Samstag, 29. Dezember 2012

wie ein Laubgrab

Anders als beim Laufen muß ich auf den nächsten Durchbruch beim Liegestütztraining wohl noch warten. Da geht seit einiger Zeit scheinbar nichts voran. Und so war der Wochenabschluß eher verhalten. Am meisten Spaß machen mir meine Extra-Aktionen. Gestern habe ich mich beim Bad im Fluß bis zur Hüfte hineingetraut. Im Fernsehen zeigen sie jetzt öfter Bilder von Badenden bei knackigem Frost – also scheint es doch menschenmöglich zu sein. Ich will das auch lernen, um den natürlichen Elementen noch näherzukommen. Danach hatte ich ein tolles Körpergefühl. Heute habe ich zwei Stunden an meinem Biwak weitergebaut. Ich muß da wohl so oft übernachten, bis ich keine Angst mehr dabei empfinde. Das Laubbett im Inneren habe ich tiefer ausgehöhlt, damit ich mich unter der Abdeckung im Schlaf umdrehen kann. Es wird dadurch allerdings weniger warm dort sein, denn es gibt nun mehr Luftraum, der sich nur durch meinen Körper erwärmen muß. Meinen Eingangsdeckel aus Weidenzweigen habe ich etwas verstärkt und ein Stück einer alten Schilfmatte aus dem Gartenbedarf daraufgebunden. Diese verhindert, daß die Laubabdeckung hindurchfällt, und ich kann hier auf Plastiktüten nun verzichten. Allerdings liegt der Deckel nun nicht mehr so paßgenau auf, es gibt größere Spalten, durch welche die kalte Nachtluft ziehen wird. Ich habe mich nochmal reingelegt – es kostet Überwindung, selbst bei offenem Eingang und taghellem Himmel über mir. Die Tür kann ich jetzt mit zwei Astgabeln aufstützen, das habe ich nun auch mal von innen getestet. Wenn das gut klappt, werde ich weniger panisch sein, wenn ich dann nachts den Deckel schließe. Allerdings bin ich nicht ganz sicher, ob es der richtige Weg ist, die Unbequemlichkeiten und Angstauslöser zu reduzieren. Schließlich will ich mich erneut meiner Platzangst stellen – aber auch die Verbindung mit Mutter Erde suchen. Als ich knieend mit dem Tarnen des Eingangs beschäftigt war, kamen zwei Kinder auf Pferden vorbei – der Reitweg verläuft in nur etwa 20m Luftlinie, das ist sehr nah. Eines der Pferde scheute – wohl meinetwegen – und die Kinder wurden auf mich aufmerksam. In meiner schrillen Regenkleidung konnte ich mich auch nicht verbergen. Ein Mädchen fragte mich, ob es mir gutgehe, oder ob ich Hilfe brauche. Uff. Sehr aufmerksam. Und das von einem Kind! Ich verneinte, und sie ritten weiter. Nun wurde ich also doch direkt an meinem Biwakloch überrascht, das hatte ich vermeiden wollen. Mir ist so wichtig, daß ich dort unentdeckt und ungestört bleiben kann. Nicht, daß Neugierige die Stelle untersuchen und evt. etwas zu meinen Ungunsten verändern. Einem aufmerksamen Spaziergänger wird der merkwürdige kreisrunde Laubkreis ins Auge fallen, auch wenn ich andere Spuren zu vermeiden suche. Die Traurigkeit hielt an, auch als ich kurz darauf nach Hause fuhr. Ich forschte nach und kam darauf, daß es zum einen daran liegt, daß ich mich nicht mehr verstecken möchte. Ich möchte gerne offen zeigen und ausleben, wer und wie ich bin. Schließlich habe ich mich lange genug an die Gesellschaft angepaßt. Nur bei meinem Biwak konnte ich nicht ehrlich sagen, was ich da tue. Es machte mich traurig, daß ich es verheimlichen muß. Die Traurigkeit rührte aber auch noch von etwas anderem. Als ich einmal kurz die Augen schloß, sah ich meinen schon lange verstorbenen Großvater vor mir – und dann auch meine Lieblingstante, die ebenfalls schon lange tot ist. Also doch: dieses Laubgrab im Wald weckt Gedanken und Gefühle, die mit dem Tod zu tun haben. Ja, unter anderem geht es mir ja auch darum, mich dort wie lebendig begraben zu fühlen. Es scheint für mich und meine weitere Entwicklung sehr wichtig zu sein, denn es kehrt schon seit Jahren immer wieder in inneren Bildern zu mir zurück. Gerade habe ich die Idee, daß ich über die Nacht im Laubgrab vielleicht eine bessere Verbindung zu meinen Ahnen herstellen kann. Das wäre ein sehr lohnendes Ziel. Ich will es auch so schnell wie möglich realisieren.

Donnerstag, 27. Dezember 2012

Euphorie über 7 km

Heute war ich euphorisch beim Laufen. Ich startete bei wunderbarem Sonnenschein und milden 6-8°C, und ich endete bei ebenso wunderbarem Starkregen. Nur wegen meines schwer zu trocknenden Wollpullovers, den ich beim Laufen immer trage, war ich dankbar für die Regenjacke, die ich angesichts ungewisser Wetterlage angezogen hatte. Beim nächsten Mal würde ich mich gerne naßregnen lassen. Denn ich sehne mich so sehr nach einem intensiven Kontakt zu den Elementen, und was tut schon ein wenig Wasser auf der Haut? Heute hatte ich erst zum zweiten Mal die herausfordernde Strecke von 7 km auf meinem Trainingsplan. Aber das reichte mir nicht, ich mußte noch was draufsetzen. Vor zwei Tagen war ich schon mit Begeisterung durch Pfützen gelaufen und hatte dabei festgestellt, daß meine Schuhe dichthalten, solange kein Wasser oben reinläuft. Als ich heute eine Schlammpfütze falsch einschätzte – sie war doch mehr als knöcheltief – dachte ich, daß es nun auch egal sei. Und ich lief ein paar Dutzend Meter über den völlig aufgeweichten Reitweg. YEAH! Wasser in beiden Schuhen, mal sehen, wie es sich damit läuft. Sieh zu, wie Du klarkommst. Da hatte ich die halbe Strecke noch vor mir. Erst waren die Füße kalt, aber nicht lange. Dann waren sie naß und warm, und es war eigentlich egal. Meine Begeisterung steigerte sich noch und ich fing an, laut zu juchzen. Und alle entgegenkommenden dick eingepackten und beschirmten Spaziergänger strahlte ich an, so daß einige doch zurücklächeln mußten. Es war TOLL! Am Auto angekommen, hatte sich der Parkplatz völlig geleert, alle waren vor dem starken Regen geflohen. Ich nicht. Ich ging noch zum Waldspielplatz und testete die Reckstangen. Baldmöglichst will ich ein Klimmzugtraining beginnen. Erst wenn ich Klimmzüge beherrsche, traue ich mir zu, wieder wie als Kind auf Bäume zu klettern. Und danach sehne ich mich sehr, das ist ein emotional stark besetztes Ziel, das ich erreichen möchte. Derzeit bin ich noch so schwach, daß ich mich kaum halten kann, wenn ich mit vollem Gewicht an einer Reckstange hänge. Aber das wird sich ändern.

Montag, 24. Dezember 2012

wie obdachlos vor Weihnachten

So langsam durchschaue ich das Muster meiner Erfahrung in diesem Trainingsprogramm: in den Wochen, in denen ich die Laufstrecken steigern muß, geht es mir oft erstaunlich gut und ich bewältige die Erweiterung gut. In der Woche danach, wenn einfach das gleiche Programm nochmal wiederholt werden muß, breche ich ein – körperlich und psychisch. Gestern war ich auf einem Glücksgipfel – heute bin ich im Tal. Es ist kein tiefer Abgrund, aber schon ein Tal. Es war schwer, mich heute an Heilig Abend zu motivieren, erst den Workout im Wohnzimmer und dann das Laufen im Wald anzugehen. Ich stand später auf als sonst, um diesmal bei Tageslicht laufen zu können, falls es noch Glatteis im Wald gibt. Und tatsächlich war es auf den Waldwegen noch nicht ganz weggetaut, was das Laufen erschwerte (aber kenne ich ja schon). Nur 3 km heute, das sollte leichtfallen. Aber ich war gewappnet, und das zurecht. Es fiel mir erstaunlich schwer. Trotzdem habe ich mein Tempo steigern können und nur 22 Minuten gebraucht (bisher meist um die 24 Minuten). Danach ging ich nochmal zu meinem Loch im Waldboden. Es war mit einer Eiskruste bedeckt. Ich konnte kaum den Deckel anheben und sah nicht viel. Da habe ich wirklich eine Nacht verbracht? Ich weiß ja nun, daß ich da nochmal rein muß, es wird auch bei der Wiederholung kein Kinderspiel sein. Es wäre ja schön, wenn das Laub im Innern mal abtrocknen würde, aber dann müßte ich ständig in der Nähe sein, den Deckel bei trockenem Wetter abdecken und bei nassem Wetter wieder schließen. In der nächsten Zeit ist sowieso viel Regen angesagt, also wird da wohl nichts trocknen. Stattdessen werde ich mir Gedanken über neues trockeneres Isolationsmaterial machen, z.B. trockenes Gras oder vielleicht Schilf. Vielleicht kann ich daraus eine Art Matte weben, als Unterlage und Schutz vor der Feuchtigkeit. Außerdem brauche ich einen Eingang, den ich nicht ständig hochstemmen muß, während ich herein- oder herauskrieche. Am schnellsten zu realisieren wäre wohl, wenn ich mein Weidengerüst etwas verstärke und dann einige Astgabeln bereitlege, mit denen ich es bei Bedarf aufstützen kann. Es müßte so sein, daß ich es auch von innen absenken oder an einer Seite aufstützen kann. Das hätte den Vorteil, daß ich die Tarnung während meiner Abwesenheit und auch Anwesenheit aufrechterhalten kann. Die Abdeckung auf der Tür müßte ich dann befestigen, derzeit liegen da einige Plastiktüten und loses Laub. Stattdessen könnte ich dünne Zweige und Moos darauflegen, darüber dann wieder Laub und als Befestigung nochmal ein Weidengerüst – statt Weiden könnte ich auch die jungen Traubenkirschentriebe nehmen, die dort zwischen den Kiefern überall wachsen. Sie stehen sowieso viel zu dicht und sind im Wald auch nicht so gerne gesehen, weil sie überhand nehmen. So könnte es gehen. Mit diesen Überlegungen fühle ich mich doch gleich wieder besser im Jammertal. Ich verstehe so langsam, daß die Täler die notwendige Vorbereitung für den nächsten Gipfel sind. Lange Zeit habe ich geglaubt und gehofft, daß ich irgendwann durch die ganze Selbsterkenntnis einen Punkt erreiche, an dem es nur noch Glück oder zumindest Zufriedenheit gibt. Aber das ist eine Illusion des Egos. Der Preis für die Aufgabe der bequemen Langeweile ist mehr Intensität des Erlebens – in beide Richtungen. Mehr Glück, aber auch mehr Schmerz, Enttäuschung, Leiden. Ich lege jetzt die Grundlage für die nächste herausragende Erfahrung. Beim Training genauso wie bei meinen Wildnisaktionen. An Tagen wie heute ist es gut, etwas der Seele Schmeichelndes zu tun. Ich habe trotz Zeitnot vorhin ein Bad genommen (provisorisch in einem Kinderplanschbecken, denn eine Badewanne habe ich leider nicht), das hat mir sehr gutgetan. Ach ja, und in den letzten beiden Nächten habe ich wahnsinnig mein Bett genossen: trocken, warm, weich, wohlig, bequem. Absoluter Luxus! Ich bin sehr dankbar dafür. Es gibt genug Menschen auf der Welt, die nachts nicht in einem Bett schlafen können. Ach ja, war da nicht was mit der Weihnachtsgeschichte? Komisch, daß mir das jetzt erst auffällt. Während der Vorbereitung hatte ich mal daran gedacht, aber im Streß der Erfahrung nicht mehr: in gewisser Weise habe ich mich mit meiner Biwakübernachtung mit den Obdachlosen dieser Welt solidarisiert - ist natürlich was anderes, wenn man das freiwillig und nur für eine Nacht macht. Ich habe Hochachtung vor den Menschen, die das ganze Jahr draußen schlafen. Das ist nicht leicht! Das war nun meine persönliche Krippengeschichte. Das Kind, das noch nicht ganz geboren ist, ist ein weiterer innerer Anteil von mir, der sich entfalten will, wenn die alte Struktur zerbrochen ist. Mir scheint, ich liege noch in den Wehen, das Kind kommt verspätet - ich muß erst nochmal ins Biwakloch. Aber ein wenig darf ich heute doch schon Weihnachten feiern, denn ich kann sehr zufrieden sein mit meinen bisherigen Leistungen im Training und drumherum. Ich habe viel verändert in meinem Alltagsleben, das ist auch mein Beitrag zum Aufstieg von Mutter Erde in die 5. Dimension.

Sonntag, 23. Dezember 2012

Glücksgefühle

Dieses Wahnsinnstraining führt mich in Abgründe und auf Gipfel. Heute ist ein Gipfelgefühl dran. Ich bin so glücklich, ich fühle mich toll! Und ich habe unglaublich viel Energie, um liegengebliebene Weihnachtsvorbereitungen zu erledigen. Energie, lange und ausdauernd auch weniger beliebte Arbeiten zu erledigen, ist jetzt da. Und dabei fühle ich mich auch noch so gut. Ich bin fröhlich und gutgelaunt und voller Optimismus. Früher war ich auch so, daß ich immer aktiv war, auch z.B. nach einem langen Arbeitstag. Das war mir in den letzten Jahren völlig verlorengegangen, und ich habe geglaubt, das sei unabänderlich und liege wohl am Älterwerden. Was für ein Schwachsinn. Es lag einfach nur an meiner Bequemlichkeit. Aber ich wußte es nicht. Ich wußte einfach nicht, was für einen Unterschied es macht, wenn ich körperlich aktiv bin. Für mich ist jetzt wirklich Weihnachten. In diesem Jahr habe ich mich schon vorab selbst beschenkt, indem ich durchgehalten habe auch an schweren Trainingstagen. Und dieses Biwakerlebnis war natürlich der Höhepunkt. Seit heute weiß ich, daß ich nicht das letzte Mal in diesem Loch im Wald geschlafen habe. Ich werde das Erlebnis baldmöglichst vertiefen. Ich will die Platzangst abbauen. Dazu muß ich tiefer reinkriechen, es mir noch ein wenig enger machen, und dabei aber gleichzeitig mein Bett besser auspolstern, so daß ich ohne Schlafsack auskomme. Ich denke, ich werde meine Schlafkuhle ein wenig vertiefen, so daß ich mich dort auf die Seite legen kann – aber nur genau so viel. Und an den Seiten bräuchte ich einen Halt für das Laub, damit das nicht ständig nachrutscht. Und ich will an der Tür etwas verändern, die Konstruktion ist zu heikel, es hat auch schon geknirscht und ist bruchgefährdet. Eine senkrechte Tür wäre besser als den Eingang immer durch den waagerechten Deckel nehmen zu müssen. Allerdings ist das dann nicht mehr so gut getarnt. Vielleicht kann ich den Deckel einfach schräg aufrichten und abstützen. Und vorne müßte dann eine neue Türkonstruktion davorgestellt werden. Ich bräuchte mehr Material zum Abdecken. An den stillen Tagen werde ich Zeit haben, über Verbesserungen nachzudenken. Und dann werde ich im neuen Jahr wieder dort schlafen – bei möglichst noch verschärften Wetterbedingungen. Denn nur Steigerungen des schon Vertrauten bringen mich weiter. Mehr Grenzerfahrung, mehr Grenzerweiterung. Jetzt bin ich wieder voll in meiner Komfortzone. Aber sie ist so viel umfassender geworden als vor einigen Wochen. Und jetzt suche ich die nächsten Erlebnisse, die mich rauswerfen ins Unbekannte. Das macht Spaß!

Samstag, 22. Dezember 2012

Winterbiwak überlebt!

So, ich habe überlebt! Bei leichten Minusgraden in einem feucht-kalten laubgefüllten Erdloch! Als ich mich um 6:30 Uhr aus dem Loch pellte, hatte gerade leichter Schneefall eingesetzt. Ganz schön, dieser Moment im noch dunklen Wald. Aber vorher bin ich wirklich an meine Grenzen geraten. Als ich abends den Deckel über mir fallen ließ, hatte ich eine Panik-Attacke: Atemnot und Herzschlag bis zum Hals. Hilfe, ich ersticke. Sofort habe ich mich konzentriert und versucht, mich zu beruhigen, indem ich bewußt ruhig atmete und mir gut zuredete. Die Panik wich, aber die Angst blieb – über Stunden war die Angst präsent. Das Licht meiner Stirnlampe war mir in der kritischen Anfangszeit eine große Hilfe. Ohne das Licht, das mir Halt gab und die Situation im engen Loch überschaubar machte, hätte ich es vielleicht nicht ausgehalten. Ich wußte nicht, daß Platzangst so ein großes Problem von mir ist. Meinen Körper in einen engen Spalt zu bewegen, verursacht große Angst. Ich war sehr dankbar, daß ich über dem Oberkörper und dem Kopf mehr Raum hatte. Ich konnte den Deckel von unten sehen, das Weidengeflecht mit Plastiktüten abgedeckt und darüber Laub, etwa 40 cm über mir. Trotz dieses relativ großen Luftraums blieb die Angst, daß die Luft knapp werden könnte. Mein Verstand malte sich aus, wie es wäre, wenn eine größere Schneeschicht über Nacht mein Loch bedecken würde – ob es dann Sauerstoffmangel geben könnte. Vielleicht wäre das bei einer geschlossenen Schneedecke auch tatsächlich so, ich habe da zu wenig Kenntnisse. Ich mußte halt darauf vertrauen, daß es nicht stark schneien wird. Zwischenzeitlich hatte ich auch Sorge, daß der stark harzhaltige Geruch von Fichtenzweigen, die einen Teil der Abdeckung ausmachten, mich beeinträchtigen würden. Schließlich reagiere ich allergisch auf Harz. Kann ich davon ohnmächtig werden? Was der Verstand alles für ein Zeug ausbrüten kann... Ich spürte zuweilen einen kalten Luftzug. Der machte mich froh, denn so wußte ich, daß es doch Frischluftzufuhr gibt. Ich entschied mich auch bewußt, den Deckel nicht von innen noch mit Laub abzudichten. Lieber kalt als atemlos. Und so wurde es auch sehr lange nicht warm in meinem Laubiglu. Ich hatte mich zwar sehr warm angezogen (das war eine gute Entscheidung), aber dort, wo der Körper auf dem Biwaksack auflag, war es kalt. Der leichte Deckenschlafsack, den ich als Kompromiß gewählt hatte (wenn es schon ganz ohne Schlafsack nicht geht), war oben schon klitschnaß, als ich in das Loch kletterte. Es tropfte wohl von oben, zudem kam Tauwasser dazu. Die Beine konnte ich in diese feuchte Decke einwickeln, aber der Oberkörper ragte heraus. Gut, daß meine Kleidung im Prinzip warm genug war, um die Nacht auch ohne Decke zu überstehen. Zu Beginn fiel es mir schwer, eine bequeme Position zu finden. Wenn ich mich auf die Seite drehte (meine übliche Schlafposition), paßte mein oberer Arm nicht mehr unter die Abdeckung, es war zu eng. Ich konnte mich auch nur schwer umdrehen. Letztlich ging es dann, weil ich mit dem Oberkörper unter dem Eingang liegen blieb, anstatt weiter hineinzukriechen. Um 22:00 Uhr war ich in dem Loch verschwunden, um 1 Uhr nachts mußte ich raus, weil meine Blase drückte. Da dann an Schlafen nicht zu denken ist, pellte ich mich unwillig aus dem Loch heraus. Das reduzierte aber in der Folge meine Angst, denn ich hatte nun nochmal feststellen können, daß ich mich wieder befreien kann (den Deckel der gewagten Weidenkonstruktion auf den Schultern hochgestemmt und dann darunter hervorkriechend). Es war sehr kalt draußen, so daß ich nun doch dankbar war für die wohl einige Grad wärmeren Temperaturen in meinem Loch. Danach konnte ich besser schlafen, auch wenn ich zwischendurch immer wieder aufwachte. In den Morgenstunden endlich war mir warm, es war doch auch warm unter dem Körper geworden. Ob der Biwaksack hier eine entscheidende Rolle gespielt hat, oder ob mir auch direkt auf dem feucht-kalten Laub letztlich warm geworden wäre, kann ich nun nicht sagen. Jedenfalls war ich sehr froh und dankbar über diese Wärme. Ich fühlte mich nun doch endlich ganz wohl dort, es war fast gemütlich. Nur Füße und Hände waren kalt - die Hände wegen der völlig durchweichten ungeeigneten Fleece-Handschuhe, die Füße vielleicht wegen des ungewohnten Schlafens in Schuhen und damit Unbeweglichkeit der Füße. Ich glaube, ich habe noch nie zuvor mit Schuhen eine Nacht geschlafen. Ich bin wirklich sehr mutig, daß ich mich schon im Vorfeld und dann noch in der Erfahrung selbst diesen ganzen Ängsten gestellt habe. Das war eine sehr harte Prüfung. Jetzt bräuchte ich mal ein paar Tage Schonung für meine Hände – sie sind total rauh und rissig mit vielen kleinen Wunden – von der vielen Arbeit in feucht-kalter Umgebung. Was leider nicht möglich war von dem, was ich mir vorher vorgestellt hatte: ich konnte nicht in einen tiefen Meditationszustand gelangen und auch nicht in ein Gefühl der Verbindung mit der Erde. Die sehr präsente Angst verhinderte dies. Ich war zu sehr mit dem physischen und psychischen Überleben beschäftigt, um meinen Geist entspannen und wegtreten lassen zu können. Für tiefe Meditationserfahrungen brauche ich offenbar einen geschützten Raum, in dem ich mich wohl und sicher fühle. Bis so ein Erdloch zu meinem sicheren Zuhause wird, muß ich wohl noch ein wenig üben. :-)

Freitag, 21. Dezember 2012

ANGST

Es baut sich Angst in mir auf. Es ist ziemlich kalt und windig draußen. Und es wird immer dunkler. Wie werde ich wohl morgen den Sonnenaufgang erleben? Ich hätte gerne ein Biwak gebaut, das warm und trocken ist, um mich ganz auf die mir wichtigste Erfahrung konzentrieren zu können – unter der Erde zu liegen, wie in einem Grab, und zu verschmelzen mit der Erde. Jetzt habe ich mir klargemacht, daß es keinen Sinn hat, an diesem Wunsch festhalten zu wollen. Ich stelle mich besser darauf ein, daß es feucht und kalt wird – dann leide ich hoffentlich nicht so. Das hier ist eine Survivalübung. Es geht ums Überleben. Alles andere ist nachrangig. Ich werde mich warm anziehen. Aber auch da will ich nicht übertreiben. Wie wahrscheinlich wäre es wohl in einer echten Survivalsituation, 5 Schichten warme Kleidung am Körper zu tragen? Ich bin gut darin, mich zwar einer schwierigen Situation zu stellen, aber noch jede Menge Rückfalloptionen vorzusehen. An Wildniswochenenden habe ich immer das Auto voller Gepäck dabei – für alle Fälle. Heute abend will ich das Auto etwas weiter weg parken, damit es nachts nicht so auffällt. Und ich muß nochmal in mich gehen, was ich noch als Notreserve mit ins Erdloch nehme, und auf was ich verzichte. Brauche ich z.B. eine zweite Taschenlampe, falls die Batterien schwächeln oder sie mir im Laub verlorengeht? Wie wahrscheinlich wäre es, überhaupt eine Taschenlampe dabei zu haben im echten Notfall? Nehme ich noch einen zweiten, wärmeren Schlafsack mit? Ich könnte damit zumindest den Kopfbereich etwas auspolstern. Und zur Not, wenn ich stark friere, könnte ich auch reinkriechen. Aber will ich das? Tja, ich gehe hier in eine mir unbekannte Situation. Ich weiß nicht so genau, was mich erwartet, obwohl mein Verstand seit Wochen alle Szenarien durchspielt, die er sich vorstellen kann. Diese Angst ist ein gutes Gefühl. Sie bringt mich ganz zu mir selbst. Dann ist es kein Spiel mehr, sondern eine echte Erfahrung. Ein paar Stunden der Vorbereitung bleiben mir noch.

nochmal Biwakvorbereitungen

Angeblich soll es in der nächsten Nacht wieder Frost geben, und dann gleich bis –7°C. Ich will mal hoffen, daß das eine Fehlinformation ist. Weckt in mir gleich die nächste Angst: mein Biwakdeckel könnte über Nacht anfrieren (aber das ist wohl unwahrscheinlich, nur eine irrationale Angst). Heute habe ich nach dem Laufen mein Biwak für die Nacht hergerichtet. Ich habe eine Kuhle ausgehöhlt, so daß ich dort Platz nach oben habe, um mich gerade so auf die Seite drehen zu können. Das Laub, das ich seitlich aufgeschichtet habe, rutscht allerdings leicht ab. Ich werde nicht davon getrennt sein, und das will ich ja auch gar nicht. In die Kuhle habe ich einen regendichten Biwaksack gelegt – der soll die Feuchtigkeit von unten von meinem Körper abhalten. Und da die Isolation bei den niedrigen Temperaturen nicht ausreichen wird, habe ich dann noch einen Sommer-Deckenschlafsack ausgebreitet und bereitgelegt. Damit werde ich mich zudecken. So bin ich noch halbwegs beweglich und kann mich vielleicht noch mit Laub etwas auspolstern. Lieber hätte ich ganz im Laub gelegen, aber das muß ich dann wohl mal in einer anderen Jahreszeit und mit einer richtigen Biwakkonstruktion nachholen. Von oben ist die Konstruktion feucht, ein wenig wie in einer Tropfsteinhöhle. Es riecht stark harzig von Fichtenzweigen, mit denen die Abdeckung versehen wurde. Heute bin ich auch mal unter die Abdeckung gekrochen, das fällt mir nicht so leicht. Ich werde deshalb mit dem Kopf unter meinem Deckel liegen, der ist nicht so schwer und furchteinflößend. Am nächsten Morgen dort wieder herauszukriechen, den Deckel mit der Schulter und dem Rücken anhebend, wird einem Geburtsvorgang sehr nahekommen. Ich habe es heute nochmal getestet und spürte die intensive Wirkung. Als ich die Abdeckung wieder gut hergerichtet und getarnt hatte, hielt ich spontan inne und stand ganz lange still an diesem Platz. Ich betete und bat um eine gute und sichere Erfahrung. Und dann kamen plötzlich die Vögel. Viele kleine Waldvögel waren plötzlich da und kamen immer näher: verschiedene Meisenarten, Kleiber, Goldhähnchen und noch andere, die ich nicht kannte. Sie landeten hier und dort und suchten Nahrung. Sie waren so nah. Ich war tief berührt. Und einen Moment lang fühlte ich mich sehr verbunden mit den Vögeln, der Erde und dem Ort, an dem ich heute nacht schlafen werde. Ich freue mich darauf.