Mittwoch, 6. Januar 2010

Arbeitstag

Heute war dieses innere Zentrum, das ich gestern so deutlich gespürt habe, leider schon wieder fast verschwunden, und der Kopf war wieder stärker.

Mich haben heute Gefühle von Angst und Beklemmung geplagt. Ich empfinde Enge im Brustkorb, so, als könne ich nicht frei atmen. Ich habe wieder Angst, meine Arbeit nicht zu schaffen, nicht leistungsfähig zu sein. Ich habe mit dieser Angst und Beklemmung trotzdem arbeiten können, allerdings zunächst fahrig, schlecht konzentriert, leicht abzulenken. Denkarbeit fällt mir weiterhin sehr schwer. Ich hatte wieder leichte Kopfschmerzen.

Ich mag mich nicht mehr über längere Zeit an einer Denkaufgabe festbeißen, das ist mir zu anstrengend. Für eine kurze Klärung eines Sachverhalts oder eine Absprache mit Kollegen reicht mein Denkvermögen, aber es reicht nicht, um etwas zu planen, zu konstruieren, größere Zusammenhänge herzustellen, zu abstrahieren – das ist mir alles zu mühsam geworden, ich halte nicht durch.

Ich kann engagiert mit jemandem etwas besprechen, aber direkt nach dem Gespräch falle ich in ein Loch und vergesse nahezu alles, was gesagt wurde. Weil es mich auch gar nicht wirklich interessiert. Ich reagiere auf Anforderung von Denkleistung, aber mag mich nicht selber dazu antreiben. Vor allem fehlt die Kontinuität des Denkens.

In diesem Zustand werde ich diesen Job wohl kaum erfolgreich fortführen können. Oder vielleicht doch? Es ist viel zu früh für eine Bewertung. Zunächst kommt mir das Schicksal zu Hilfe und nimmt mir den Zeitdruck. Meine Präsentation, mit deren Vorbereitung ich heute angefangen habe, wird verschoben.

Ein Spaziergang im Schnee während der Mittagspause führte mich wieder stärker zu mir zurück und beruhigte den Druck im Kopf. Daraufhin konnte ich am Nachmittag deutlich besser und konzentrierter arbeiten. Am Ende des Arbeitstags gab es ein Gefühl von Erleichterung, daß ich doch noch etwas geschafft hatte.

Dienstag, 5. Januar 2010

es lebt

Bei meinem gestrigen Eintrag fiel mir im nachhinein auf, wie der Verstand unbedingt eine Bewertung und Einordnung meiner ursprünglichen einfachen Empfindung vornehmen wollte. Ich fühlte mich gut und im Frieden mit mir, aber anstatt das einfach festzustellen und aufzuschreiben, mußte diese Empfindung entweder abgewertet werden ("kann ja gar nicht sein, daß es Dir gut geht") oder andernfalls als irgendein großartiges Erfolgserlebnis ("Erleuchtungserfahrung") gedeutet werden (das sich das Ego dann sofort an seine Fahnen heften kann).

Warum kann nicht einfach das stehenbleiben, was ist?

Ich hatte gestern ein ganz starkes Gefühl von einem inneren Zentrum, das nicht im Kopf lag, sondern eher irgendwo im Brustkorb (ich würde es aber nicht "Herz" nennen). Ich habe es gestern "ich selbst" genannt, aber ob das eine zutreffende Bezeichnung ist, weiß ich nicht so recht. Es ist jedenfalls nicht das normale "Ich", das im Kopf beheimatet ist. Dieses innere Zentrum war eigentlich gar kein "ich", auch nicht "ich selbst" (ich weiß auch eigentlich noch nicht so recht, was das sein soll), es war einfach Leben. So etwas wie pulsierendes Leben, das aus sich selbst heraus lebt.

ES LEBT. Aber nicht: "ich lebe".

Ich habe danach bei Ramana Maharshi über seine Methode der Selbstergründung nachgelesen. Man soll mit der Frage "Wer bin ich?" nachspüren, von wo der Ich-Gedanke aufsteigt, um so dem Selbst auf die Spur zu kommen. Bei diesem inneren Zentrum, das ich gestern den ganzen Tag lang sehr stark wahrgenommen habe, war aber gar kein Ich-Gedanke im Spiel. Zeitweise schien der Ich-Gedanke ganz weg zu sein, ansonsten war er parallel und unabhängig von diesem inneren Zentrum vorhanden. Und er kam natürlich dazu, als ich versuchte, diese Wahrnehmung zu beschreiben.

Was ich bisher in der Selbstergründung nicht wahrgenommen habe, ist Leere. Ich hatte bisher keine Empfindung von innerer Leere. Wohl von Vernichtet-Sein, Ausgelöscht-Sein, totaler Sinnlosigkeit (als ich erkannte, daß das Denk-Ich nur eine mentale Konstruktion, eine Illusion, und gar nicht handlungsfähig ist, das war Mitte Dezember 2009), und später von Stille, Ruhe, Frieden, aber nicht von Leere.

Vielleicht deute ich meine Wahrnehmung nur anders? Oder vielleicht bin ich noch nicht tief genug eingetaucht.

Montag, 4. Januar 2010

bei mir angekommen

Heute weiß ich nicht so recht, was ich schreiben soll. Das ist ungewöhnlich.

Ich habe Hemmungen, ein Erfolgsgefühl zu vermelden. Ich habe Sorge, daß es verfrüht sein könnte und mir dann später peinlich ist.

Seit einigen Tagen geht es mir trotz einiger depressiver Zwischenphasen immer wieder überraschend gut. Ich fühle mich dicht dran an mir selbst. Ich ruhe viel mehr in mir als in den vielen Monaten, in denen ich innerlich stark angetrieben war von einem zeitweise fast unerträglichen inneren Druck. Ich empfinde inneren Frieden und ein stilles Glück. Es hielt heute den ganzen Tag über an.

Ich hatte keine großen Widerstände, heute wieder ins Büro zu fahren. Ich hatte auch keine Kopfschmerzen wie in den letzten Tagen vor dem Urlaub. Ich habe dennoch leider nur einige Routine-Aufgaben erledigt und nicht die Präsentation für nächste Woche vorbereitet, was eigentlich dringend ansteht. Trotzdem war ich mit mir im reinen. Ich muß das weiter beobachten, wie es in den nächsten Tagen läuft.

Es fühlt sich so an, als seien einige dunkle Wolken, die sehr lange Zeit meinen Himmel verdunkelten, jetzt abgezogen.

Ich fühle mich echter als vor einigen Wochen. Die schweren Erschütterungen kurz vor Weihnachten haben anscheinend erhebliche Ego-Anteile von mir zerrüttet und zertrümmert. Nachdem die Scherben zusammengekehrt sind, zeigt sich, was darunter verborgen lag. Ich fühle mich zarter, verletzlicher, zurückhaltender, auch etwas erleichtert.

Dennoch bin ich in den letzten Tagen auch wieder unangenehm aufgefallen mit mir unterdessen wohlvertrauten Ego-Anteilen. Ich habe einige sehr kritische Rückmeldungen bekommen. Zusammengefaßt: ich nerve Menschen mit meinem Mitteilungsdrang und mit meiner Überheblichkeit, zudem drücke ich mich anscheinend völlig unverständlich aus.

Aus meiner Sicht: daß ich immer wieder dem Hochmut verfalle, ist sehr ärgerlich, das wurmt mich sehr, denn das habe ich doch jetzt durchschaut. Daß ich mich nicht verständlich machen kann, scheint aber teilweise auch daran zu liegen, daß ich jetzt einige Erfahrungen gemacht habe und einige Einsichten hatte, die mich von anderen Menschen trennen. Bei manchen Themen gibt es kaum noch eine Verständigungsbasis. Das ist ganz unangenehm, das festzustellen.

Wie immer mißtraue ich mir auch selber, ob ich überhaupt recht habe mit dieser Beobachtung, oder ob ich nur wieder einbilde, etwas besonderes zu sein. Nein, ich bin nichts besonderes, ich bin niemand, es gibt mich gar nicht (jedenfalls nicht im Sinne einer abgetrennten Ich-Person), aber wie soll mein Gehirn das so schnell begreifen und integrieren, und wie soll ich das anderen verständlich machen?

Ich möchte gerne viel alleine sein und dieses wunderbar friedliche Gefühl genießen, solange es anhält. Und wenn sich dabei nach und nach weiteres in mir klärt, umso besser.

Ich merke gerade, daß ich mich davor drücke, das zu schreiben, was ich wirklich denke. Es ist mir peinlich, weil ich nicht sicher bin, ob ich mir nur was vormache. Ich glaube, ich hatte jetzt diese berüchtigte (temporäre) "Erleuchtungserfahrung", die gar keine Erfahrung ist, weil das Ich dabei verschwindet, und die auch nichts mit Erleuchtung zu tun hat, weil es einfach der normale Zustand jedes Menschen ist. Ich hatte diese "Erfahrung" aber nicht in einem bestimmten Moment, sondern irgendwie verteilt über etliche Wochen. Da gab es immer wieder einzelne Momente, die einen Teil dieser Erfahrung auszumachen scheinen. Und zusammengenommen scheine ich jetzt bei mir selbst angekommen zu sein. Zumindest mal für kurze Zeit.

Ich weiß jetzt wieder, wer ich bin, zumindest war ich ewig nicht mehr so dicht an mir selbst dran. Und das ist ein ganz wunderbares Gefühl.

Daß dieses "ich selbst" keine individuelle Person ist, ist noch nicht völlig klar, ich versuche, nicht so viel darüber nachzudenken.

Sonntag, 3. Januar 2010

das Eigene leben

Kann es sein, daß das Ego sich erst innerhalb der dualistischen Welt abarbeiten muß, bevor es vielleicht eine Chance zur Rückbindung an die Einheit gibt? Dieser Gedanke kam mir gerade. Wenn man sich auf dem Weg zu früh mit dem Nicht-Handeln-Können befaßt, dann verwirrt das vielleicht nur und hält von notwendigen Entwicklungsschritten ab.

Ich weiß jetzt, daß ich ein spirituelles Ego aufbaue, wenn ich "an mir arbeite", und daß ich besonders gefährdet bin, hochmütig zu werden. Trotzdem glaube ich, daß diese Arbeit am eigenen Ego sinnvoll ist, als Zwischenschritt. Selbst wenn man dann im nachhinein feststellen sollte, daß diese Arbeit rein fiktiv in einem fiktiven Szenario stattfand, so war sie doch notwendig, weil zu dem Zeitpunkt eben keine Wahrnehmung außerhalb der Dualität möglich war.

Das ist furchtbar theoretisch, was ich hier schreibe.

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Ich habe meine heutige Depression ganz gut überwunden. Ich habe vor allem viel geruht und viel gelesen. Alleinsein tut mir gut.

Unterdessen habe ich den Eindruck, daß ich mich nur selbst heilen kann, daß mir letztlich niemand dabei helfen kann. Heilung geschieht anscheinend, wenn ich zu dem zurückfinde, was ich bin, und wenn ich das auslebe, was in mir ausgelebt werden will. Für meine Freizeit sehe ich da sehr viele Perspektiven, die mich mit Vorfreude erfüllen.

Meine über Jahre angewachsene Apathie und Perspektivlosigkeit ist dadurch entstanden, daß ich mich selbst verloren habe. Und zwar geschah das unter anderem, als ich meine Eigenheiten aufgegeben habe zugunsten der Partnerschaft. Ich habe die Anteile, in denen ich mich von meiner Partnerin unterscheide, immer mehr aufgegeben. Das war ein Fehler.

Ich habe geglaubt, daß es notwendig sei, sich aufeinander zuzubewegen. Ich habe mich angepaßt. Das machen vermutlich die meisten Menschen, wenn sie eine Partnerschaft eingehen. Es ist falsch, man verrät sich dabei selber.

Aber was würde passieren, wenn man immer konsequent für das Eigene einstehen würde? Gäbe es dann nur noch beziehungslose Egoisten auf der Welt? Ich glaube nicht. Kontakt ist möglich, aber unreglementiert und spontan. Man trifft sich dann da, wo es zusammenpaßt, vielleicht auch mal da, wo man sich aneinander reibt, und das Eigene, sich Unterscheidende muß dann auf andere Weise gelebt werden.

Andererseits ist der Mensch von Natur aus ein Herdentier. Die Geborgenheit der Sippe war notwendig, weil ein einzelner Mensch alleine die Gefahren des Lebens nicht meistern konnte. Ist das heute anders? Ich weiß es nicht.

das verlorene Paradies

Gestern ist mir beim Schreiben andernorts etwas herausgerutscht, über das ich mich selber erschrocken habe. Tief in mir drinnen sehne ich mich nach einem ganz einfachen Leben in engem Kontakt zur Natur. Mein Sinnbild dafür gestern war ein Leben wie in der Steinzeit, am Übergang vom nomadischen zum seßhaften Leben.

Ist das das verlorene Paradies, nach dem wir alle uns unbewußt sehnen? Aber dann liegt es noch weiter zurück, vor dem Gebrauch von Werkzeugen und von Feuer. Gekochte Nahrung ist denaturierte Nahrung, damit habe ich mich auch schonmal befaßt, und es dann wieder fallenlassen, weil es mir zu extrem erschien.

Das verlorene Paradies ist vielleicht die Zeit, als wir wirklich nur Tiere waren, als unser Gehirn sich von anderen Tieren noch nicht unterschied, als wir auch noch keine Sprache hatten (denn mit Nutzung von Sprache gibt es sofort das Problem der "gespaltenen Zunge": ich sage nicht das, was ich wirklich denke und fühle). Aber wer möchte schon ernsthaft bis dahin zurück?

Zurück in die Steinzeit kann für den Planeten Erde nicht die Lösung sein. Dazu kommt: wir haben ja gar keine Handlungsfreiheit. Begreifen kann ich das immer noch nicht. Wie auch? Die Entdeckung, daß es kein Ich gibt, ist so umwälzend, daß man wohl Jahre braucht, um damit leben zu können. Der Körper lebt wie immer weiter, während das Gehirn sich damit quält, sich selber abzuschaffen.

Gestern hatte ich einen recht guten Tag. Heute bin ich wieder sehr depressiv nach einigen Alpträumen, an die ich mich inhaltlich nicht erinnere. Tiere haben keine Depressionen, sie können wohl krank sein, aber sie leiden nicht wie Menschen unter Gehirndramen.

Ich bereue es, daß ich meine freie Zeit über die Feiertage nicht mehr für mich genutzt habe. Heute ist die letzte Chance, vor dem Arbeitsalltag nochmal zu mir selbst zu finden.

Freitag, 1. Januar 2010

Krise

Das hervorstechendste Ereignis heute war ein Krisengespräch mit meiner Lebensgefährtin. Seitdem bin ich erneut stark depressiv. Für mich ist offenkundig: diese Beziehung in ihrer jetzigen Ausprägung tut mir nicht gut, sie hemmt und hindert mich. Sie zieht mich zurück ins Gefängnis, in die Welt fest fixierter Vorstellungen.

Ich wurde in dem Gespräch zum wiederholten Mal damit konfrontiert, daß ich mich im vergangenen Jahr zur völligen Egoistin entwickelt habe, die sich nur noch kalt und herzlos verhalten habe, arrogant, selbstsüchtig, nur um sich selber kreisend.

Diesem Vorwurf muß ich rechtgeben, gegenüber meiner Lebensgefährtin habe ich bis vor kurzem nur meine allerhäßlichsten Seiten gezeigt.

Zudem wurde mir unterstellt, daß ich völlig manipulierbar sei und mich von jedem Menschen, der mir auch nur ein wenig Aufmerksamkeit entgegenbringe, leicht um den Finger gewickelt werden könne, da meine Sucht nach Beachtung und mein Wunsch, im Mittelpunkt zu stehen, so unglaublich groß sei.

Auch an dieser Behauptung ist etwas dran. Allerdings lasse ich mich meines Erachtens von meiner Lebensgefährtin am allermeisten manipulieren. Sie hat mich ja schließlich über viele Jahre dahingehend beeinflußt, daß ich mir selber (in eigener Verantwortung!) die elementarsten Bedürfnisse versagt habe (zum Beispiel Spaziergänge im Wald) – aus vermeintlicher "Liebe" und "Rücksichtnahme" auf ihre Interessen.

Und an dieser Stelle stimmen ihre Vorwürfe an mich einfach nicht mehr. Wenn ich mich nicht konsequent für meine Interessen und gegen ihre Einflußnahme durchgesetzt hätte, dann ginge es mir jetzt noch genauso dreckig wie vor einem Jahr.

Es geht jetzt einfach um die Frage, wessen Wahrnehmung ich selber traue. Es geht darum, ob ich mich endlich einmal in diesem Leben traue, nur noch meiner eigenen Wahrnehmung zu folgen.

Wer soll mir sagen, was meine eigene Wahrheit ist, wenn nicht ich selber?

Dazu kommt: ich habe jetzt sehr viel gelesen und gelernt über das Fehlen eines Handelnden, über den Ablauf des Lebens als vom Ego unbeeinflußbare Manifestation, als reine Spiegelung und Täuschung, als Illusion. Ich glaube auch, daß ich es einigermaßen begriffen habe. Aber ich bin nicht bereit, als Konsequenz anzunehmen, daß wir zu einem Leben in passiver Depression verdammt sind, und daß die Depression umso tiefer zu sein habe, je mehr einer von diesen Zusammenhängen verstanden habe.

Es ist mir egal, ob das von außen vielleicht danach aussieht, daß ich mein ICH als Handelnde zu retten versuche und/oder nun ganz im Egoismus versinke. Ich glaube einfach daran, daß es einen Sinn in meinem Leben als Mensch gibt. Ich möchte dem, was ich als meine ganz eigene Wahrheit nun nach und nach wiedererkenne, folgen.

Und damit werde ich dann ganz alleine stehen. Da hilft mir dann niemand mehr. Da ist niemand an meiner Seite. Damit lehne ich mich dann auch noch gegen die Lehren auf, denen ich zuletzt gefolgt bin.

Ich habe jetzt den Kontakt zu mir selbst wiederhergestellt – oder zu dem, was ich für "ich selbst" halte.

Ich möchte das tun, was sich für mich gut und richtig anfühlt. Was das ist, sagt mir mein inneres Gespür, das ich so lange mit Füßen getreten habe. Es muß gegen den eigenen Verstand durchgesetzt werden. Ob das dann immer noch irgendein ICH ist, das handelt, oder ob es die "unpersönliche Lebenskraft" ist, die durch meinen Körper handelt, ist mir schnurzpiepegal. Entscheidend ist, ob ich mich damit wohlfühle, ob es sich stimmig anfühlt.

Meine Lebensgefährtin hat eine gemeinsame Reise für uns gebucht, ohne mich zuvor zu fragen. Der Vorschlag ist an und für sich gut, ich habe auch Lust dazu, und dennoch sträubt sich in mir etwas. Es engt schon wieder meine eigene Handlungsfreiheit ein. Ich sehe jetzt das kommende Jahr wieder vor mir als einen Ablauf fester geregelter Termine mit bestimmten einzuhaltenden Feiertagen und dieser Urlaubsreise. Dazu kommen die beruflichen Zwänge. Diese festen Regeln empfinde ich unterdessen als einzigen Alptraum.

Ich bin es so unglaublich leid. Ich möchte endlich einmal selber bestimmen dürfen, was ich tue und was nicht. Ich möchte auch nicht alles vorplanen. Ich möchte spontan dem folgen, was mir Freude verspricht. Vor wenigen Tagen erstellte ich eine Liste mit Seminar-Themen, auf die ich mich gerne einlassen möchte. Ich hatte auch fest vor, im Sommer nochmals nach Skandinavien zu fahren, um meine Erfahrung vom letzten Jahr zu vertiefen. Das paßt terminlich nicht gut zu der Reise, die jetzt von meiner Lebensgefährtin für mich mit geplant wurde.

Die kostbare freie Zeit zum Jahreswechsel ist auch fast schon wieder vorbei, und ich hatte nach meinem Empfinden zu wenig Zeit für mich. Am Montag muß ich wieder ins Büro, zurück in den beruflichen Alptraum, aus dem ich immer noch keinen realistischen Ausweg gefunden habe.

Ich sehne mich nach dem Alleinsein. Damit geht es mir derzeit am allerbesten. Da habe ich die Chance, zu mir selbst zu finden. Wenn ich einen Kontakt suche, möchte ich das spontan dann tun, wenn ich dazu auch Lust habe – nicht aus irgendwelchen Zwängen heraus. Mit den meisten Menschen, zu denen ich Kontakt pflege, funktioniert das unterdessen auch ganz ausgezeichnet. Man gibt sich gegenseitig Raum und Freiheit. Nur so machen Kontakte Freude. Kontakte entsprechend fester Rituale und Beziehungsmuster dagegen mag ich immer weniger haben, sie tun mir nicht gut.

Es geht in der nächsten Zeit darum, den Mut zu entwickeln, tatsächlich für mich selber einzustehen. Mich nicht erneut vom Alltagstraum einlullen zu lassen. Mich nicht in Strukturen hineinziehen zu lassen, die ich nicht mehr haben möchte.

Ich glaube daran, daß es die Freiheit gibt, der eigenen inneren Bestimmung zu folgen. Falls sich das später als letzter großer Irrweg des Egos herausstellen sollte, dann muß es eben so sein.

Coming out

Es fühlt sich an wie ein "Coming out", und das ist es auch. Ich bin an einem Punkt, an dem ich sagen kann: "Hier stehe ich, ich kann nicht anders."

Heute abend [ich schrieb den Text am Silvesterabend, stelle ihn aber erst jetzt online] leide ich unter "Erkenntnis-Schmerz". Ich habe es in letzter Zeit oft erlebt, so auch heute. Plötzlich aus dem Nirgendwo ist eine Erkenntnis da. Ich weiß sofort, daß sie wahr ist. Ich sehe, was ich all die Jahre nicht gesehen habe. Es tut weh, es tut wahnsinnig weh. Und gleichzeitig bin ich so glücklich, daß ich dies nun endlich sehen kann. Es ist wie eine Scherbe, die in diesem zerbrochenen Gefäß, das ich bin, endlich wieder an ihren Platz gefunden hat.

Meine heutige Erkenntnis: ich weiß jetzt, warum ich nie Glück mit Männern hatte. In meinem ganzen Leben hatte ich noch nie eine echte sexuelle Erfahrung mit einem Mann. Der Grund ist ganz einfach: ich bin Männern auf einer inneren Ebene nie als Frau begegnet. Ich bin Männern immer als "Mann" begegnet. Ich habe mit Männern konkurriert, vor allem in intellektueller Hinsicht. Mich haben immer Männer mit Grips, mit einem hohen IQ, angesprochen. Damit habe ich konkurriert, das war mir wichtig.

Daß der Verstand völlig uninteressant ist, nur eine Hilfsinstanz, weiß ich ja erst seit kurzem.

Auf alle Männer, mit denen ich näher zu tun hatte, habe ich mein inneres Vater-Bild projiziert (das mit meinem Vater nur indirekt zu tun hat, auch hier wieder: keine Schuldzuweisungen an irgendwen, es handelt sich um eine schicksalhafte Verstrickung). Meine Kindheitserfahrung ist: als Mädchen wurde ich nicht angenommen. Ich durfte kein Mädchen sein, so habe ich eben alles darangesetzt, über eher maskuline Attribute Erfolg zu haben, ich habe hauptsächlich meine männlichen Anteile gestärkt und entwickelt. Nur über schulische und später berufliche Leistung konnte ich mich definieren und ein wenig Zuwendung erhalten. In dieser Rolle bin ich zeitlebens geblieben.

Bis jetzt. Mit der Ich-Illusion ist zeitverzögert auch die Leistungs-Illusion zusammengebrochen. Und zuvor habe ich über mehrere Wochen sämtliche mir zur Verfügung stehenden Rollenmuster durchgespielt (natürlich zunächst unbewußt, aber von mir schnell ins Bewußtsein geholt, mit dem Aufdecken meiner Spiele habe ich unterdessen viel Erfahrung), um einen Weg in die Phönix-Schule zu finden. Alles vergeblich, es war alles untauglich.

Die Muster taugen ja auch nichts zur Lebensbewältigung. Sie sind TOT! Sie dienen nur der Leidensverlängerung. Bei mir über 43 Jahre. Logisch, daß ich mit Männern auf einer kameradschaftlichen Ebene stets gut klargekommen bin. Aber sexuell war ich für Männer immer uninteressant, ich habe nie etwas anderes erlebt.

Und so entschied ich irgendwann (und das war zunächst eine reine Kopf-Entscheidung), daß ich es ja mal mit einer Frau probieren könnte. So gelangte ich in die Lesben-Welt und blieb da.

Ich bin wohl zu alt, um noch den biologischen Auftrag zu erfüllen, Kinder auf die Welt zu bringen. Das ist bitter, denn ich hätte gerne Kinder gehabt. Aber es war mir wohl nicht bestimmt, mein Weg war anders.

Ich glaube, ich bin bisexuell. Ich könnte mir vorstellen, daß das der natürliche Zustand jedes Menschen ist, aber da bin ich nicht sicher. Heterosexualität ist für die Fortpflanzung wichtig. Für die Lusterfahrung gibt es aber meines Erachtens keinen Grund, sich auf ein Geschlecht einzuschränken. Ich bin allerdings nicht sicher, was von der Lusterfahrung noch überbleiben würde, wenn das Ich tatsächlich ganz verschwinden würde. Möglicherweise würde sich Sexualität dann ganz auf die Fortpflanzungsfunktion reduzieren.

In diesem Jahr möchte ich meine Weiblichkeit neu entdecken, meinem Körper eine Chance zur Entfaltung geben. Allzu lange war er (oder besser sie, diese Frau hier) von einem falschen Rollenmuster eingeengt.

Heute abend sah ich mich in einem blitzartigen inneren Bild im Schnee (in dem Naturschutzgebiet, in dem ich letzte Nacht tatsächlich war). In meinem Bild lag ich dort auf den Knien zusammengekauert, nackt, ausgesetzt, allein. Und doch nicht allein. Nicht einsam. Denn es gibt eine Verbindung zum Ganzen, die ich spüre, auch wenn ich sie noch nicht "sehen" kann.



[Ich muß wahnsinnig sein, diesen Text hier öffentlich ins Internet zu stellen. Er entstand eindeutig ohne starke Verstandeskontrolle. Wenn es mir später allzu unheimlich wird, kann ich ihn ja wieder löschen. Genauso wie ich diesen gesamten Blog auch wieder löschen kann. Allerdings: was einmal ausgesprochen wurde, ist in der Welt, und kann letztlich nicht wieder zurückgenommen werden.]