu abstrahieren – das ist mir alles zu mühsam geworden, ich halte nicht durch.

Ich kann engagiert mit jemandem etwas besprechen, aber direkt nach dem Gespräch falle ich in ein Loch und vergesse nahezu alles, was gesagt wurde. Weil es mich auch gar nicht wirklich interessiert. Ich reagiere auf Anforderung von Denkleistung, aber mag mich nicht selber dazu antreiben. Vor allem fehlt die Kontinuität des Denkens.

In diesem Zustand werde ich diesen Job wohl kaum erfolgreich fortführen können. Oder vielleicht doch? Es ist viel zu früh für eine Bewertung. Zunächst kommt mir das Schicksal zu Hilfe und nimmt mir den Zeitdruck. Meine Präsentation, mit deren Vorbereitung ich heute angefangen habe, wird verschoben.

Ein Spaziergang im Schnee während der Mittagspause führte mich wieder stärker zu mir zurück und beruhigte den Druck im Kopf. Daraufhin konnte ich am Nachmittag deutlich besser und konzentrierter arbeiten. Am Ende des Arbeitstags gab es ein Gefühl von Erleichterung, daß ich doch noch etwas geschafft hatte.

Dienstag, 5. Januar 2010

es lebt

Bei meinem gestrigen Eintrag fiel mir im nachhinein auf, wie der Verstand unbedingt eine Bewertung und Einordnung meiner ursprünglichen einfachen Empfindung vornehmen wollte. Ich fühlte mich gut und im Frieden mit mir, aber anstatt das einfach festzustellen und aufzuschreiben, mußte diese Empfindung entweder abgewertet werden ("kann ja gar nicht sein, daß es Dir gut geht") oder andernfalls als irgendein großartiges Erfolgserlebnis ("Erleuchtungserfahrung") gedeutet werden (das sich das Ego dann sofort an seine Fahnen heften kann).

Warum kann nicht einfach das stehenbleiben, was ist?

Ich hatte gestern ein ganz starkes Gefühl von einem inneren Zentrum, das nicht im Kopf lag, sondern eher irgendwo im Brustkorb (ich würde es aber nicht "Herz" nennen). Ich habe es gestern "ich selbst" genannt, aber ob das eine zutreffende Bezeichnung ist, weiß ich nicht so recht. Es ist jedenfalls nicht das normale "Ich", das im Kopf beheimatet ist. Dieses innere Zentrum war eigentlich gar kein "ich", auch nicht "ich selbst" (ich weiß auch eigentlich noch nicht so recht, was das sein soll), es war einfach Leben. So etwas wie pulsierendes Leben, das aus sich selbst heraus lebt.

ES LEBT. Aber nicht: "ich lebe".

Ich habe danach bei Ramana Maharshi über seine Methode der Selbstergründung nachgelesen. Man soll mit der Frage "Wer bin ich?" nachspüren, von wo der Ich-Gedanke aufsteigt, um so dem Selbst auf die Spur zu kommen. Bei diesem inneren Zentrum, das ich gestern den ganzen Tag lang sehr stark wahrgenommen habe, war aber gar kein Ich-Gedanke im Spiel. Zeitweise schien der Ich-Gedanke ganz weg zu sein, ansonsten war er parallel und unabhängig von diesem inneren Zentrum vorhanden. Und er kam natürlich dazu, als ich versuchte, diese Wahrnehmung zu beschreiben.

Was ich bisher in der Selbstergründung nicht wahrgenommen habe, ist Leere. Ich hatte bisher keine Empfindung von innerer Leere. Wohl von Vernichtet-Sein, Ausgelöscht-Sein, totaler Sinnlosigkeit (als ich erkannte, daß das Denk-Ich nur eine mentale Konstruktion, eine Illusion, und gar nicht handlungsfähig ist, das war Mitte Dezember 2009), und später von Stille, Ruhe, Frieden, aber nicht von Leere.

Vielleicht deute ich meine Wahrnehmung nur anders? Oder vielleicht bin ich noch nicht tief genug eingetaucht.

Montag, 4. Januar 2010

bei mir angekommen

Heute weiß ich nicht so recht, was ich schreiben soll. Das ist ungewöhnlich.

Ich habe Hemmungen, ein Erfolgsgefühl zu vermelden. Ich habe Sorge, daß es verfrüht sein könnte und mir dann später peinlich ist.

Seit einigen Tagen geht es mir trotz einiger depressiver Zwischenphasen immer wieder überraschend gut. Ich fühle mich dicht dran an mir selbst. Ich ruhe viel mehr in mir als in den vielen Monaten, in denen ich innerlich stark angetrieben war von einem zeitweise fast unerträglichen inneren Druck. Ich empfinde inneren Frieden und ein stilles Glück. Es hielt heute den ganzen Tag über an.

Ich hatte keine großen Widerstände, heute wieder ins Büro zu fahren. Ich hatte auch keine Kopfschmerzen wie in den letzten Tagen vor dem Urlaub. Ich habe dennoch leider nur einige Routine-Aufgaben erledigt und nicht die Präsentation für nächste Woche vorbereitet, was eigentlich dringend ansteht. Trotzdem war ich mit mir im reinen. Ich muß das weiter beobachten, wie es in den nächsten Tagen läuft.

Es fühlt sich so an, als seien einige dunkle Wolken, die sehr lange Zeit meinen Himmel verdunkelten, jetzt abgezogen.

Ich fühle mich echter als vor einigen Wochen. Die schweren Erschütterungen kurz vor Weihnachten haben anscheinend erhebliche Ego-Anteile von mir zerrüttet und zertrümmert. Nachdem die Scherben zusammengekehrt sind, zeigt sich, was darunter verborgen lag. Ich fühle mich zarter, verletzlicher, zurückhaltender, auch etwas erleichtert.

Dennoch bin ich in den letzten Tagen auch wieder unangenehm aufgefallen mit mir unterdessen wohlvertrauten Ego-Anteilen. Ich habe einige sehr kritische Rückmeldungen bekommen. Zusammengefaßt: ich nerve Menschen mit meinem Mitteilungsdrang und mit meiner Überheblichkeit, zudem drücke ich mich anscheinend völlig unverständlich aus.

Aus meiner Sicht: daß ich immer wieder dem Hochmut verfalle, ist sehr ärgerlich, das wurmt mich sehr, denn das habe ich doch jetzt durchschaut. Daß ich mich nicht verständlich machen kann, scheint aber teilweise auch daran zu liegen, daß ich jetzt einige Erfahrungen gemacht habe und einige Einsichten hatte, die mich von anderen Menschen trennen. Bei manchen Themen gibt es kaum noch eine Verständigungsbasis. Das ist ganz unangenehm, das festzustellen.

Wie immer mißtraue ich mir auch selber, ob ich überhaupt recht habe mit dieser Beobachtung, oder ob ich nur wieder einbilde, etwas besonderes zu sein. Nein, ich bin nichts besonderes, ich bin niemand, es gibt mich gar nicht (jedenfalls nicht im Sinne einer abgetrennten Ich-Person), aber wie soll mein Gehirn das so schnell begreifen und integrieren, und wie soll ich das anderen verständlich machen?

Ich möchte gerne viel alleine sein und dieses wunderbar friedliche Gefühl genießen, solange es anhält. Und wenn sich dabei nach und nach weiteres in mir klärt, umso besser.

Ich merke gerade, daß ich mich davor drücke, das zu schreiben, was ich wirklich denke. Es ist mir peinlich, weil ich nicht sicher bin, ob ich mir nur was vormache. Ich glaube, ich hatte jetzt diese berüchtigte (temporäre) "Erleuchtungserfahrung", die gar keine Erfahrung ist, weil das Ich dabei verschwindet, und die auch nichts mit Erleuchtung zu tun hat, weil es einfach der normale Zustand jedes Menschen ist. Ich hatte diese "Erfahrung" aber nicht in einem bestimmten Moment, sondern irgendwie verteilt über etliche Wochen. Da gab es immer wieder einzelne Momente, die einen Teil dieser Erfahrung auszumachen scheinen. Und zusammengenommen scheine ich jetzt bei mir selbst angekommen zu sein. Zumindest mal für kurze Zeit.

Ich weiß jetzt wieder, wer ich bin, zumindest war ich ewig nicht mehr so dicht an mir selbst dran. Und das ist ein ganz wunderbares Gefühl.

Daß dieses "ich selbst" keine individuelle Person ist, ist noch nicht völlig klar, ich versuche, nicht so viel darüber nachzudenken.