Dienstag, 27. September 2011

Medizinwanderung

Medizinwanderung

Um 6 Uhr klingelte mein Wecker – nicht gerade meine bevorzugte Zeit. Dennoch zügig nestelte ich mich aus dem Schlafsack, zog mich an und krabbelte aus meinem Zelt. Eine schmale zunehmende Mondsichel stand noch am Himmel, der Rest des Mondes in dunkles Rot gehüllt. Wintersternbilder wie der Orion waren zu sehen. Die Morgendämmerung schritt schnell voran und löschte den Sternenhimmel aus.

Müde, vermummte Gestalten sammelten sich nach und nach schweigend im Kreis. Dann wurden wir mit Salbei und anderen Kräutern geräuchert und einzeln ausgesandt zu unserer stillen Wanderung.

Der Schritt über die Schwelle war bei mir ein Knochenhaufen neben der Feuerstelle unseres Platzhüters. Ein Schädel und Kieferknochen zogen mich magisch an. Ich schritt über den Tod in eine neue Welt.

Der Bachlauf zog mich zunächst an. Ich ging an eine Stelle, die ich noch nicht aufgesucht hatte. Als ich feststellte, daß es dort nicht so einfach weiter geht, und daß ich zudem nicht allein sein würde (ein anderer Teilnehmer hatte den gleichen Weg gewählt), ging ich lieber zu dem Wäldchen, das ich schon am ersten Tag des Seminars gewählt hatte für einen Sitzplatz.

Sehr alte ehrwürdige Buchen und Eichen umringt von Maisfeldern: im Schoß einer Eiche mit dreigeteiltem Stamm setzte ich mich nieder. Ich lehnte an einem der Stämme und schaute in den Himmel, freute mich am Muster des Eichenlaubs gegen den langsam heller werdenden Himmel.

Ich saß lange da, über eine halbe Stunde. Da waren nicht viele Gedanken. Ich fühlte mich wohl und geborgen, sicher und geschützt, und in mir ruhend. Es war friedlich. Einmal kreuzte ein anderer Mensch laut raschelnd das Wäldchen. Ich blickte nicht auf, und bald war ich wieder allein.

Als mir langsam kalt wurde, wollte ich aufstehen und mich ein wenig bewegen. Aber nein, zuerst zog mich noch Mutter Erde an. Ich hatte noch nicht genug gespürt. So legte ich mich flach auf den Boden. Er war kalt, aber hier auf dem Laub trocken. So tröstlich war das. Der Geruch war erdig-schwer, schon herbstlich. Dann drehte ich mich noch auf den Rücken. Am liebsten hätte ich mich ausgezogen, um die Erde noch direkter zu spüren. Aber dafür war es mir dann doch zu kalt.

Dann verließ ich das Wäldchen. Mir war bewußtgeworden, daß ich den Sonnenaufgang verpaßt hatte. Die Sonne schien nun schon eine Handbreit über dem Maisfeld. Schade einerseits, denn wann habe ich die Gelegenheit, mal einen Sonnenaufgang zu sehen? Meist bin ich doch erst später wach. Aber es störte mich wenig, zu sehr hatte ich die Stunde im Laubwäldchen genossen.

Ich folgte einem Schotterweg zur nächsten Hauseinfahrt. Dort lagen frische Kastanien. Ich lud mir die Taschen davon voll. Zweimal raschelte es über mir und in einer kleinen Explosion landeten Kastanien und deren Schalen auf dem Boden, sprangen noch einmal hoch und blieben dann liegen. „Alles Gute kommt von oben“, dachte ich, ging ein paar Schritte weiter und wartete ab, ob mehr Kastanien fallen würden. Nein, es war, als hätte ich sie nur angezogen, als ich direkt darunter stand. Ich sah aber viele viele geöffnete Schalen am Baum hängen, die Kastanien glänzend sichtbar, bald bereit zum Fallen. Wunderschön, so habe ich das überhaupt noch nie gesehen. Kurz überlegte ich, ob ich mit einem Kastanienwurf ins Geäst nachhelfen sollte, aber dann wollte ich nicht in den Lauf der Natur eingreifen.

Ich ging einige Schritte weiter. Da fielen mir viele kleine Vögel ins Auge. Sie huschten zwischen Fichtenzweigen sehr flink hin und her (Tannenmeisen), flogen ins Maisfeld im Slalom zwischen den Reihen und verschwanden so schnell wie sie gekommen waren oder flogen in kleinen Schwüngen über das Feld in die Bäume.

An einer Feldeinfahrt lud mich ein Baumklotz zum erneuten Sitzen ein. Ich sah kleine beigefarbene Vögel in einem dichten Strauch (mal eine Art, die ich noch nicht kenne). Einer putzte ausgiebig sein Gefieder. Ich sah, wie der kleine Kopf sich hin und herbewegte, wie mit dem Schnabel die Flügel bearbeitet wurden. Es war so ein zauberhafter Frieden in diesem Bild. Diese Vögel sind so genügsam, sie brauchen eigentlich nichts, nur die Natur um sie herum, die ihnen alles bietet: Spiel und Vergnügen, Frühstück und Morgentoilette.

Ich stand wieder auf und ging langsam weiter. Ich wollte wissen, was hinter dem Maisfeld liegt. Dort lag zur Rechten ein schon gerodetes Maisfeld. Zur Linken zunächst eine Weide, dann wieder eine kleine Baumgruppe. Unter einer Eiche blieb ich erneut stehen, beobachtete kurz zahlreiche Meisen, die von Ast zu Ast hüpften. Als sich auf dem Weg eine andere Teilnehmerin näherte, ging ich weiter. Ich wollte gerne allein sein.

Als nächstes wurde meine Aufmerksamkeit von Tierspuren auf dem Schotterweg angezogen. Ich erkannte Spuren von zwei Rehen, die recht frisch wirkten. Angrenzend zur Linken lag unterdessen ein ebenfalls schon abgeerntetes Feld – eine mir unbekannte Feldfrucht nach den restlichen Blättern zu urteilen. Ich dachte, ich müsse die Rehspuren im lockeren Boden doch eigentlich gut erkennen. Da wurde mir klar, daß die unspezifischen Vertiefungen genau diese Spur sein mußten. Ich folgte den Spuren, wollte gerne wissen, von wo die Rehe gekommen waren.

Die Spur führte schräg über das Feld. In Verlängerung sah ich eine Brücke, die mich anzog. Aber sie schien mir zu weit weg angesichts der schon fortgeschrittenen Zeit, wir sollten nach zwei Stunden zurück sein. Die Rehe waren möglicherweise über diese Brücke gekommen. Da mir das Laufen über den weichen Boden doch zu anstrengend war und ich die Verfolgung nicht spannend genug fand, verließ ich die Tierspuren und kehrte auf den Weg zurück.

Als nächstes wurde meine Aufmerksamkeit auf wunderschöne gelbe Stauden am Rand des nächstens Feldes gelenkt. Solche Blumen wachsen auch in Gärten, den Namen kenne ich nicht, das war aber auch nicht wichtig.

Das hohe Gras entlang des Wegs war von Tau übersäht. Jeder einzelne Tautropfen glitzerte silbern in der Morgensonne, die höher gestiegen war. Der Anblick war wunderschön. Ich dachte, ich müsse eigentlich gar nicht weitergehen, ich könnte überall verweilen und einfach die Wunder der Natur genießen. Ich sah dann noch zwei Pusteblumen, Löwenzahn, der offenbar ein zweites Mal geblüht hatte und jetzt im Samen stand. Der Tau hatte den Kopf in eine silberne Kugel verwandelt. Die erste Kugel berührte ich und bemerkte dabei, daß ich den Zauber zerstöre, weil sofort die Samen zusammenklebten. Daraufhin bewunderte ich den zweiten Samenstand nur still.

Ich geriet an eine Wegkreuzung. Zur Rechten in kurzer Entfernung lag eine landwirtschaftliche Anlage, die ich nicht näher in den Blick nehmen wollte. Zur Linken zog mich immer noch die Brücke an. Ich wußte, daß unser Camp am anderen Ufer des Baches liegt, aber ich wußte nicht, ob es dort einen Weg zurück geben würde, und ich hatte nur noch 20 Minuten Zeit. Ich zögerte, ob ich umkehren soll. Immerhin sah ich zwei unserer Teilnehmer auf der anderen Seite. Also mußte es wohl irgendeinen Weg geben.

Rückzug wäre eine kleine Niederlage gewesen. Ich wollte lieber meinem Instinkt folgen und steuerte nun mit schnellen Schritten auf die Brücke zu. Der Bachlauf war hier stark begradigt, was ich nicht so schön fand, das Wasser war aber klar.

Am Ufer gab es eine gut begehbare Gras-Trecker-Spur. Ich fühlte mich bestätigt, daß meine Entscheidung richtig war, über die Brücke zu gehen. Erneut kam ich an eine kleine Strauchgruppe mit vielen Vögeln. Es wuchsen dort Büsche mit dichten Trauben von schwarzen Beeren direkt am Stamm. Sowas habe ich noch nie bewußt gesehen, keine Ahnung, was das war. Ich kam nicht nahe genug heran, um ein Blatt zur späteren Bestimmung mitzunehmen.

In der Fortsetzung meines Graswegs erhob sich jetzt eine Frau, die am Rande des folgenden Maisfelds gelegen hatte. Ich fühlte mich erneut in meinem Zeitgefühl und der Rückkehr ins Lager bestätigt. Zu meiner Verwunderung kam sie mir aber entgegen. Das verwirrte mich. Ich war ganz sicher, daß direkt hinter diesem Maisfeld unser Lager liegen müßte. War sie nicht von dort gekommen? Gab es dort irgendein Hindernis, das mich hindern würde, dort langzugehen?

Als sie an mir mit zügigem Schritt vorbeigegangen war (ohne Gruß, denn wir sollten ja schweigen und keinen Kontakt aufnehmen), rekapitulierte ich nochmal meinen Weg und das, was ich bisher von der Umgebung kennengelernt hatte. Nein, ich war auf der richtigen Seite des Mühlenbachs und ich kannte bereits einen kleinen Platz im Maisfeld auf der anderen Seite, und von dort ging es durch ein kleines Gestrüpp zurück. So setzte ich zuversichtlich meinen Weg fort, durch die äußersten beiden Reihen des Maisfelds, den Bach zur Linken. Und ich kam tatsächlich an dem kleinen freien Platz heraus, den ich bereits vom Vortag kannte. Zurück an einer Buntspecht-Rupfung, die andere Teilnehmer schon lange entdeckt hatten. Ich nahm mir noch die letzten größeren Federn mit.

Nun war ich schon am Rand des Camps angelangt, blickte noch kurz in die Schwitzhütte, in der eine andere Gruppe am Vortag gesessen hatte. Dann entschied ich, daß das noch glimmende Feuer vor der Schwitzhütte eine passende Schwelle für meine Rückkehr aus der Anderswelt in das Diesseits sei. Mit zwei großen Schritten überquerte ich meine Schwelle, dankte kurz für die phantastische Erfahrung und ging befreit ins Lager zurück.

Es war ein perfekter Tagesbeginn, ein perfekter Weg, mit sehr viel Glück und innerem Frieden. Noch stundenlang hielten die erhöhte Aufmerksamkeit und das Glücksgefühl an. Das Leben könnte so einfach sein, wenn es mir öfter gelingen würde, in diesem Bewußtseinszustand zu sein.

Dienstag, 30. August 2011

Büroarbeit

Der krasse Wechsel vom Wald zurück ins Büro löst diesmal keine Depression aus – aber Lethargie, Erschöpfung und Langeweile. Das ging schnell: heute morgen noch voller Kraft, heute abend schon ausgelaugt. Deutlicher kann es mir nicht werden, WO meine Kraft zu finden ist. Ich muß raus aus diesem sterilen Bunker. Insbesondere unter der stehenden abgestandenen Luft im Büro habe ich heute richtig gelitten. Welch Kontrast zur frischen Waldluft. :-(

Verbindung zu den Ahnen

Endlich habe ich einen kleinen authentischen Kontakt zur indianischen Kultur erhalten. Stalking Wolf war ein Apache-Scout und Schamane. Er lehrte Tom Brown jr. Dieser lehrte Jon Young. Dieser gab sein Wissen und seine Erfahrungen weiter an viele Wildnisschulen in Europa, so auch an diejenige, an der ich jetzt lernen darf. Nachdem ich zuletzt auch einige Bücher von Tom Brown, insbesondere über seine Lehrzeit bei Stalking Wolf gelesen habe, fühle ich mich mit dieser Tradition verbunden. Das ist jetzt meine Verbindung zu den Ahnen.

Ich habe immer geglaubt, ich müsse unbedingt in der eigenen Familiengeschichte nach der Ahnenverbindung suchen. Diese spielt gewiß auch eine Rolle, aber ist nicht alleine entscheidend. Der spirituelle Lehrer muß doch nicht ein eigener Verwandter sein. Der Schamane aus dem Dorf oder auch dem Nachbardorf war es in früherer Zeit gewiß auch oft.

Ich habe vor zwei Jahren in Schweden nach meinen Wurzeln gesucht. Da es mich so zu altem Wissen zog, dachte ich eine Zeitlang, ich müsse vielleicht in der samischen Kultur suchen. Ich habe das dann aber doch nicht weiter verfolgt – vielleicht, weil es mir so schwerfiel, einen Anfang zu finden. Immerhin habe ich in diesem Jahr zwei Familien-Erbstücke erhalten: zwei Holz-Skulpturen aus samischer Handwerkskunst.

Im nächsten Sommer möchte ich zurückkehren in die schwedische Wildnis. Zurück zu den Rentieren. Ich habe ihnen beim letzten Besuch versprochen, daß ich zurückkehren werde. Das will ich endlich einlösen. Und diesmal werde ich nicht alleine gehen. Es wird Zeit, meine Inspiration weiterzugeben. Zunächst an meine Lebensgefährtin.

Nasse Übernachtung

Die erste Nacht war trocken, der nächste Tag heiß. Erst am Nachmittag kam das erste große Unwetter. Dann eine Nacht lang Regen. Und meine erste Nacht im feuchten Schlafsack. Innen blieb er trocken, ich blieb warm, aber außen und auf das Gesicht gab es Sprühregen, weil die Baumarktplane nicht alles abhielt. Zudem tropfte es innen aus einem Abspannknoten mittels eines Kiefernzapfens – anscheinend war die Plane dort etwas undicht geworden.

Es war toll, nun auch einmal bei richtig „schlechtem“ Wetter - starkem Dauerregen - eine Nacht unter einer einfachen Plane zu verbringen. Eine Erfahrung mehr, für die ich dankbar bin. So richtig naß wurde ich ja nicht. Und auch das hätte ich überlebt.

Nächtliches Bad

Ich hatte ein wunderbares Wildnis-Seminarwochenende. Mir gibt allein schon das Draußensein so sehr viel Kraft. Die Akkus sind wieder voll aufgeladen. Zusätzlich zu dem Seminarprogramm habe ich für weitere Krafterlebnisse gesorgt: einmal bin ich nachts einen dunklen Waldweg zu einem Bach gelaufen und habe dort gebadet. Wunderbar. Das kalte Wasser auf meiner Haut. Ich lebe. Ich hatte weder Badesachen noch Handtuch dabei. Nackt im (flachen) Wasser zu liegen ist ganz anders: der Kontakt zum Wasser ist viel direkter und umfassender. Ganz vom Wasser umschlossen zu sein, war für mich erfrischend, belebend und reinigend zugleich. Es ist ein Ritual.

Ich ließ mich danach in der noch recht milden Luft lufttrocknen. Dann noch etwas feucht in die Klamotten, die auf dem Rückweg ins Camp schnell trockneten.

Ich mag Erfahrungen, die ein wenig „neben der Spur“ liegen. An einem warmen sonnigen Nachmittag in ein überfülltes Schwimmbad zu gehen, ist irgendwie viel zu einfach. Mir macht es viel mehr Spaß, wenn ein bißchen Überwindung erforderlich ist, wenn Schwierigkeiten auf dem Weg liegen.

Ich habe genug Möglichkeiten, bequem und faul zu sein. Deshalb bin ich überaus dankbar, wenn ich die Möglichkeit habe, mal an meine Grenzen zu gehen, diese auszutesten und schrittweise zu überwinden.

In diesem Frühjahr hatte ich noch bei jedem Schritt abseits von vorgegebenen Waldwegen das ungute Gefühl, etwas „Verbotenes“ zu tun. Außerdem bin ich bei sehr vielen Geräuschen zusammengezuckt, ebenso bei jeder unerwarteten Berührung durch einen Zweig oder ein Insekt.

Und jetzt gehe ich barfuß und ohne Taschenlampe nachts durch den Wald, und es ist ok. Ich hatte allerdings allerdings gleich 3 Taschenlampen dabei, ich sichere mich immer noch sehr stark ab. Und die sporadischen blinkenden Leuchtpunkte neben dem Weg machten mir Angst. Ich habe dann doch einige Male dort hingeleuchtet – und konnte nicht herausfinden, was den Lichtpunkt verursacht hat. Bei den fliegenden Lichtpunkten handelte es sich wohl im Glühwürmchen. Am Boden konnte ich aber keine verursachenden Tiere entdecken.

Erst am zweiten Abend fand ich heraus, was es vermutlich ist: Sterne, die in Wassertropfen auf der Vegetation reflektieren. Das ist zumindest meine Erklärung, denn meine Lampe leuchtete genau auf einen großen Wassertropfen auf einem Blatt. . Ein Stern, der so weit weg ist, bringt einen kleinen Wassertropfen zum Funkeln. Das ist eigentlich kein Grund, um Angst zu haben. Es ist eher zauberhaft schön. ;-)

Angst entsteht oft durch Unwissen. Wir haben Angst vor der Ungewißheit. Wir suchen Sicherheit. Auf mich trifft das jedenfalls besonders zu.

Der Wald ist überhaupt nicht dunkel nachts. Jedenfalls nicht vollständig. Wege durch den Wald sind erkennbar an dem helleren Boden, zumindest wenn dieser einen starken Sandanteil hat. Selbst ohne Mond leuchten die Sterne genug, um zumindest schattenhaft Bäume erkennen zu können. Nur bei wolkenverhangenem Himmel wird es schwieriger.

Bei meinen Versuchen, die Leuchtpunkte zu identifizieren, fiel mein Lichtstrahl auf zwei leuchtende Augen. Eine ähnliche Begegnung vor einigen Monaten hat mich noch stark erschreckt, jetzt war da Neugierde. Gerne hätte ich das Tier identifiziert. Aber es entfernte sich rasch von mir, nur kurz sah ich noch seine Augen, dann war es fort. Von der Höhe der Augen über dem Boden könnte ich auf ein marderartiges Tier schließen. Schade, jetzt, wo ich dies schreibe, fällt mir ein, daß ich nach den Tierspuren auf dem sandigen Boden hätte suchen können. Trotz meiner mangelnden Erfahrung hätte ich da vielleicht etwas erkennen können. Auf die Idee kam ich nicht, dafür war ich dann doch nicht entspannt genug.

Berufung

Ich weiß jetzt ohne jeden Zweifel, wofür mein Herz schlägt und wo ich hingehöre: in die freie Natur, insbesondere den Wald. Meine Suche hat mich in den letzten Jahren auf verschiedenen Pfaden kleine Wegstücke entlanggeführt. Die Suche ist zu Ende. Ich weiß, wo es langgeht. Es zieht mich nicht so sehr zu fernöstlichen Wegen wie beispielsweise dem Buddhismus, diese Wege habe ich nur mal kurz getestet. Ich fühle mich dagegen sehr zur indianischen Kultur hingezogen – eigentlich immer schon, aber jetzt weiß ich gewiß, daß es ein reales Fundament hat.

Ich weiß noch nicht, wo genau es mich hinführen wird, aber es ist ganz klar, wo ich gerade stehe und wie die nächsten Schritte sind.

Meine Berufung ist, den eigenen Naturkontakt wieder herzustellen bzw. weiter zu fördern und diese Erfahrungen und das daraus entstehende Wissen dann an andere Menschen weiterzugeben. Bei letzterem bin ich noch nicht 100% sicher, aber fast.

Samstag, 6. August 2011

Laubhütte

Endlich war es soweit. Schon seit Monaten fieberte ich mit zuerst viel Angst und zuletzt viel Lust dem Bau und dem Schlafen in einer Laubhütte entgegen. Mit einer Freundin zusammen dauerte es über 4 Stunden, eine Hütte aus einem Firststamm, angelegten Zweigen und einer Abdeckung aus Fichtenzweigen und viel Laub zu bauen. Der Eingang war gut einen Meter breit und so hoch, daß ich bequem aufrecht sitzen konnte – eigentlich ähnlich wie in meinem kleinen Zelt – nur rein aus Naturmaterialien. Wir banden die Äste teilweise mit Binsen und Rindenresten fest, um der Konstruktion noch mehr Halt zu geben.

Es hatte in der Nacht zuvor noch geregnet, deshalb gab es kaum richtig trockenes Material, es war überwiegend etwas klamm. Den Boden der Hütte deckte ich deshalb noch mit Fichtenzweigen (von einem jüngst gefällten Baum) und darauf ebenfalls einer knapp 10 cm dicken Laubschicht ab (hätte gerne noch mehr sein dürfen, aber dann war ich zu müde).

Während am Anfang, als ich diese Aufgabe im Rahmen meiner Weiterbildung gestellt bekam, noch Widerwillen und Angst überwogen, blieb zuletzt nur reine Freude. Ich war glücklich, als ich nachts in diese Hütte kroch. Mit einigen heißen Steinen aus dem Feuer hatte ich noch versucht, die Feuchtigkeit aus der Unterlage verdampfen zu lassen, aber das reichte nicht aus.

Ich wollte unbedingt – wenn schon, denn schon – ohne Isomatte und Schlafsack auskommen. Das Laub reichte aber nicht aus, um mich darin einzugraben und ohne Decke war es trotz der milden Sommernacht etwas kühl. Ich schlief dadurch unruhig, fröstelte vor mich hin und lauschte den ungewohnten Nachtgeräuschen. Es waren mit hoher Wahrscheinlichkeit viele kleinere und größere Tiere in dem kleinen Wäldchen unterwegs, denn wir hatten viele Spuren gesehen und schon während des Abends immer wieder Geräusche gehört.

Einen kurzen Moment der Angst gab es, als ein Geräusch recht nahe war, aber dann beruhigte ich mich schnell wieder.

Es tat unglaublich gut, den Erdboden unter mir zu spüren. Ich bin ein Kind der Erde, wovor sollte ich Angst haben? Wenn ich auf dem Rücken lag, war es stockschwarz um mich herum. Drehte ich mich zur Seite, sah ich etwas Licht durch den Eingang. Einige Mal spürte ich ein Krabbeln auf der Haut. Was mir vorher noch etwas Sorgen gemacht hatte (werden Ameisen, Zecken oder Spinnen mich anknabbern), führte nun nur noch zu einer leichten Wischbewegung, um die unsichtbaren Tiere abzustreifen.

Erwartet hatte ich, daß ein klaustrophobisches Gefühl von „Begrabensein“ auftreten würde. Das war aber nicht der Fall, ich fühlte mich sauwohl in dieser Höhle. Um 3:30 Uhr gab ich es auf, die Kälte weiter auszuhalten und legte mir einen leichten Deckenschlafsack locker über. Danach schlief ich bis in die Morgenstunden durch, bis nach 8:00 Uhr, was relativ lang ist, wenn ich draußen schlafe. Schade, daß ich keine Tiere gesehen habe. Das nächtliche Konzert der Vögel war so auch schon beendet.

Kurz nach dem Aufwachen traf ein Sonnenstrahl mein Gesicht durch das dichte Blätterdach der umstehenden Bäume. Da wußte ich, daß ich alles richtig gemacht habe. Ich fühlte mich super nach dieser Nacht.

Am Vormittag hatte ich dann noch Gelegenheit, ein wenig durch das kleine Wäldchen zu streifen. Ich fühlte mich wunderbar, sehr verbunden mit der Natur. Beim Umarmen einer sehr alten Eiche flossen dann die Tränen von tief innen. Es war ein Gefühl von Ankommen und Loslassen. Eine weitere Barriere zwischen mir und der Natur war gefallen. Tränen der Freude und Tränen des Schmerzes über die vielen „verlorenen“ Jahre, in denen ich zu weit weg war von mir und von der Natur (was eh ein und dasselbe ist).

Es fällt mir immer schwer, in Worte zu fassen, was ich in solchen Momenten spüre. Auf jeden Fall sind solche Erfahrungen für mich unglaublich heilend.

Ich folgte einem Tierpfad durch ein mooriges Brombeergestrüpp, balancierte ein wenig auf einem toten Baumstamm und trat dann aus dem Wald heraus an den kleinen Bach, der dort floß – auf der anderen Seite ein Maisfeld.

Genau an meiner Stelle war das sumpfige Ufer leicht zugänglich, und es lag nahe, dort mal die Füße reinzustecken. Ach was, wenn schon, dann ganz, beschloß ich schnell. Ich zog mich nackt aus und legte mich in das nur 40cm tiefe Wasser. Das war mein allererstes Bad im Freien in diesem Jahr, und es tat unglaublich gut. Dieses Freiheits- und Glücksgefühl ist unbeschreiblich. Mir kam es vor wie eine Taufe. Nach der Erdtaufe letzte Nacht jetzt die Wassertaufe (und die Feuertaufe gab es vorher auch schon).

Ich fühlte mich wie im Paradies. Die Sonne schien warm. Vom leichten Wind ließ ich mich antrocknen (die Windtaufe auch noch), dann zog ich mich wieder an. Die letzte Herausforderung für diesen Morgen war dann ein Weg barfuß über die gemähte Weide mit vielen schon wieder sprießenden Brennesseln. Ich wußte es, daß sie mich heute nicht verbrennen würden (ich setzte meine Füße mit Bedacht neben die kleinen Pflanzen).

Mein Gott, war das schön! Voller Dankbarkeit und Freude verließ ich diesen schönen Ort!