So, ich habe überlebt! Bei leichten Minusgraden in einem feucht-kalten laubgefüllten Erdloch!
Als ich mich um 6:30 Uhr aus dem Loch pellte, hatte gerade leichter Schneefall eingesetzt. Ganz schön, dieser Moment im noch dunklen Wald.
Aber vorher bin ich wirklich an meine Grenzen geraten. Als ich abends den Deckel über mir fallen ließ, hatte ich eine Panik-Attacke: Atemnot und Herzschlag bis zum Hals. Hilfe, ich ersticke. Sofort habe ich mich konzentriert und versucht, mich zu beruhigen, indem ich bewußt ruhig atmete und mir gut zuredete.
Die Panik wich, aber die Angst blieb – über Stunden war die Angst präsent. Das Licht meiner Stirnlampe war mir in der kritischen Anfangszeit eine große Hilfe. Ohne das Licht, das mir Halt gab und die Situation im engen Loch überschaubar machte, hätte ich es vielleicht nicht ausgehalten.
Ich wußte nicht, daß Platzangst so ein großes Problem von mir ist. Meinen Körper in einen engen Spalt zu bewegen, verursacht große Angst. Ich war sehr dankbar, daß ich über dem Oberkörper und dem Kopf mehr Raum hatte. Ich konnte den Deckel von unten sehen, das Weidengeflecht mit Plastiktüten abgedeckt und darüber Laub, etwa 40 cm über mir. Trotz dieses relativ großen Luftraums blieb die Angst, daß die Luft knapp werden könnte.
Mein Verstand malte sich aus, wie es wäre, wenn eine größere Schneeschicht über Nacht mein Loch bedecken würde – ob es dann Sauerstoffmangel geben könnte. Vielleicht wäre das bei einer geschlossenen Schneedecke auch tatsächlich so, ich habe da zu wenig Kenntnisse. Ich mußte halt darauf vertrauen, daß es nicht stark schneien wird.
Zwischenzeitlich hatte ich auch Sorge, daß der stark harzhaltige Geruch von Fichtenzweigen, die einen Teil der Abdeckung ausmachten, mich beeinträchtigen würden. Schließlich reagiere ich allergisch auf Harz. Kann ich davon ohnmächtig werden? Was der Verstand alles für ein Zeug ausbrüten kann...
Ich spürte zuweilen einen kalten Luftzug. Der machte mich froh, denn so wußte ich, daß es doch Frischluftzufuhr gibt. Ich entschied mich auch bewußt, den Deckel nicht von innen noch mit Laub abzudichten. Lieber kalt als atemlos.
Und so wurde es auch sehr lange nicht warm in meinem Laubiglu. Ich hatte mich zwar sehr warm angezogen (das war eine gute Entscheidung), aber dort, wo der Körper auf dem Biwaksack auflag, war es kalt. Der leichte Deckenschlafsack, den ich als Kompromiß gewählt hatte (wenn es schon ganz ohne Schlafsack nicht geht), war oben schon klitschnaß, als ich in das Loch kletterte. Es tropfte wohl von oben, zudem kam Tauwasser dazu. Die Beine konnte ich in diese feuchte Decke einwickeln, aber der Oberkörper ragte heraus. Gut, daß meine Kleidung im Prinzip warm genug war, um die Nacht auch ohne Decke zu überstehen.
Zu Beginn fiel es mir schwer, eine bequeme Position zu finden. Wenn ich mich auf die Seite drehte (meine übliche Schlafposition), paßte mein oberer Arm nicht mehr unter die Abdeckung, es war zu eng. Ich konnte mich auch nur schwer umdrehen. Letztlich ging es dann, weil ich mit dem Oberkörper unter dem Eingang liegen blieb, anstatt weiter hineinzukriechen.
Um 22:00 Uhr war ich in dem Loch verschwunden, um 1 Uhr nachts mußte ich raus, weil meine Blase drückte. Da dann an Schlafen nicht zu denken ist, pellte ich mich unwillig aus dem Loch heraus. Das reduzierte aber in der Folge meine Angst, denn ich hatte nun nochmal feststellen können, daß ich mich wieder befreien kann (den Deckel der gewagten Weidenkonstruktion auf den Schultern hochgestemmt und dann darunter hervorkriechend).
Es war sehr kalt draußen, so daß ich nun doch dankbar war für die wohl einige Grad wärmeren Temperaturen in meinem Loch. Danach konnte ich besser schlafen, auch wenn ich zwischendurch immer wieder aufwachte.
In den Morgenstunden endlich war mir warm, es war doch auch warm unter dem Körper geworden. Ob der Biwaksack hier eine entscheidende Rolle gespielt hat, oder ob mir auch direkt auf dem feucht-kalten Laub letztlich warm geworden wäre, kann ich nun nicht sagen. Jedenfalls war ich sehr froh und dankbar über diese Wärme. Ich fühlte mich nun doch endlich ganz wohl dort, es war fast gemütlich. Nur Füße und Hände waren kalt - die Hände wegen der völlig durchweichten ungeeigneten Fleece-Handschuhe, die Füße vielleicht wegen des ungewohnten Schlafens in Schuhen und damit Unbeweglichkeit der Füße. Ich glaube, ich habe noch nie zuvor mit Schuhen eine Nacht geschlafen.
Ich bin wirklich sehr mutig, daß ich mich schon im Vorfeld und dann noch in der Erfahrung selbst diesen ganzen Ängsten gestellt habe. Das war eine sehr harte Prüfung.
Jetzt bräuchte ich mal ein paar Tage Schonung für meine Hände – sie sind total rauh und rissig mit vielen kleinen Wunden – von der vielen Arbeit in feucht-kalter Umgebung.
Was leider nicht möglich war von dem, was ich mir vorher vorgestellt hatte: ich konnte nicht in einen tiefen Meditationszustand gelangen und auch nicht in ein Gefühl der Verbindung mit der Erde. Die sehr präsente Angst verhinderte dies. Ich war zu sehr mit dem physischen und psychischen Überleben beschäftigt, um meinen Geist entspannen und wegtreten lassen zu können.
Für tiefe Meditationserfahrungen brauche ich offenbar einen geschützten Raum, in dem ich mich wohl und sicher fühle.
Bis so ein Erdloch zu meinem sicheren Zuhause wird, muß ich wohl noch ein wenig üben. :-)