Montag, 23. September 2013

Initiation ins Barfußgehen


Der Sand glüht und verbrennt meine nackten Fußsohlen. Von einer Sekunde auf die andere scheint er viel heißer geworden zu sein, eben war er schon sehr warm, aber jetzt ist er fast glühend heiß. Gleichzeitig ist mein Gaumen staubtrocken, die Zunge klebt, ich habe starken Durst. Vom ersten Schritt an sehne ich mich nach Abkühlung, nach einem feuchten, kühlen Untergrund und nach Trinkwasser.

Vorsichtig taste ich mich an der gespannten dünnen Schnur entlang. Auf das Blindgehen hatte ich mich ja gefreut, ich liebe Blindübungen, aber diese Übung barfuß absolvieren zu müssen, überfordert mich. Schon auf dem Weg zum Übungsgelände brannten meine Fußsohlen.

Die nächsten Schritte mache ich sehr behutsam. Dornen streifen meine Beine. Sobald ein Fuß eine Dorne berührt, nehme ich ihn kurz hoch, streife mit der anderen Hand die Fußsohle ab. Jetzt bloß keine Dornen eintreten.

Meine Balance ist verbesserungswürdig. Ich wackele ziemlich herum und ruckele an dem Seil, das so schlaff gespannt ist, daß es keinen echten Halt bietet (und auch nicht bieten soll). Schon werde ich von dem hinter mir folgenden Kursteilnehmer überholt – ohne Worte leite ich ihn an mir an dem Seil weiter vorbei. Es soll nicht bei dieser einen Überholung bleiben.

Nach dem Sand folgt ein kurzes Stück Waldboden. Kleine Büsche und dünne Baumstämme säumen den Weg. Angenehmer als der heiße Sand, aber meine Füße brennen sowieso schon so stark von der ungewohnten Belastung, das verläßt mich nicht mehr.

Danach folgt Schotter. Kies. Kleine und größere Steine. Eine riesige unendlich große Steinfläche. Ein Steinmeer. Nein, eine Steinwüste.

Ich höre Wasser verlockend plätschern. Aber ich bin ja an diese Schnur gefesselt, darf sie nicht loslassen, um den Weg nicht zu verlieren. Irgendwann wird der Weg gewiß zum Wasser führen, warum sonst wohl sollten wir Badekleidung anlegen?

Ich gehe weiter, sehr langsam und vorsichtig, balancesuchend durch die Steinwüste. Es fällt mir ja schon schwer, überhaupt blind auf einem Bein die Balance zu halten, selbst auf ebenem Boden würde mir das schwerfallen, und hier ist nichts eben. Trotzdem geht es erstaunlich gut.

Aber bald komme ich an eine Grenze. Ich kann diese höllischen Schmerzen nicht mehr ertragen, meine Füße können mich nicht mehr tragen, nimmt das denn nie ein Ende? Mir erscheint die Steinwüste endlos. Soll ich aufgeben, die Übung abbrechen, die Augenbinde abnehmen? Oder vielleicht erstmal um Hilfe bitten/rufen, irgendwo an der Strecke sollen ja Helfer postiert sein?

Ich denke daran, was ich allein in der Vorbereitung auf diesen Scoutkurs schon auf mich genommen habe, wie ich insbesondere bei ungewohntem Sport und beim Gewichtsabbau durchgehalten habe. Hej, ich habe beim Training einen „unbeatable mind“ entwickelt, da kann ich doch jetzt nicht aufgeben! Ich will ein Scout werden! Also weiter!

Gibt es vielleicht irgendeine Erleichterung? Ich gehe auf Hände und Knie, halte die Schnur dabei teils in einer Hand, dann führe ich sie unter der Schulter, so habe ich beide Hände frei zum Abstützen, gleite nur an der Schnur weiter, das geht ganz gut. Irgendwann schmerzen auch die Knie zu stark.

Ich wechsele in eine seitliche Gangart, wie eine Krabbe, das Seil wieder unter der Schulter. Das geht erstaunlich gut, ich komme viel schneller voran. Diese Bewegung macht sogar Spaß, sie ist recht fließend. Ich habe keine Angst, irgendwo anzustoßen, auch nicht bei schnellerer Fortbewegung. Das habe ich mir bei Blindgängen (mit Schuhen) im Wald schon abtrainiert. Ich weiß, daß ich es vorher spüre, falls ich auf ein größeres Hindernis zulaufe.

Irgendwann erreichen meine Füße Feuchtigkeit. Ich erinnere nicht mehr, ob es zuerst feuchter Sand war oder eine dünne Wasserschicht auf den Steinen. Ich bin für jedes bißchen Feuchtigkeit und Kühle unendlich dankbar. Bei nächster Gelegenheit befeuchte ich mit dem Wasser meine Lippen. Endlich wird das Wasser tief. Dankbar lege ich mich hinein, sobald das Wasser nur handbreit über den Steinen steht, hangele mich weiter, jetzt ist mein Körpergewicht schon entlastet, das ist sooo eine riesige Erleichterung. Der Brand in den Füßen wird gelindert.

So, jetzt bin ich zumindest einmal naß und erfrischt. Ich nehme auch Wasser in den Mund, spucke es aber wieder aus, da wir gewarnt worden waren, das Wasser nicht ungefiltert zu trinken. Nun geht es mir etwas besser. Ich bin dankbar!

Viel zu schnell gelange ich aus dem Wasser wieder an Land, erneut auf Steine. Dann verliere ich das Gefühl für Zeit und Raum. Ab und zu schlägt die Kirchenglocke in der Ferne als einzige Erinnerung an den Zeitablauf. 5 Uhr, halb 6, 6 Uhr, halb 7, 7 Uhr. Dazwischen passiert mal ganz viel, mal ganz wenig, die Zeit dehnt und verkürzt sich im Wechsel.

Mehrfach bin ich so erschöpft, daß ich unbedingt eine Pause brauche. Ich lege mich dann einfach hin, mal auf den Rücken, mal auf den Bauch und ruhe mich einfach ein paar Minuten aus. Die Hand an der Schnur nach oben ausgestreckt.

Ein Vogel singt eine kurze Strophe ganz in meiner Nähe. Hab Dank, lieber Vogel. Du machst mir Mut.

Eine Pflanze riecht verführerisch schön. Ich will sie gerne betasten, erkunden, mir die Blätter einprägen, so sehr genieße ich den Geruch, aber es drängt mich doch weiter voran, ich bin langsam genug. Danke, liebe Pflanze, für Deinen wunderbaren Duft.
Ich halte hier jetzt durch, das ist die härteste Prüfung meines Lebens. Ich kann das ertragen, ich werde durchhalten! Und ich bekomme ja jetzt auch Hilfe von Tieren und Pflanzen.

Mit jedem einzelnen Schritt füge ich mir selbst höllische Schmerzen zu, über Stunden. Das ist übermenschlich. Und eigentlich ist es auch unmenschlich. Warum mache ich das? Ist mein Ziel diesen Einsatz wert?

Ich gehe an den Rand des Todes, und ich sterbe auf diesem Weg nicht nur einen, sondern viele Tode.

„Jede Initiation hat den Beigeschmack des Todes“ erfahre ich am Tag danach. Ja, das kann ich voll bestätigen!

Die Übung ist noch nicht zu Ende, wird sie überhaupt je zu Ende sein? Ich werde durchhalten, das steht jetzt fest, davon kann mich nichts mehr abhalten. Aber ich komme sehr langsam voran. Bestimmt 20 Leute haben mich schon überholt. Einige klopfen mir aufmunternd auf die Schulter oder drücken kurz meine Hand – ich bin so dankbar für diese Zeichen der Mitmenschlichkeit. Andere gleiten still an mir vorbei.

Dann, irgendwann, geschieht etwas Unfaßbares. Da kommt jemand von hinten, geht an mir vorbei und reicht mir einen Arm zur Unterstützung. Unglaublich! Das war in den Spielregeln nicht vorgesehen! Ich nehme die Hilfestellung sehr dankbar an.

Fortan komme ich viel schneller voran. Ich stütze mich mit einer Hand auf den Arm des Vordermanns, folge seinen Bewegungen, während ich mit der anderen Hand an der Schnur bleibe.

Im weiteren Verlauf waten wir zusammen durch tiefen Schlamm. Mein Führer geht voran und zeigt mir unzählige Male – wir beide blind und völlig wortlos – den besten Weg durch Gestrüpp, zwischen dicken Ästen hindurch, steile Abhänge hinunter und hinauf.

Ich nehme nicht mehr so viele Sinneseindrücke auf, ich verlasse mich zunehmend auf die Führung. Kann ich nicht auch wieder alleine klarkommen? Ich fühle mich jetzt ja wieder stärker, ich könnte auch alleine weitergehen, aber dann würde ich wieder zurückfallen. Nein, ich werde die helfende Hand nicht zurückweisen, es ist auch eine wichtige Erfahrung, mich weiter anzuvertrauen.

Ich höre flüsternde Stimmen am Wegrand. Naht das Ende der Übung? Aber die Stimmen verschwinden wieder hinter uns. Später höre ich Stimmen von weiter weg, viele Stimmen. Das sind die anderen, die die Übung schon bewältigt haben, hier naht ganz offensichtlich das Ende der Übung. Aber wir sind noch auf Waldboden unterwegs, der Faden führt uns weiter.

Dann plötzlich eine Stimme neben uns: „Es ist vorbei. Ihr könnt die Augenbinden abnehmen.“ Hä? Was soll das? Dann kommt nochmal die Stimme, die mir bedeutet, daß die Übung aus Zeitgründen jetzt abgebrochen werden soll. Schade, ich bin etwas enttäuscht. Ich hätte gerne das Erfolgserlebnis gehabt, wirklich den allerletzten Knoten dieser Schnur zu erreichen. Aber gut, ich nehme die Augenbinde ab.

Ich bin im Wald, der schimmert jetzt blaugrün, bis die Augen sich wieder an das Licht gewöhnt haben. Überraschung: mein Engel war eine Frau! Das hätte ich nicht gedacht, bei den starken Muskeln, an denen ich mich festgehalten habe.

Ich leide immer noch starke Schmerzen in den Fußsohlen, da hilft mir auch der weiche Waldboden kaum, es schmerzt weiterhin jeder Schritt. Und jetzt meldet sich zunehmend mein Verstand. Hej, ich habe soo lange durchgehalten, jetzt will und kann ich nicht mehr, jetzt reicht es.

Ich konzentriere mich jetzt auf die letzte Aufgabe. An einem über den Fluß straff gespannten Seil muß ich mich sehr schnell entlanghangeln, während mein Körper von der unterdessen sehr starken Strömung des Flusses abgetrieben zu werden droht. Das Wasser genieße ich total, es erfrischt mich sehr, und sehr gerne würde ich schwimmen, aber ich traue es mir nicht zu, die Kräfte könnten mich verlassen.

Erschöpft komme ich am anderen Ufer an. Geschafft! Ich kann kaum klar denken, spüre nur etwas Erleichterung, aber kaum Stolz. Es wird geklatscht. Wofür?

Kurz danach breche ich in Tränen aus, ich bin völlig fertig! Der Körper ist zwar erschöpft, aber der Verstand dreht durch, noch im nachhinein. Was habe ich da bewältigt, das ging doch überhaupt nicht, das war doch völlig unmöglich?

Nach einiger Zeit beruhige ich mich und schaue erstmals bewußt an mir herunter. Die Beine sind immer noch schlammbedeckt, trotz der Wasserspülung, und ein paar Kratzer von den Dornen habe ich auch, aber harmlos, nichts ist blutig. Die Füße sind völlig unversehrt, kein Kratzer, keine Dorne, nichts! Nur Brand, der jetzt nachläßt.

Ok, ich habe überlebt! Ist doch super!

Es war eine Initiation ins Barfußgehen. Ich habe überlebt. Ich bin eine Stufe weitergekommen. How!

Kommentare:

  1. Wow! Ich bin beeindruckt, wie Du das geschafft hast! Danke, dass Du Deine Initation hier mit uns teilst!

    Lieben Gruss
    Maja

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  2. Danke, Maja! :-)

    Ich hatte vorher etwas Zweifel, ob ich das wirklich veröffentlichen will. Aber ich habe bisher die Erfahrung gemacht, daß nur genau die richtigen Menschen in meinem Blog landen und solche Texte von mir lesen.

    Das erste, was ich nach Rückkehr vom Scoutkurs gemacht habe: ich habe ein Barfußfeld aus Kieselsteinen angelegt. Darauf übe ich nun regelmäßig. Aber das ist fast nicht notwendig, denn nach einer solchen Erfahrung geschehen Wunder: mir fällt das Barfußgehen auf jeglichem Untergrund jetzt ganz leicht und macht sehr viel Freude! :-)

    Liebe Grüße,
    Louise

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  3. Liebe Louise,

    ja, auch ich merke, dass in meinen Blog nur noch Menschen finden, die zu meinem Weg passen auf ihre individuelle Weise. Ich finde das ganz wunderbar!

    Sag mal Louise, Du hast doch auch Diabetes - hast Du da keine Angst wegen deiner Füsse? Ich frage, weil mir beim Diabetologen ja das Barfußgehen verboten wurde und ich finds echt schade...

    Ich wünsche Dir noch ganz viel Freude beim Barfußgehen und auch sonst :)

    Liebe Grüsse
    Maja

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  4. Liebe Maja,

    habe versucht, Dir eine Direktnachricht zu schicken, aber das klappt irgendwie nicht. Vielleicht eher ein Thema für einen Email-Kontakt?

    Ich war noch nie bei einem Diabetologen und habe das auch nicht vor. Wenn meine Nerven bereits geschädigt wären, hätte ich vermutlich nicht so starke Schmerzen bei dieser Übung gehabt, oder? ;-)

    Wenn mich ein Arzt derart auf Krankheit programmieren würde (indem er mir Barfußgehen verbietet), würde ich das stark hinterfragen und ggf. den Arzt wechseln - nur meine Meinung dazu. Ich bin generell eher skeptisch bei Schulmedizin, bei zahlreichen Problemen konnten die mir bisher nicht helfen.

    Mein Diabetes ist verschwunden, im Blutbild nicht mehr nachweisbar. Ich weiß, daß ich weiterhin mit Blutzuckerspitzen nach ungesundem Essen reagiere, aber ich esse das halt nicht mehr oder nur noch sehr selten. Also, Diabetes (Typ II) ist aus meiner Erfahrung absolut heilbar (zumindest, wenn noch nicht zu weit fortgeschritten). Ich könnte Dir gerne schreiben, wie ich das gemacht habe!

    Liebe Grüße,
    Louise

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