Sonntag, 17. Oktober 2010

Die Legehenne

Starker Text von GLR:

"Der Alltags-Zombie: in seinem eigenen geistigen Käfig gehalten, ausgesaugt und schließlich geschlachtet

Vom Alltag als Zombie gehirngewaschene Individuen sind praktisch vollständig auf eine Außenstimulation konditioniert. Sie sind dazu erzogen und geprägt, wie Tiere in einer Farm (siehe Orwells "Animal Farm") gehalten und ausgenutzt zu werden. Irgendeine obrigkeitliche Instanz regelt ihre Existenz. Man stellt ihnen ihre Arbeitssituation zur Verfügung: ihren „Legehennenplatz“. Um dessen himmelschreiende Unnatürlichkeit zu kompensieren, gewährt man ihnen für den Rest der Zeit, genannt "Freizeit", die bestmögliche Unterhaltung und lenkt sie damit ab. Am Ende werden sie erbarmungslos geschlachtet."

http://www.schamanenschule.de/blog/2010_10.htm#n20101016

Das trifft mich mitten ins Herz, denn es beschreibt exakt meine aktuelle Arbeitssituation. Ich hatte selber in dieser Woche das Bild einer Legebatterie vor Augen, als ich an meinen neuen Arbeitsplatz kam (neues Gebäude). Käfig an Käfig gereiht, mit genormter Größe, und jeder Käfig mit 4 Insassen belegt, bei ebenfalls genormter Aufstellung der Büromöbel nahezu ohne jede individuelle Änderungsmöglichkeit, weil die Räume bis zum letzten Quadratmeter ausgenutzt (vollgestopft) sind. Ein funzeliger Aktenschrank für jeden, 4 Tische je 80*160 cm² (30-50% weniger Arbeitsfläche als zuvor), zwei direkt nebeneinander gestellt, zwei gegenüber, Viererblock.

PC rechts, Telefon links, Stuhl mittig, Augen ge-ra-de-aus und - zack zack - losprogrammieren!

Zu dumm, daß ich als Linkshänderin den PC links haben muß, weil sonst das Kabel der Maus nicht lang genug ist. Das war vom System nicht vorgesehen („Änderungswünsche erst ab nächster Woche“), nur durch viel Überzeugungsarbeit und intensives Bitten konnte ich die Mitarbeiterin der Fremdfirma davon überzeugen, für mich den PC links aufzubauen. Das war eine Lektion in "das Individuum zählt hier nicht", aber von Mensch zu Mensch gesprochen ließ sich dann doch etwas bewegen.

Den Tisch habe ich dann am nächsten Tag in Eigenarbeit mit passendem 6-Kant-Schlüssel auf meine Sitzhöhe eingestellt, um von Rückenschmerzen verschont zu bleiben. Aus Sicherheitsgründen hätte ich diese Arbeit vermutlich nicht selber tun dürfen, das war mir aber egal. Ich habe auch versucht, die völlig verdreckten Fenster zu reinigen, leider ohne Erfolg, da extreme Kalkrückstände vermutlich nur mit scharfer Chemie zu entfernen sind.

4 Personen auf 27 m², vorher waren es 2 Personen auf knapp 23 m², es wird uns aber als fantastische Verbesserung „verkauft“. Das ist neben der Demütigung das Schlimmste, diese Verarschung, und möglicherweise glauben diejenigen, die das verkünden, sogar noch selber daran.

Ja, natürlich gibt es wesentlich schlimmere Arbeitsbedingungen, auch in Deutschland, auch bei gleicher Tätigkeit (darauf verweisen meist die Kollegen, die ihre Unzufriedenheit nicht zugeben wollen), aber ist das ein Argument? Ein Gefängnis bleibt ein Gefängnis, auch wenn die Mauern wirklich nett in einem warmem Terracotta-Ton gestrichen sind.

Wir sind jetzt auch verpflichtet, das Brandzeichen unseres Eigentümers – ähm, pardon, den Firmenausweis – jederzeit offen sichtbar zu tragen. Und wir sind verpflichtet, Menschen ohne Brandzeichen zu denunzieren – ähm, pardon, anzusprechen, ob sie denn einen Ausweis und eine Berechtigung zum Betreten des Gebäudes haben.

Firmenausweise kenne ich von anderen Arbeitgebern, als Zugangsberechtigung finde ich das ganz ok. Aber im internen Bereich, ohne Kundenkontakt, einen Ausweis anheften? Und muß jetzt jeder den Hilfssheriff spielen, weil an einer ordentlichen Gebäudesicherung gespart wird? Fehlt noch, daß wir morgens zum Absingen der Firmenhymne im Innenhof antreten müssen – kommt bestimmt noch, wenn die Chinesen unsere Wirtschaft vollständig übernommen haben.

Ich habe mich am neuen Arbeitsplatz sehr, sehr schlecht gefühlt, ums Überleben gekämpft, jeden Tag eine andere Veränderung (winzig) ausprobiert, um mich halbwegs „bei mir selbst“ zu fühlen. Ich kriege „Platzangst“, wenn den ganzen Tag direkt neben mir jemand sitzt, ich bin dann nicht bei mir, kann meinen inneren Raum nicht schaffen und mich nicht auf die Arbeit konzentrieren. Das liegt nicht an den Kollegen, die sind sehr nett und hilfsbereit, aber die ganze Arbeitssituation ist eine Katastrophe.

Nach einigen Tagen habe ich mich aus Verzweiflung eine Treppe hinuntergestürzt. Na ja, von außen betrachtet sieht es so aus, daß ich ausgerutscht bin, aber ich weiß natürlich, daß so ein „Unfall“ kein Zufall ist. Da ich kurz zuvor eine Beschwerde-Mail über die Stolperfallen im Treppenhaus geschrieben hatte (das Gebäude ist teilweise noch ein Rohbau), hatte ich vielleicht mein Unterbewußtsein programmiert (oder umgekehrt, ich weiß nicht mehr so genau, wer in diesem menschlichen Körper die Kontrolle hat und ob es so eine Instanz überhaupt gibt): ein Treppensturz und nachfolgende Krankschreibung ist eine legale Möglichkeit, zu der dringend erforderlichen Auszeit zu gelangen, um mich von diesen psychischen Schocks zu erholen. Leider war es meine eigene Treppe zu Hause, und nicht die Rohbautreppe. So kann ich nicht beweisen, daß mein Arbeitgeber eine Mitschuld an meinem Unfall trägt: durch die nicht artgerechte Legehennenhaltung.

Die extrem negativen Gedankenschleifen habe ich zunächst in meine Krankheits-Auszeit mitgeschleppt, dazu die körperlichen Schmerzen mehrerer schwerer Prellungen. Seit heute geht es mir seelisch endlich wieder besser, ich bin wieder bei mir selbst angekommen und habe neuen Mut. Ich werde alles tun, um im Käfig noch eine Weile durchzuhalten, denn ich bin bei der Wahl zwischen zwei schlechten Alternativen noch lieber von einem privaten Arbeitgeber abhängig als vom Staat (letzterer ist noch grausamer und bezahlt zudem noch viel schlechter), und ich brauche das Einkommen, um überhaupt einen sinnvollen Ausweg finden zu können, denn der kostet Geld und Zeit.

Wenn noch ein Platz frei ist, melde ich mich nächste Woche zur Weiterbildung „Natur- und Wildnispädagogik“ an. Das kann ich parallel zum Job machen, und dann werde ich ja sehen, wohin es sich und mich entwickelt.

Kommentare:

  1. Schön geschriebener Text, auch wenn es die bittere Wahrheit enthält.
    Ich dachte mir das oft in der vollen Bahn: Viehtransport, nun werden alle zum Schlachter gekarrt.
    Seltsam hier werden Bürogebäude über Bürogebäude gebaut und gebaut, nur zieht da keine Sau ein, hauptsache das Geld is erstmal gut angelegt. Hier is Platz in Massen und Du musst Dich mit den Massen auf minimalen Platz bewegen, ich würd da auch die krise kriegen.

    Ich wünsche Dir, dass noch ein Platz frei ist und wer weiß, vielleicht kannst Du da mit einsteigen, um solange es noch sein muss, die Büroarbeit zu schaffen.
    Natur is ja ein wunderbarer Ausgleich, ach wem sag ich das .-))))))

    Gute Besserung Dir! (falls der Fuß noch aua macht)
    und auf alle Fälle einen schönen Tag!

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  2. Liebe Regenfrau,

    schön, daß Du mich in letzter Zeit ein wenig begleitest.

    Ich habe mich angemeldet zur Fortbildung (einige Wochenenden im nächsten Jahr), das ist mir doch erstaunlich schwergefallen. Der Kopf kommt immer mit negativen Gedanken wie "Du spinnst, mit Mitte Vierzig noch einen anderen Beruf anzustreben, das schaffst Du nicht". Hoffentlich schaffe ich es, das ganz entspannt und streßfrei anzugehen, ohne Erfolgsdruck, einfach nur zur Erweiterung meines Horizonts.

    Meine Bürokrise muß ich parallel leider auch bewältigen, vielleicht bin ich langfristig gesehen ja eine Halbzeit-Programmiererin, das war ganz früh schonmal meine Vorstellung.

    Am Ende eines Pseudo-Booms (der nur durch Schulden "finanziert" ist, und damit zwangsläufig zusammenbrechen muß) werden gerne mal zu viele Immobilien gebaut, die dann leerstehen. "Eigentlich" macht mein Arbeitgeber das richtig mit weniger Büroraum, denn wirtschaftlich wird es bald massiv bergab gehen, aber ich leide so ungerne darunter. Dennoch muß ich mich dem stellen, denn wir werden bald alle massiv unsere Ansprüche herunterschrauben müssen in einem bankrotten Staat.

    Ich darf meine Prellungen noch ein paar Tage auskurieren, es geht mir aber schon wieder besser.

    Danke und liebe Grüße,
    Louise

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  3. Ja ich finde Deinen Weg und Deine Einstellungen auch sehr interessant, vor allem weil ich mich in vielen wieder erkenne.
    Auch das mit den Energien der anderen spüren und sich nicht gut genug davor schützen können. Ich zieh mich auch lieber zurück, aber meine Thera meinte dazu: dann verliere ich aber auch das Schöne das in Begegnungen passieren kann, ob es nich einen anderen Weg geben könne, sich davor zu schützen...und wir suchten und übten :-)

    Alles Gute weiterhin! :-)

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