Donnerstag, 28. Oktober 2010

Umzugs-Trauma

Vor einigen Tagen ist mir etwas klarer geworden, was zuletzt am Arbeitsplatz bei mir ablief. Daß ich dem Büro-Umzug mit Schrecken entgegensah, hat mit einigen schrecklichen Umzugserfahrungen meiner Kindheit zu tun. Als Kind wurde ich mehrfach aus meiner gewohnten Umgebung herausgerissen und in eine völlig fremde versetzt. Mir fehlt so bis heute ein richtiges Heimatgefühl. Als Kind war ich völlig abhängig und wehrlos, mußte alle Veränderungen hinnehmen.

Die damit verbundenen – teils traumatischen - Gefühle und Gedanken habe ich anläßlich des Büro-Umzugs wiederholt, nachgespielt. Es gibt auch objektiv eine Verschlechterung meiner Arbeitsplatzsituation, aber meine extreme Reaktion darauf ist von mir verursacht.

Als Kind habe ich auch die Erfahrung gemacht, als Fremde ausgegrenzt zu werden, nicht richtig dazuzugehören. Das wiederhole ich gerade mit meinen Kollegen.

Was ich aus der aktuellen Situation lernen kann: zunächst kann ich die Gefühle von früher nochmal nacherleben, um sie so nach und nach zu verarbeiten, da habe ich jetzt schon einige Trauerarbeit geleistet. Zum anderen kann ich andere Erfahrungen machen. Ich bin heute zwar als Angestellte von meinem Arbeitgeber in gewisser Weise abhängig, aber nicht völlig ohne Freiheitsgrade. Ich gehe ja den Schritt zu einer möglichen beruflichen Veränderung, könnte mich auch auf andere Stellen bewerben (will ich derzeit aber nicht), und vor allem kann ich versuchen, mich in die ungewohnte Situation einzufügen, mit den Kollegen enger als bisher zusammenarbeiten und erleben, daß ich mich vor allem selber ausgegrenzt habe und nach und nach mehr Nähe zulassen kann.

Es kam nochmal sehr viel Wut und Ärger und der Wunsch nach Rache hoch, das ist auch noch nicht völlig bereinigt. Unter anderem deswegen habe ich heute die Niederwerfungsübung gemacht. An Demut hat es mir zuletzt gefehlt.

Ich muß abwarten, ob mir noch mehr Kindheitserinnerungen hochkommen, die verarbeitet werden wollen.

Mittwoch, 27. Oktober 2010

Verbeugung

Ich folge bei meinem spirituellen Weg meist meiner Eingebung bzw. den Einflüssen von außen, auf die ich gerade stoße. Ich gehe dahin, wo mich etwas stark berührt, in welcher Hinsicht auch immer. Das ist gewiß sehr unorthodox. Die meisten spirituellen Lehrer sagen wohl, daß man sich auf eine Richtung festlegen und dieser dann konsequent folgen sollte.

Ich mache das anders. Die Gefahr dabei ist sicherlich, der Bequemlichkeit des eigenen Egos zu folgen, sich nur weiter zu verstricken oder ein großes spirituelles Ego aufzubauen. Ich habe aber den Eindruck, daß es mich schon zu den richtigen Erfahrungen und Einsichten führt.

Heute hatte ich das dringende Bedürfnis, eine Körper-Übung zu finden, die ich in den Alltag integrieren kann und die zu mir paßt. Da ich immer noch krankgeschrieben bin, habe ich den halben Tag im Internet nach Anschauungsmaterial und Anleitung gesucht. Und dann habe ich die tibetisch-buddhistische Übung der Verbeugung / des Niederwerfens durchgeführt.

Ich bin für heute nur auf 50+50 Verbeugungen gekommen (traditionell wird diese Übung 111.111 mal ausgeführt – über Monate oder Jahre). Die Prellungen von meinem Treppensturz haben mich dabei glücklicherweise nicht behindert. Es ist anstrengend, beansprucht viele vernachlässigte Muskeln, fördert ganz gewiß Demut und Achtsamkeit – und es machte mir Spaß. :-) Es führte bei mir heute zu dieser inneren Freude, einem Glücksgefühl, Leichtigkeit und friedvoller Stille.

Dafür bin ich sehr dankbar, denn zuletzt hatte ich davon wenig.

Diese Übung kann ich bei meiner mangelnden körperlichen Fitneß bewältigen (nur die Handgelenke werden anscheinend etwas überbeansprucht), es fördert nach meiner Wahrnehmung Gelenkigkeit (nur ein wenig, aber immerhin), Kraft und Ausdauer. Und nach 15 Minuten schwitze ich schon stark. Zweimal 15 Minuten täglich wären allein schon aus körperlicher Sicht eine sinnvolle Maßnahme. Und dann tue ich auch noch was für mein Seelenheil. Mal sehen, ob ich daraus eine Gewohnheit machen kann. In der Vergangenheit habe ich solche Vorhaben maximal ein paar Wochen oder Monate durchgehalten, dann ist es eingeschlafen.

Ich glaube nicht, daß ich einen buddhistischen Weg gehen werde. Ich suche eher nach den Gemeinsamkeiten in allen spirituellen Richtungen, die mir so begegnen. Vielleicht habe ich auch meine spirituelle Heimat noch nicht gefunden.

Donnerstag, 21. Oktober 2010

Medien-Parallelgesellschaft

Um ein paar Bilder zum Tod von Loki Schmidt zu sehen (eine der wenigen öffentlichen Personen, vor denen ich Respekt habe), habe ich ausnahmsweise die Tagesschau eingeschaltet.

Minister Brüderle verkündete dort den fabelhaften Aufschwung, mit 3,4% Wachstum in diesem Jahr, 1,8% im nächsten Jahr und um die 2% als Prognose für die nächsten 5 Jahre. Der DGB-Chef fordert Lohnerhöhungen (gähn, das steht bestimmt so in seinem Drehbuch – was nutzen 2% Lohnerhöhung auf 2 Jahre verteilt – so sah es bei mir zuletzt in etwa aus – bei zeitgleich ca. 8% echter Inflation?) Dazu sollen wir nächstes Jahr nur noch 2,9 Millionen Arbeitslose haben, ein ganz famoses Zeichen (ich mache mir nicht die Mühe, das zu recherchieren, aber die echte Zahl arbeitsloser Menschen in Deutschland ist eine deutlich zweistellige Millionenzahl). Die Krise ist vorbei, hurra...

Ich hatte den Eindruck, die glauben das wirklich. Die armen Menschen, die ihre Informationen nur aus diesen Medien beziehen, haben keine Chance, irgendetwas von dem zu erfassen, was auf uns zurollt und nicht mehr aufzuhalten ist. Natürlich könnten die meisten Menschen in ihrem persönlichen Umfeld sehen, daß etwas oberfaul ist, aber wer macht schon gerne die Augen auf?

Nur ein Beispiel: heute ist es völlig normal, sogar recht gutgekleidete Menschen beim Durchwühlen von Mülltonnen zu sehen, auf der Suche nach Leergut oder alten Zeitungen oder vielleicht gar nach Eßbarem. Das war früher eindeutig anders, solche Bilder kannte man nur aus Dritte-Welt-Ländern.

Heute habe ich Quitten-Gelee eingekocht, gut für Leib und Seele. So etwas werden zukünftig auch wieder mehr Menschen tun, wenn das Geld für Supermarkt-Ware nicht mehr ausreicht - oder wenn es diese gar nicht mehr gibt.

Nachtrag: wenn es irgendwann keine Marmelade (ein Lowtech-Produkt) im Supermarkt mehr geben sollte, dann gäbe es bestimmt auch keinen Gelier-Zucker mehr und die eigenen Vorräte wären schnell aufgebraucht. Dann könnte ich immer noch Wildobst oder Obst aus dem Garten in Wasser ohne Zucker einkochen. Fiele dann auch noch der Strom aus, ginge es zur Not mit dem Hobo-Kocher. Da stünde dann aber schnell die ganze unvorbereitete Nachbarschaft da, und falls Anarchie ausbräche, würde ich wohl nicht lange überleben.

Das Fatale an dieser Krise ist: bis kurz vor dem Zusammenbruch wird vielleicht alles noch ganz normal aussehen. Alles funktioniert, und die Aussichten sind (vermeintlich) bestens.

Aber ewiges exponentielles Schuldenwachstum in einer endlichen Welt kann es nicht geben. Irgendwann bricht die betrügerische Kreditpyramide zusammen. Was passiert dann? Wird es als Befreiung aus der Schuldgeldknechtschaft erlebt? Ist doch auch sehr aufregend, in einer solchen Zeit leben zu dürfen. Vielleicht habe ich mir das ja so ausgesucht.

Ich bin ein Kind der Wohlstandsgesellschaft. Eine existenzielle Krise habe ich noch nicht erlebt. Da braucht es nur mal einen kleinen Defekt am Auto geben, schon gerate ich in große Unruhe. Ohne Auto zu leben? Unvorstellbar.

Ich habe heute abend einen Rückblick auf das Leben von Loki Schmidt gesehen. Die Menschen, die den 2. Weltkrieg erlebt haben, sterben langsam aus. Die haben wirklich etwas durchgemacht, verglichen damit jammern wir auf sehr hohem Niveau.

Mal sehen, was kommt. Vielleicht wird es schlimmer als damals (wenn der 3. Weltkrieg ausbricht, was mir derzeit unwahrscheinlicher geworden scheint), vielleicht werden auch einfach nur unser aller Sparguthaben und Rentenansprüche gestrichen und wir machen danach weiter wie zuvor, als wäre nichts gewesen, mit neuem Papierspielgeld.

erzwungene Nähe

Bei meinen Freizeitaktivitäten habe ich keine Probleme mit räumlicher Nähe zu anderen Menschen. Da gibt es oft emotionale Nähe, und beim Tanzen ja auch körperliche Nähe. Das ist total schön, den Energiefluß zwischen zwei Menschen zu spüren, den Austausch zu erleben.

Der Unterschied zum Büro ist: meine Freizeitaktivitäten mache ich gerne, dabei fühle ich mich wohl und kann ganz unverstellt ich selbst sein. Im Büro spiele ich eine Rolle. Diese Rolle verhindert echte zwischenmenschliche Nähe. Ich habe mich seit 1-2 Jahren auch am Arbeitsplatz stark geöffnet, das scheint aber jetzt an eine Grenze zu gelangen – denn die Situation dort ist total künstlich und von mir so nicht gewollt. Und die Kollegen spielen ja auch meist eine Rolle, denn für sie ist es vermutlich auch künstlich. Kaum jemand macht das gern, nehme ich an, alle müssen nur irgendwie ihr Geld verdienen (das bißchen, das die Geldkrake uns übrig läßt).

Mein Bedürfnis dort war zuletzt, mich wieder stärker zurückzuziehen, um meine Rest-Energie zu sammeln. Ich will nicht neue Ego-Mauern errichten, aber das ist es auch nicht. Mein Schutz-Bedürfnis ist berechtigt. Mir geht dort sehr viel Energie verloren, die wird regelrecht abgezapft (da muß ich wieder an den Film Matrix denken – am Arbeitsplatz bin ich in der Matrix, da docke ich an die Energiefarm an, wo meine Energie für die Geldkrake abgezapft wird). Wir sind dort alle Opfer des Systems, das trifft auch auf meine Vorgesetzten und auch auf die Firmenleitung zu. Vielleicht können die ja gar nicht anders, als uns so zusammenzupferchen.

Es gibt beeindruckende Berichte von Menschen, die selbst unter unmenschlichen Bedingungen in Gefangenschaft ihre Würde erhalten konnten. Verglichen mit ihnen geht es mir ja sehr gut, mein Gefängnis ist weich gepolstert.

Ich will raus aus der Opferrolle, denn die schadet mir selbst. Ich ändere jetzt das, was ich ändern kann, versuche Verbesserungen am Arbeitsplatz zu erzielen und parallel dazu einen Ausweg aus dem Gefängnis heraus zu finden. Ich will mir ohne schlechtes Gewissen die Auszeiten/Pausen nehmen, die ich brauche, achtsam mit mir umgehen, um mich selbst nicht ganz zu verlieren im Job.

Ich bin irgendwie auch neugierig, wie es weitergeht. Meine Kollegen werden auch nicht glücklich sein, auch wenn sie es nicht so deutlich zeigen. Noch bin ich nicht bereit, einen neuen Versuch zu wagen, aber jetzt steht ja auch erst noch einmal ein verlängertes Wochenende für mich an. Ich will versuchen, endlich von der Arbeit abzuschalten und zu entspannen.

neue Arbeitssituation

Wenn ich von der Arbeit freigestellt bin, kann ich normalerweise wunderbar abschalten, den Berufs-Alltag hinter mir lassen und mich ganz auf mich und meine Genesung konzentrieren. Diesmal ist es anders. Immer wieder die quälenden Gedanken an die für mich unerträgliche Arbeitssituation, dazu den ganzen Kopf noch voll mit tausend Dingen, die im Haushalt getan werden wollen, weil ich sonst nie Zeit dafür habe. Ich fühle mich sehr erschöpft, kann aber trotz der Nachwirkungen meines Treppensturzes einiges tun, solange ich nicht stundenlang stillsitzen oder stehen muß.

Ich komme kaum zur Besinnung. Dabei wäre die jetzt sehr wichtig, bevor ich wieder ins Büro zurückgehe. Neben den objektiv verschlechterten Arbeitsbedingungen muß es auch etwas in mir geben, was mich so stark reagieren läßt. Die Kollegen sind auch unzufrieden, kommen aber anscheinend irgendwie zurecht.

Etwas in mir löst die starke „Platzangst“ aus, das Bedürfnis nach räumlichem und innerem Rückzug, das Bedürfnis, mich abzuschotten, abzugrenzen, Mauern aus Papierstapeln und Aktenablagen zu bauen.

Ein Aspekt dabei ist meine starke Sensibilität für äußere Einflüsse. Mich machte das regelmäßige „klong“ eines Bewegungsmelders verrückt, er klingt ähnlich wie ein tropfender Wasserhahn und sorgt für Beleuchtung am Arbeitsplatz, sobald sich jemand bewegt, also normalerweise alle paar Sekunden (wer sich zu lange nicht bewegt, sitzt im Dunkeln, auch auf der Toilette beispielsweise). Ich wäre durchaus selber in der Lage, das Licht ein- und auszuschalten, aber nein, wir werden entmündigt, um Strom zu sparen. Auf Kosten dieses nervenden Überwachungsgeräts. Fehlte noch, daß dort eine Kamera drin wäre, es sieht so ähnlich aus...

Es wurde zugesagt, daß Abhilfe geschaffen werden soll. Hoffentlich, sonst klebe ich das Ding ab, damit es seine Klappe hält.

Ähnlich gelagert ist wohl, daß ich sehr stark die Geräusche der Kollegen wahrgenommen habe, jedes tiefere Atmen, die Tastaturen sowieso. Ich höre drei Menschen ganz nah und finde meinen eigenen Raum dabei nicht, das geht alles in mich rein und lenkt mich ab. Auch wenn ich sie nicht hören würde (habe überlegt, ob ich mit Ohrstöpseln im Büro sitzen sollte), würde ich sie fühlen/spüren. Es ist einfach deren Energie im Raum, von vier unterschiedlichen Menschen, die (noch) nicht harmonieren.

Mein Kollege gegenüber hat mir früher mal erklärt, daß jeder Mensch seine eigene Energie mitbringt, sein Prana. Wer „gutes Prana“ hat, gibt zwangsläufig an diejenigen ab, die „schlechtes Prana“ haben. Nach einiger Zeit gibt es einen Energieausgleich. Nach seiner Darstellung habe ich bisher von ihm profitiert. Vielleicht profitieren jetzt die neuen Kolleginnen von mir, und ich fühle mich dort deshalb so leergesaugt?

Mir war aufgefallen, daß ich in der Mittagspause und erst recht abends sehr weit von mir selbst weg war, ganz schlecht bei mir, ganz anders als zuletzt im alten Büro. Und ich war ungeheuer erschöpft, obwohl ich kaum etwas geschafft hatte.

Ich hatte auch Kopfschmerzen, möglicherweise auch wegen der Ausdünstungen der nagelneuen Materialien. Die neue Umgebung raubt meine Energie, so erkläre ich mir jetzt meinen Zustand. Vielleicht wird das im Laufe der Zeit besser.

Es ist gut, daß ich da erstmal für eine Weile raus bin. Falls diese Erklärung stimmt, finde ich es unfair, daß ich mehr Energie abgeben muß als bisher. Andererseits habe ich bisher stark von der ruhigen Ausstrahlung meines Kollegen und vielen Gesprächen profitiert, vielleicht ist es jetzt an der Zeit, daß ich etwas weitergeben muß. Vielleicht harmonisiert sich die Energie im Raum ja noch.

Solange es mich so schlaucht, möchte ich so gut es geht auf meine Grenzen achten, evt. Gespräche direkt an meinem Schreibtisch ablehnen, öfter Pausen machen, den Raum verlassen, um irgendwo Luft zu holen. Leider bin ich ja gezwungen, unnatürlicherweise immer (im Schnitt) die gleiche Stundenzahl abzureißen, egal wie ich mich fühle und auch egal, wie viel Arbeit anliegt. Ich werde mich notgedrungen erstmal stark zurückziehen, ich habe das schon instinktiv richtig gemacht. Ich brauche Schutzraum, so gut es unter den schlechten Bedingungen geht, solange bis ich mich dort wieder halbwegs wohlfühle.

Irgendwas soll ich auch aus dieser Situation lernen. Daß meine Kollegen nicht „meine Feinde“ sind, darauf wurde ich schon aufmerksam gemacht. Und das berührte etwas in mir, anscheinend habe ich früher schlechte Erfahrungen gemacht. Und heute kam mir eine Kindheitserinnerung hoch, die eine Rolle spielt. Obwohl ich die Ältere war, bekam ich immer das kleinere Kinderzimmer, mein Bruder das größere. Mir wurde weniger Raum zugestanden, ich fühlte mich dadurch eingeengt, bedrängt, und ungerecht behandelt, gar gedemütigt.

Ich habe heute einige Tränen des inneren Kindes geweint. Es tut immer gut, wenn es rauskommt.

Vielleicht bin ich ja in dieser Situation, um noch mehr solcher innerer Grenzen zu finden, zu heilen und aufzulösen.

Ich habe immer schon ein Problem damit, meine Grenzen wahrzunehmen und zu schützen. Hier muß ich mich mehr abgrenzen, ohne dabei wieder wie früher mal völlig auf Distanz zu gehen. Vielleicht ist es ein gutes Übungsfeld, das richtige Maß zwischen Nähe und Distanz zu finden.

Sonntag, 17. Oktober 2010

Die Legehenne

Starker Text von GLR:

"Der Alltags-Zombie: in seinem eigenen geistigen Käfig gehalten, ausgesaugt und schließlich geschlachtet

Vom Alltag als Zombie gehirngewaschene Individuen sind praktisch vollständig auf eine Außenstimulation konditioniert. Sie sind dazu erzogen und geprägt, wie Tiere in einer Farm (siehe Orwells "Animal Farm") gehalten und ausgenutzt zu werden. Irgendeine obrigkeitliche Instanz regelt ihre Existenz. Man stellt ihnen ihre Arbeitssituation zur Verfügung: ihren „Legehennenplatz“. Um dessen himmelschreiende Unnatürlichkeit zu kompensieren, gewährt man ihnen für den Rest der Zeit, genannt "Freizeit", die bestmögliche Unterhaltung und lenkt sie damit ab. Am Ende werden sie erbarmungslos geschlachtet."

http://www.schamanenschule.de/blog/2010_10.htm#n20101016

Das trifft mich mitten ins Herz, denn es beschreibt exakt meine aktuelle Arbeitssituation. Ich hatte selber in dieser Woche das Bild einer Legebatterie vor Augen, als ich an meinen neuen Arbeitsplatz kam (neues Gebäude). Käfig an Käfig gereiht, mit genormter Größe, und jeder Käfig mit 4 Insassen belegt, bei ebenfalls genormter Aufstellung der Büromöbel nahezu ohne jede individuelle Änderungsmöglichkeit, weil die Räume bis zum letzten Quadratmeter ausgenutzt (vollgestopft) sind. Ein funzeliger Aktenschrank für jeden, 4 Tische je 80*160 cm² (30-50% weniger Arbeitsfläche als zuvor), zwei direkt nebeneinander gestellt, zwei gegenüber, Viererblock.

PC rechts, Telefon links, Stuhl mittig, Augen ge-ra-de-aus und - zack zack - losprogrammieren!

Zu dumm, daß ich als Linkshänderin den PC links haben muß, weil sonst das Kabel der Maus nicht lang genug ist. Das war vom System nicht vorgesehen („Änderungswünsche erst ab nächster Woche“), nur durch viel Überzeugungsarbeit und intensives Bitten konnte ich die Mitarbeiterin der Fremdfirma davon überzeugen, für mich den PC links aufzubauen. Das war eine Lektion in "das Individuum zählt hier nicht", aber von Mensch zu Mensch gesprochen ließ sich dann doch etwas bewegen.

Den Tisch habe ich dann am nächsten Tag in Eigenarbeit mit passendem 6-Kant-Schlüssel auf meine Sitzhöhe eingestellt, um von Rückenschmerzen verschont zu bleiben. Aus Sicherheitsgründen hätte ich diese Arbeit vermutlich nicht selber tun dürfen, das war mir aber egal. Ich habe auch versucht, die völlig verdreckten Fenster zu reinigen, leider ohne Erfolg, da extreme Kalkrückstände vermutlich nur mit scharfer Chemie zu entfernen sind.

4 Personen auf 27 m², vorher waren es 2 Personen auf knapp 23 m², es wird uns aber als fantastische Verbesserung „verkauft“. Das ist neben der Demütigung das Schlimmste, diese Verarschung, und möglicherweise glauben diejenigen, die das verkünden, sogar noch selber daran.

Ja, natürlich gibt es wesentlich schlimmere Arbeitsbedingungen, auch in Deutschland, auch bei gleicher Tätigkeit (darauf verweisen meist die Kollegen, die ihre Unzufriedenheit nicht zugeben wollen), aber ist das ein Argument? Ein Gefängnis bleibt ein Gefängnis, auch wenn die Mauern wirklich nett in einem warmem Terracotta-Ton gestrichen sind.

Wir sind jetzt auch verpflichtet, das Brandzeichen unseres Eigentümers – ähm, pardon, den Firmenausweis – jederzeit offen sichtbar zu tragen. Und wir sind verpflichtet, Menschen ohne Brandzeichen zu denunzieren – ähm, pardon, anzusprechen, ob sie denn einen Ausweis und eine Berechtigung zum Betreten des Gebäudes haben.

Firmenausweise kenne ich von anderen Arbeitgebern, als Zugangsberechtigung finde ich das ganz ok. Aber im internen Bereich, ohne Kundenkontakt, einen Ausweis anheften? Und muß jetzt jeder den Hilfssheriff spielen, weil an einer ordentlichen Gebäudesicherung gespart wird? Fehlt noch, daß wir morgens zum Absingen der Firmenhymne im Innenhof antreten müssen – kommt bestimmt noch, wenn die Chinesen unsere Wirtschaft vollständig übernommen haben.

Ich habe mich am neuen Arbeitsplatz sehr, sehr schlecht gefühlt, ums Überleben gekämpft, jeden Tag eine andere Veränderung (winzig) ausprobiert, um mich halbwegs „bei mir selbst“ zu fühlen. Ich kriege „Platzangst“, wenn den ganzen Tag direkt neben mir jemand sitzt, ich bin dann nicht bei mir, kann meinen inneren Raum nicht schaffen und mich nicht auf die Arbeit konzentrieren. Das liegt nicht an den Kollegen, die sind sehr nett und hilfsbereit, aber die ganze Arbeitssituation ist eine Katastrophe.

Nach einigen Tagen habe ich mich aus Verzweiflung eine Treppe hinuntergestürzt. Na ja, von außen betrachtet sieht es so aus, daß ich ausgerutscht bin, aber ich weiß natürlich, daß so ein „Unfall“ kein Zufall ist. Da ich kurz zuvor eine Beschwerde-Mail über die Stolperfallen im Treppenhaus geschrieben hatte (das Gebäude ist teilweise noch ein Rohbau), hatte ich vielleicht mein Unterbewußtsein programmiert (oder umgekehrt, ich weiß nicht mehr so genau, wer in diesem menschlichen Körper die Kontrolle hat und ob es so eine Instanz überhaupt gibt): ein Treppensturz und nachfolgende Krankschreibung ist eine legale Möglichkeit, zu der dringend erforderlichen Auszeit zu gelangen, um mich von diesen psychischen Schocks zu erholen. Leider war es meine eigene Treppe zu Hause, und nicht die Rohbautreppe. So kann ich nicht beweisen, daß mein Arbeitgeber eine Mitschuld an meinem Unfall trägt: durch die nicht artgerechte Legehennenhaltung.

Die extrem negativen Gedankenschleifen habe ich zunächst in meine Krankheits-Auszeit mitgeschleppt, dazu die körperlichen Schmerzen mehrerer schwerer Prellungen. Seit heute geht es mir seelisch endlich wieder besser, ich bin wieder bei mir selbst angekommen und habe neuen Mut. Ich werde alles tun, um im Käfig noch eine Weile durchzuhalten, denn ich bin bei der Wahl zwischen zwei schlechten Alternativen noch lieber von einem privaten Arbeitgeber abhängig als vom Staat (letzterer ist noch grausamer und bezahlt zudem noch viel schlechter), und ich brauche das Einkommen, um überhaupt einen sinnvollen Ausweg finden zu können, denn der kostet Geld und Zeit.

Wenn noch ein Platz frei ist, melde ich mich nächste Woche zur Weiterbildung „Natur- und Wildnispädagogik“ an. Das kann ich parallel zum Job machen, und dann werde ich ja sehen, wohin es sich und mich entwickelt.

Mittwoch, 6. Oktober 2010

Kraft der Gemeinschaft

Eine der schönsten Erfahrungen an diesem Wochenende war die Verbundenheit mit den anderen teilnehmenden Frauen und dem Leitungsteam (es war ein reiner Frauenkurs). Ich bin ja eher der Typ „einsame Wölfin“ und habe beispielsweise die Gemeinschaftsaufgaben, die meiner Gruppe zugeteilt waren, mehr im Alleingang als gemeinsam mit den anderen gelöst. Erst auf der Rückfahrt wurde mir klar, wie oft andere Frauen mich gefragt hatten, ob sie mir helfen können – nicht nur bei den Gemeinschaftsaufgaben, sondern auch beispielsweise beim Auf- und Abbau meines privaten Zelts. Ich habe meistens abgelehnt, denn ich bin es gewohnt, für mich alleine zu sorgen und alles alleine zu machen.

Erst im nachhinein hat es so richtig „klick“ gemacht. Moment mal, ich bin ja gar nicht ganz alleine auf der Welt, da gibt es auch noch andere Menschen. Und die hängen auch nicht an mir im Sinne einer zusätzlichen Last, sondern die können mich auch entlasten. Und die machen das sogar noch gerne, helfen mir gerne, und gemeinsam geht es womöglich schneller und macht vielleicht sogar mehr Spaß. Die Teamarbeit des Feuerbohrens hat jedenfalls sehr viel Spaß gemacht, und es war ein gemeinsames Erfolgserlebnis. Mir hat sehr gutgetan, wie ich bereits beim Schnitzen des Holzbohrers immer wieder angesprochen wurde, wie ich vorankomme, und es wurde auch konkrete Hilfe angeboten.

Auch bei den Vorbereitungen, um einen Löffel zu schnitzen, wurde mir Hilfe angeboten, die ich dann ausnahmsweise mal annahm. Die Leiterin zeigte mir, wie ich die Axt ansetzen muß, um das Holzstück zu spalten. Und dann führte ich den Hieb alleine aus. Ich kann mich nicht erinnern, wann mir zuletzt jemand in dieser praktischen Weise Hilfe zur Selbsthilfe angeboten hat. Ich kenne es eigentlich nur so, daß ich mir alles alleine (unterstützt allenfalls durch schriftliche Anleitungen) beibringen muß, was überaus mühsam ist, auch wenn ich meistens ganz gut zurechtkomme.

Obwohl ich gar nicht so ein Gruppenmensch bin, hatte ich während der Abschlußrunde das Gefühl, daß hier in sehr kurzer Zeit eine Gruppenseele entstanden ist, daß diese Frauen für ein Wochenende zusammengewachsen waren. Es gab einen sehr harmonischen Umgang miteinander und relativ wenig Rollenspiele, es war ein authentischer Kontakt. Ich würde sehr gerne die eine oder andere mal wiedertreffen, mir vielleicht dann auch noch mehr Zeit für tiefgehende Gespräche nehmen, denn Alleinsein kann ich auch zu Hause, das fehlt mir nicht so.

Auf der Rückfahrt hielt ich kurz hinter dem Camp an, um ein Telefonat per Handy zu führen. Während ich die Nummer anwählte, hielt ein anderes Auto knapp vor mir. Es war offenkundig eine andere Teilnehmerin, die sich vergewissern wollte, daß ich kein technisches Problem mit meinem Auto habe. Irritiert, aber auch berührt, schaltete ich das Handy aus und startete den Wagen, woraufhin der Wagen vor mir auch wieder weiterfuhr.

Irgendwie hat mir dieses Erlebnis „den Rest“ gegeben. Ich war tief berührt von dieser Anteilnahme und Hilfsbereitschaft, in einem starken emotionalen Schwall flossen die Tränen. Nun fielen mir all die kleinen Situationen wieder ein, in denen mir freundlich Hilfe angeboten worden war, was ich nur am Rande registriert hatte. Ich war sehr berührt und beglückt.

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Gemeinschaft tut gut. Und wir sind ja auch alle ein Stück weit voneinander abhängig und können gemeinsam mehr bewirken als jeder für sich alleine. Die Gemeinschaft ist mehr als die Summe der Einzelmenschen. Um z.B. ein großes Tipi abzubauen, braucht es viele Hände. Ich habe nur zugeschaut, beim nächsten Mal helfe ich mit.

Ich kann diese Erfahrung nur weiterempfehlen: ein Wildnis-Kursus oder auch eine Gruppenreise in die Wildnis (habe ich in jungen Jahren öfters gemacht) bringt erstaunlich viel Lernerfahrungen in kurzer Zeit, wenn man sich darauf einläßt.