Dienstag, 30. März 2010

Sammelwut aus Lebensangst

Heute abend habe ich ein sehr schönes Glücksgefühl. Ich hatte heute Urlaub, um mit der Entrümpelung weiterzumachen. Den halben Tag habe ich im Garten gearbeitet, die andere Hälfte in meinem Arbeitszimmer, das mit Papierbergen vollgestopft ist. Ich habe zwei Kisten mit Papier aussortiert. Dabei handelte es sich überwiegend um Internet-Ausdrucke zu den Themen Rente/private Altersvorsorge, Geldsystem und Finanzkrise, die ich seit 3 Jahren gesammelt hatte.

Mein Sammeltrieb hat u.a. Angst als Ursache, Lebensangst. Ich habe das Papier aufgehoben für den Fall, daß das Internet mal nicht funktioniert und ich die Informationen brauche. Ich glaube aber, daß ich im Fall eines größeren Stromausfalls oder Abschaltung des Internets aus politischen Gründen oder was da sonst für Risikoursachen eine Rolle spielen könnten, ganz andere Sorgen hätte, als in Stapeln von Papier nach Vorschlägen für eine private Altersvorsorge zu suchen. ;-) Zudem habe ich bereits vorgesorgt, ich spare regelmäßig monatlich in international gestreute Aktienfonds, völlig frei von staatlichen Fesseln (nach der empfehlenswerten Investment-Methode von D. Bennett, "ReichtumsG und DurchführungsV").

Ich brauche diese Schein-Sicherheit, die die Papierberge mir geben, nicht mehr. Ich spüre so sehr die Erleichterung, etwas in mir atmet auf, wenn nur mal ein wenig Bewegung in meine erstarrten Lebensumstände kommt.

Es ist gut, wenn ich mein möglichstes tue, um für meine Zukunft vorzusorgen. Aber dann möchte ich alle Sorgen und Gedanken daran loslassen, um mein Schicksal in Gottes Hände zu legen. Ich weiß ja sowieso überhaupt nicht, was das Leben weiter mit mir vorhat. Das Leben wird auch im Fall einer weiteren Zuspitzung der Krise (die ich erwarte) für mich sorgen, falls mir das Überleben bestimmt ist – und wenn nicht, dann eben nicht.

Ich kann nichts verlieren, denn was ich wirklich bin, ist von diesen materiellen Dingen völlig unberührt. Und wenn ich sterbe, dann sterbe ich eben. Irgendwann ja sowieso.

Bei Eckhart Tolle ("Eine neue Erde") habe ich gelesen, daß viele Menschen sich mit den Dingen identifizieren, die sie als "mein" bezeichnen, um den Verlust ihres wahren Identitätsgefühls zu kompensieren. Das hat mich sehr berührt, denn das trifft auf mich auch zu. Es gibt viele Gründe für meine Sammelwut.

Ich merke, daß ich jetzt nach und nach besser loslassen kann. Es ist sooo befreiend. Ich bin nicht diese ganzen Gegenstände und ich brauche sie auch nicht, um meinen Selbstwert zu steigern, die haben überhaupt nichts mit mir zu tun. Selbst wenn ich das alles verlieren würde, wäre ich davon völlig unberührt. Das wesentliche kann nicht verloren gehen, nicht einmal, wenn ich sterbe. Das ist unglaublich befreiend.

Ich lebe, ich existiere, das macht mich soo glücklich! :-)

Das Leben ist wunderbar, und ES IST ALLES GUT! :-)

Montag, 29. März 2010

schlechtes Gewissen

Ich fühle mich nicht gut heute abend. Zunächst mal habe ich heute den gesamten Arbeitstag versemmelt, indem ich spirituelle Texte (und Texte zur Finanzkrise) im Internet gelesen habe. Dabei waren die letzten zwei Arbeitswochen sehr gut, es geht also offenbar wieder. Nach Dienstschluß hatte ich ein schlechtes Gewissen.

Dann im Meditationskurs war ich innerlich relativ unruhig, einige Gedankenketten klebten und wollten nicht gehen. Immerhin war eine dabei, die mich herzhaft zum Lachen brachte, als ich im Anschluß an die Übung darüber sprach. Es war eine Erinnerung an eine aus heutiger Sicht groteske Situation mit meinem ersten Freund. Diese Liebesbeziehung sieht aus heutiger Warte wie ein Rollenspiel aus. Das Lachen löste die Schamgefühle in nichts auf, die die Erinnerung zunächst bei mir ausgelöst hatte.

Meine Erfahrungen in der Meditationsgruppe sind immer völlig anders als die Erfahrungen, wenn ich alleine bin. Mir scheint, ich gelange in der Gruppe weniger tief in die Stille, es gibt weniger angenehme Erfahrungen und mehr unangenehme. Es kann natürlich sein, daß die Gruppe bei mir ein Aufsteigen von Gedanken/Gefühlen befördert, denen ich sonst vielleicht ausweiche. Aber heute dachte ich erstmals, daß es auch ein Zeichen dafür sein könnte, daß die Gruppe für mich gar nicht unterstützend wirkt, und daß ich alleine tatsächlich weiter gelange. Dennoch werde ich mich wohl auch zum Folgekurs anmelden, mein Eindruck könnte ja falsch sein.

Erst ein Hinweis der Kursleiterin machte mir bewußt, daß heute der erste Frühlingsvollmond ist, der Widder-Vollmond, nach dem sich ja auch Ostern ausrichtet. In spiritueller Hinsicht sei das der Zeitpunkt, vorher einen Rückblick auf das vergangene Jahr zu halten und den Samen für das kommende Jahr in die Erde zu bringen. Witzig, daß ich mich gestern im Zusammenhang mit meiner Entrümpelungsaktion sowohl mit einem Rückblick auf das vergangene Jahr als auch mit einem Ausblick auf das kommende Jahr befaßt habe. Das war anscheinend kein Zufall. Vielleicht wirkt sich das Loslassen von Ballast ja positiv auf mein kommendes Jahr aus. Ob es an der Vollmond-Energie lag, daß ich heute nicht arbeiten mochte?

Der Vollmond soll besonders geeignet sein, um den Geist zur Ruhe zu bringen (während Neumond gut geeignet sein soll, um tief innen zum Selbst zu finden). Na, bei mir ist heute eher Unruhe, aber das kann sich ja noch ändern.

Gestern hatte ich Einsamkeitsgefühle, die sich nach dem Ansehen einiger Satsang-Mitschnitte – die einen tiefen Frieden ausstrahlten – auflösten. Ich werde nachher noch etwas lesen, das bringt mich vielleicht zur Ruhe zurück. Falls das nicht wirkt, probiere ich es erneut mit www.jetzt-tv.net.

...

Wie frei oder unfrei bin ich? Wer entscheidet, ob ich arbeite oder nicht? Ich weiß es nicht. Aber von meinem Gefühl her war es vormittags stimmig, daß ich mir nach den vergangenen zwei guten Wochen eine kleine Pause gönnte und etwas für mich nützliches tat. Am Nachmittag war es aber nicht mehr stimmig, da hätte ich meine Aufmerksamkeit auf das keimende schlechte Gewissen lenken müssen.

...

Ja, vielleicht ist es das, was meine heutige Arbeitserfahrung mich lehren will: es kann im Einklang mit meinem Gewissen stehen, am Arbeitsplatz meinen "privaten" Interessen nachzugehen. Es kann aber genausogut im Widerspruch dazu stehen. Der erste Impuls heute morgen war freudig. Ich glaube, ich war da noch im Einklang mit mir selbst, auch wenn es bereits gegen die gesellschaftliche Moral verstieß. Wozu verpflichtet mich mein Arbeitsvertrag? Zu körperlicher Anwesenheit? Zu inhaltlich voller Konzentration? Zu 100% Arbeitsleistung, oder reichen auch 80%, wenn diese überdurchschnittlich sind? Geht es nur um das Ergebnis, unabhängig von der dafür aufgewandten Zeit? Als Arbeitnehmerin verkaufe ich meine Zeit und meine Kraft, aber was ich konkret zu leisten habe, ist eher diffus. Natürlich verstößt das Surfen im Internet gegen dienstliche Regeln. Trotzdem war es für mich stimmig, das heute zu tun.

Jedenfalls zunächst. Im Verlauf des Tages kippte es, ich hätte zur Arbeitsleistung übergehen müssen. Den Impuls dazu habe ich überhört, überfühlt und verdrängt. Das mache ich vermutlich oft: ich übergehe die Stimme des Gewissens. Ich mache mich selbst mundtot. Da fehlt es mir bisher offenbar an Achtsamkeit.

Wenn ich mehr Aufmerksamkeit auf das schlechte Gewissen gelenkt hätte, denn den Freiheitsgrad habe ich zumindest, hätte sich mutmaßlich auch mein Verhalten geändert. Die Lehre dieses Tages scheint mir zu sein: ich muß die ganze Zeit achtsam sein, um die Stimme des Gewissens nicht zu überhören. Ich habe mich einlullen und forttreiben lassen von der ablenkenden Wirkung des Lesens. Es gibt gewiß eine Rückkopplung von der Aufmerksamkeit zum Verhalten und zurück. Sonst wäre das Reden über einen freien Willen ja vollständig sinnlos, so ist es nur teilweise sinnlos. Meine Verantwortung ist: aufmerksam zu bleiben, bei mir selbst zu sein. Das ist mir heute nur teilweise gelungen. Ich reagiere teilweise schon auf den Impuls des Gewissens, aber ich bin träge, merke Veränderungen zu spät.

Ich spüre jetzt wieder inneren Frieden. :-) Vielleicht spricht das dafür, daß ich meine heutige Lektion gelernt habe.

Sonntag, 28. März 2010

Entrümpeln

Vielleicht muß man ein Ego-Muster, das einen lange begleitet, erst bis an den äußersten Punkt ausleben und ausspielen, bevor man umkehren kann. Das dachte ich heute, als ich mich mit dem Aussortieren von Papierstapeln befaßte.

Ich habe u.a. eine Kiste mit Quittungen von 2006 und früher weggeworfen. Es ist ja sinnvoll, bestimmte Quittungen aufzuheben für den Fall einer Reklamation oder eines Garantieschadens. Ich mache mir aber nie die Arbeit, das sorgfältig abzuheften, so daß ich die Quittungen im Bedarfsfall leicht zuordnen könnte. Das kommt einfach auf einen Stapel, zeitsparend, aber sehr platzraubend. Und dann vergesse ich diese Stapel, wiederum zeitsparend, aber energieraubend. Wenn ich so alte Dinge finde, fällt mir wenigstens jetzt die Entsorgung leicht.

Ich entsorgte beispielsweise auch alte Autowerkstatt- und Telefonrechnungen. Ich habe bisher kein System, wie lange ich so ein Zeug aufhebe, ich habe viele Belege seit 20 Jahren gesammelt. Da gibt es noch Berge, die abzuarbeiten sind.

Bei Ausdrucken von Artikeln aus dem Internet vom letzten Jahr konnte ich mich zur Entsorgung noch nicht entschließen, also habe ich diese erstmal etwas besser geordnet und verstaut. Einige ausgedruckte stark emotional gefärbte Emails aus dem letzten Jahr haben mich sofort zurück in die Vergangenheit gezogen. Erstaunlich, welche Macht das hat.

Das Ego freut sich anscheinend, wenn es sich an der Vergangenheit weiter festkrallen kann und hat diese gute Gelegenheit genutzt, um wieder einen depressiven Schleier über das JETZT zu ziehen. Ich beobachte das, habe aber noch nicht genug Distanz dazu. Vermutlich werde ich deswegen die Entrümpelung demnächst wieder auf die ganz alten Sachen konzentrieren, von denen ich mich heute leicht trennen kann. Mich bringt alles voran, was die Stapel reduziert.

Der relative Wohlstand, in dem ich lebe, und die relative Sicherheit, die ich genieße, haben es mir ermöglicht, z.B. diesen Sammeltrieb viele Jahre lang voll auszuleben – bis zur völligen Verstopfung meiner Wohnräume, bis total klar war, daß dies unglücklich macht. Es ist blockierte Lebensenergie, es wirkt lähmend. Selbst das Ego sieht das ein und muß jetzt lernen davon loszulassen. Wie schwer das fällt, konnte ich heute wieder spüren.

Mir hat es an diesem Wochenende sehr an Bewegung gefehlt. Schade, das hätte ich auch gebraucht. Aber das Entrümpeln hatte diesmal Priorität. Ich will versuchen, mein Gerümpel gesundzuschrumpfen und zukünftig gar nicht mehr so viel zu horten. Aber das ist gewiß ein langwieriger innerer Prozeß der Ablösung von alten Mustern.

Gut finde ich immerhin, daß ich jetzt anscheinend den Punkt der Umkehr überschritten habe. Nachdem sich der Arbeitsknoten anscheinend gelöst hat, bin ich gespannt, ob sich auch der Gerümpelknoten lösen läßt. Eine Lösung ist es ja nur, wenn sich nicht postwendend ein anderes Symptom für die gleiche "Krankheit" zeigt. Deshalb achte ich auch darauf, mich nicht zu überfordern. Ich schmeiße nur weg, was leichten Herzens losgelassen werden kann.

Im Herbst hatte ich schonmal ein paar Tage entrümpelt und war über meine Schmerzgrenze gegangen. Das muß nicht sein, ich möchte lieber sanft und schonend vorgehen.

Esoterik in der Kritik

Beim Entrümpeln habe ich einen Stapel Zeitschriften "Psychologie heute" aussortiert. Mir sprang dabei in der Ausgabe vom Juli 1997 (ja, so lange hat dieses Papier bei mir den Wohnraum verstopft) die Schlagzeile "Esoterik: Die Lehre der Selbstgerechten" ins Auge. Etwas amüsiert habe ich diesen Artikel gelesen. Wenn man neue Wege geht, ist es gut, sich auch mit Kritik auseinanderzusetzen.

Der Tenor dieses Artikels: Esoterik fördere rechtsextreme Denkweisen und weise faschistische Tendenzen auf, z.B. die Unterscheidung zwischen "besseren" (erleuchteten) und "schlechteren" (nicht erleuchteten) Menschen, das Führungsprinzip in spirituellen Gemeinschaften, Relativierung jeglicher Moral und Ethik. Die esoterische Aussage "Alles was ist, ist so, wie es ist, gut" sei eine Relativierung des Bösen in der Welt. Esoterik fördere die Gleichgültigkeit gegenüber menschlichem Leiden usw. usf.

Ich will mich gar nicht damit befassen, was an der Esoterik-Szene generell kritikwürdig ist oder nicht, da kenne ich mich auch gar nicht aus. Mich interessiert hier, warum ich heute auf diesen Artikel gestoßen bin, was er mir sagen will und in mir berührt.

Zuerst stellte ich sehr zufrieden fest, daß mich diese Kritik gar nicht anficht, da ich sofort sah, wie sie völlig fern von jedem Verstehen kommt, rein aus dem Kopf. Aber zum Schluß wurde ich doch etwas nachdenklich. Die Gefahr, sich zu verirren, ist wirklich sehr groß, wenn man dabei ist, das eigene Selbst- und Weltbild völlig auf den Kopf zu stellen.

Daß Esoterik Selbstgerechtigkeit fördere, trifft auf mich nicht (mehr) zu. Merkwürdigerweise wurde in dem ganzen Artikel überhaupt nicht erwähnt, daß es aus esoterischer Sicht kein Ego gibt, schon gar kein erleuchtetes Ego, da Erleuchtung ja gerade bedeutet, die Illusion eines separaten Ichs zu erkennen. Allzu tief kann der Kritiker ja nicht ins Thema eingedrungen sein, wenn ihm diese zentrale Aussage entgangen ist.

Mit der Faschismus-Keule kann man alles kaputtschlagen, was man nicht versteht. Dagegen hilft am besten, zur eigenen inneren Wahrheit zu finden und dabei immer die Möglichkeit des eigenen Irrtums in Betracht zu ziehen. Absolute Gewißheit gibt es nicht, solange ich Mensch bin.

Ich war Anfang dieses Jahres auch schon einmal an einem Punkt, wo ich tief in mir wußte, daß alles gut ist, so wie es ist. Das war zutiefst beglückend. Es steht natürlich im Widerspruch zu meinem normalen menschlichen Erleben, aber diese Einsicht kommt ja auch von einer ganz anderen Ebene. Bei mir führt sie nicht dazu, daß ich mich für etwas besseres halte, sie führt auch nicht zur Abstumpfung gegenüber dem Leid in der Welt (das war bei mir nur vor diesem Erlebnis ganz kurzzeitig so, als mir alles Weltgeschehen nur noch als Traum erschien, ohne jegliche Substanz). Im Gegenteil: sie öffnet mein Herz, zuweilen empfinde ich eine tiefe Liebe gegenüber allen Menschen.

Esoterik, so wie ich sie für mich wiederentdeckt habe, ist das, wonach ich zunächst unbewußt, dann immer bewußter gesucht habe. Es ist Heimkommen zu mir selbst und zu innerem Frieden. Die Akzeptanz dessen, was ist, was meine Wirklichkeit ist, hindert mich nicht daran, dort etwas zu ändern, wo ich etwas ändern kann, wo das Leben mir Energie gibt, um etwas zu ändern. Das Leben ist offensichtlich nicht so gedacht, daß alle Menschen, die zur Wahrheit finden, danach nur noch in Höhlen sitzen und meditieren. Für einige Menschen ist das deren innere Berufung, für die meisten nicht. Für letztere gibt es durchaus noch etwas zu tun, damit die Welt ein noch besserer Ort wird – obwohl sie schon perfekt ist. Das ist zwar paradox, aber das muß ich ja auch nicht verstehen. ;-)

Wer dem eigenen Selbst folgt, folgt ja gerade nicht einem Führer. Das ist doch eher antifaschistisch. :-) Schwierig ist es natürlich in den Phasen, wo man Führung braucht, weil der eigene Kontakt zum Selbst noch nicht gefestigt genug ist. Ich bin schon vielen verschiedenen Menschen gefolgt, jeweils auf einem Stück meines Wegs. Manchmal hatte ich einen direkten Kontakt zu diesen Menschen, meist handelte es sich um Bücher oder andere Texte, die mir den Weg wiesen. Es bleibt nicht aus, sich anderen Menschen anzuvertrauen, wenn man etwas neues herausfinden will. Die eigene Erfahrung und das eigene Urteilsvermögen aus der Tiefe des Herzens müssen dann entscheiden, ob der eingeschlagene Weg für mich der richtige ist oder nicht.

Letztlich geschieht ja sowieso das, was geschehen soll. Ich sehe das Thema "freier Willen" derzeit so: ich muß so handeln, als ob ich einen freien Willen hätte, und dabei bewußt halten, das letztlich immer das Leben handelt, nicht ich als Individuum.

Freitag, 26. März 2010

Gerümpel

Nach zwei erfolgreichen Arbeitswochen steht ein Wochenende an, das ich für Aufräumarbeiten im Haushalt reserviert habe. Das ist die nächste schwierige Aufgabe.

Ich bin sehr gespannt, ob ich unterdessen etwas leichter Krempel loslassen kann. Heute abend habe ich schonmal angefangen und festgestellt, das ich wie eh und je daran hafte. Ob Selbsterkenntnis hier weiterhelfen kann?

Ich kann nichts wegschmeißen, was in der Zukunft nochmal brauchbar sein könnte. Ich kann mich auch von nichts trennen, was mich (vor allem emotional) mit der Vergangenheit verbindet. Ich habe unglaublich viel Zeug, das ich JETZT überhaupt gar nicht brauche.

Ich ersticke im Gerümpel. Meine Bewegungsfreiheit in meinen eigenen vier Wänden wird ganz buchstäblich immer weiter eingeengt bis auf schmale Wege zwischen Bergen von Kisten, Papierstapeln und Vorräten.

Warum mache ich das? Es ist offensichtlich, daß hier das Ego eine Rolle spielt. Mein Ego haftet an der Vergangenheit, um sich seines eigenen Werts (und seiner eigenen Existenz) zu versichern, und es hortet Vorräte für die Zukunft aus Angst, später einmal Not zu leiden. Es ist ein Schutzpanzer des Egos.

Es war immer schon so, daß ich unglaublich viel gesammelt habe. Derzeit hat das Ego ja auch gute Argumente für Vorratshaltung, Krisenvorsorge ist angesichts des drohenden Zusammenbruchs des Papierschuldgeldsystems sehr wichtig. Meine Vorräte sind aber nicht gut sortiert, teils aus Platzmangel, teils aus Zeitmangel für deren Ordnung und teils aus mangelhafter Planung. Da gäbe es viel Verbesserungspotential, wenn ich mich zunächst von platzraubendem Vergangenheitskrempel befreien würde.

Einer meiner inneren Aufträge aus meiner Visionssuche im letzten Jahr war, mehr „nomadisch“ zu leben. Das war eine verschlüsselte Botschaft, die aber ganz eindeutig die Entrümpelung beinhaltete. Ich weiß ja nicht, was das Leben noch mit mir vorhat. Vielleicht muß ich irgendwann den Wohnort wechseln, das wäre derzeit völlig unvorstellbar.

Ich möchte diesen inneren Auftrag ernstnehmen. Im Herbst hatte ich mir schon einmal ein paar Tage Zeit dafür genommen. Einen Teil der damals entstandenen Ordnung konnte ich mir bis heute bewahren. Daran will ich anknüpfen.

Es gibt noch eine dritte Kategorie von Krempel in meinem Haushalt: neuwertige Haushaltsgegenstände, die ich selten oder nie benutze. Es ist auch möglich, Dinge wegzuwerfen und später zur Not neu zu beschaffen, wenn sie doch mal gebraucht werden. Sachen zu verkaufen oder an soziale Einrichtungen zu verschenken, ist mir zu mühsam, dafür nehme ich mir nicht die Zeit. Also bleibt nur wegwerfen, und das fällt bei neuwertigen Dingen eben schwer. Es wäre besser, so etwas gar nicht erst zu kaufen, das ist in den letzten Jahren auch besser geworden, ich gerate nicht mehr so schnell in einen sinnlosen Kaufrausch.

Es macht nicht glücklicher, viel zu haben. Nur Sein macht glücklich. Da, wo die Dinge die Lebensfreude unterstützen, ist es ja ok. Bei mir ist dieser Punkt schon lange überschritten. Es hat auch etwas mit Selbstwertschätzung zu tun, womit ich mich umgebe. Auch kaputte und häßliche Dinge hebe ich auf. Das ist falsch verstandene Sparsamkeit. Zum Teil habe ich das geerbt, von meinen Vorfahren, die schlimme Krisen und Kriege erlebt haben und in Armut aufgewachsen sind. Und möglicherweise komme solche Zeiten ja wieder. Es muß aber möglich sein, ganz nüchtern zu betrachten, was mir im Krisenfall wirklich nützen kann und was nicht.

Ich mache morgen einen Start, mal sehen, wie weit ich komme. Ich will versuchen, dabei gut bei mir selbst zu sein, dem Verstand nicht so viel Raum für seine Einwände geben, dann sollte es leichter gehen.

Stille

Es ist so klar jetzt, daß das, was ich am meisten gesucht habe in meinem Leben, diese grundlose innere Zufriedenheit ist – dieser Frieden mit mir selbst.

Es vergeht seit Wochen kein Tag mehr, an dem ich nicht zumindest kurz in dieser friedvollen Stille bin. An der Oberfläche ist dabei nicht immer Glück, manchmal ist da immer noch viel Schmerz, aber dann spüre ich dennoch darunter Frieden. Das ist so wundervoll.

Die Unruhe kommt dennoch auch immer wieder auf, es ist immer selbstgemachter Streß vom Gehirn, das kann ich beobachten. Selten, daß der Verstand auch mal zufrieden ist. Und der Verstand flieht auch weiterhin gerne den Moment, das Jetzt, weil er dann nichts mehr zu sagen hat. Aber ich setze mich immer wieder durch und gehe ins Jetzt, mal kürzer, mal länger.

Heute beim Tanzen wurde der Abend für mich gestaltet, das war sehr intensiv, ich hatte dem Kursleiter zuvor einige Stichworte zu meiner aktuellen Situation genannt. Im ersten Teil des Abends ging es um Anspannung, einen starken Willen und das im Ego-Gefängnis eingesperrte Herz. Im Mittelteil ging es um Leere, um Stille. Dann um Kontakt, um Fließen und das Öffnen des Herzens.

Eine Übung fand ich besonders herausfordernd. Jeder stand mit geschlossenen Augen wie eingefroren an seinem Platz, nur einer durfte sich umschauen und frei bewegen. Dieser berührte dann nach einiger Zeit einen der anderen, erfror selber in der Bewegung und der andere war nun frei. Ich empfand beim längeren Warten auf die "Erlösung" eine Mischung aus Ruhen in mir selbst und unruhiger Erwartung. Mir gingen dabei auch einige Gedanken durch den Kopf, vor allem dieser: die Erlösung kommt wie eine Gnade von außen oder auch nicht. Ich kann dafür gar nichts tun, und ich weiß auch nicht, wann es mich trifft. Ich konnte ja nicht sehen, was im Raum passiert, aber ich konnte manchmal Geräusche hören und die Vibrationen des Bodens oder die Bewegung der Luft spüren, wenn jemand nahe an mir vorbeitanzte. Das fand ich sehr spannend. Ich wurde auch zweimal erlöst und fühlte mich dann sehr frei zwischen den anderen.

Die stille Mittelphase war tatsächlich am schönsten, da habe ich mich frei gefühlt. Ich empfinde Leere nicht mehr als bedrohlich, sondern als angenehm, friedlich, sanft. Der ganze Abend war für mich fließend, harmonisch, stimmig. Und auch die Gruppenenergie war dicht.

Interessant war der Hinweis, daß das eingesperrte Herz wie im Gitterbett, im Laufstall ist. Das paßt zu etwas, das ich heute bei Hermann R. Lehner gelesen habe: das Ego bildet ein zentrales Muster ("Master-Konzept") etwa um das 5. oder 6. Lebensjahr herum. Zuvor ist das Bewußtsein noch frei, danach ist es gebunden. Und bei vielen Menschen soll das ein einzelnes traumatisches Erlebnis sein, das diese primäre Bindung bewirkt (das ist natürlich auch wieder ein Konzept, das nicht zutreffen muß, und laut Enneagramm gibt es im Widerspruch hierzu eine Bindung, mit der man schon auf die Welt kommt).

Bei mir könnte das die Krankenhauserfahrung rund um meinen 4. Geburtstag gewesen sein, meine vermutlich früheste Erinnerung, darauf stoße ich immer mal wieder: ich wachte alleine und verlassen und ans Bett gefesselt auf, mit einem dicken Verband auf dem Bauch, wo ich an Nabelbruch operiert worden war. Ich war völlig hilflos und hatte Todesangst, und ich habe damals vermutlich meinen Körper erstmals verlassen, denn in meinen Erinnerungsbildern sehe ich mich immer von oben.

"Gelernt" habe ich damals: mit mir stimmt irgendwas nicht, ich darf nicht so sein, wie ich bin, irgendwas an mir ist ganz furchtbar falsch. Das hat mich zeitlebens mit tiefen Schamgefühlen erfüllt. Weil diese Erfahrung so früh in meinem Leben war, kann ich mich nicht mehr daran erinnern, wie es mir vorher ging. Ich kann mich nicht an innere Freiheit in früher Kindheit erinnern, es gab immer diese Schamgefühle und diese Enge. Etwas in mir war trotzdem auch frei bzw. suchte die Freiheit, schon als Schulkind habe ich mich gerne alleine in die Natur zurückgezogen. Vielleicht hat mich die außerkörperliche Erfahrung während dieses traumatischen Krankenhausaufenthalts "gerettet".

Das eingesperrte Herz, das ich als Vorlage für den heutigen Tanzabend gezeichnet hatte, spiegelt genau diese Episode. Ich habe mir dieses Erlebnis so oft zurück in Erinnerung gerufen, aber ich werde nochmal richtig tief reingehen und diese Hilflosigkeit, das Verlassensein und den Schmerz tief fühlen – ich verschiebe es aber, da es heute schon so spät ist.

Eien andere Rückmeldung war auch sehr interessant: demnach zeige ich einen sehr starken Willen, nicht nur in meiner Vergangenheit mit Leistungsstreben, sondern auch aktuell auf meinem spirituellen Weg. Letzteres war mir nicht so bewußt, aber es stimmt ganz offensichtlich: ich WILL unbedingt die Erleuchtung! ;-) Das ist mir wichtiger als alles andere, seit ich im letzten Herbst erstmals näher auf diesen Begriff stieß.

Das beste daran: ich bin ja schon da! Nicht das Ego, aber das, was ich wirklich bin. Das Ego wird aufgelöst im wundervollen inneren Frieden. Das gelingt mir immer wieder. Nach meinem Eindruck geht es bei mir nur noch um eine fortlaufende Vertiefung der Erfahrung. Das wird gewiß die Zeit einfach mit sich bringen.

Die Ängste und Selbstzweifel habe ich anscheinend hinter mir gelassen. Ich habe auch nicht mehr die Sorge, daß ich mir nur etwas vormache. Es geht mir gut und ich bin richtig so, wie ich bin. Um nicht mißverstanden zu werden: eine tiefgreifende spirituelle Erleuchtungserfahrung hatte ich bisher nicht, aber das, was einige Autoren mit "Erwachen" bezeichnen, ist mir nicht mehr fremd. Und das ist ja auch nichts besonderes, nur das, was jeder von seinen stillen Momenten kennt. Ich mußte ja nur lernen, die vertraute Erfahrung mit diesen neuen hochtrabenden Worten in Verbindung zu bringen – und eine gewisse Vertiefung der Erfahrung erleben.

Es geht mir wunderbar gut. :-) Ich bin wieder arbeitsfähig, ich habe erfreuliche zwischenmenschliche Kontakte, und ich finde nahezu jederzeit zu mir selbst, wenn es mir einfällt und ich es wirklich will.

Dienstag, 23. März 2010

ein guter Tag

Heute war ein guter Tag. Eine Gelegenheit, um danke zu sagen. Danke, lieber Gott! Danke, liebes Leben. Ich danke mir selbst. ;-)

Auch in diese Arbeitswoche bin ich gut gestartet. Der Knoten meiner monatelangen partiellen Arbeitsunfähigkeit scheint sich tatsächlich gelöst zu haben. Ich mache jetzt sogar Überstunden, um dringende Terminarbeiten voranzutreiben – und das macht mir sogar Freude. Ich frage mich, wo die ganze Arbeitslust auf einmal herkommt. Vermutlich war sie vorher schon da, aber vom Ego zugedeckt. Oder es lag daran, daß dem Selbst andere Dinge wichtiger waren. Ich weiß es nicht, und ich brauche es auch nicht zu wissen. Lieber unwissend und glücklich als vermeintlich wissend und leidend.

Mir gelang es heute sehr gut, nach dem langen Arbeitstag abzuschalten und auf der Rückfahrt nah bei mir selbst zu sein. Ich bin heute glücklich.

Körperlich hat sich bei mir allerdings noch nichts gelöst. Ich ließ mir heute den Rücken massieren, da gibt es kaum schmerzfreie Stellen. Am stärksten betroffen sind weiterhin die Schultern, die sind total verkrampft. Da lastet immer noch ein zu schweres Gepäck auf mir. Zu viel Ballast trage ich mit mir herum. Vielleicht wird das das nächste zu bearbeitende Feld sein, ich bin gespannt, was das Leben mit mir vorhat.