Samstag, 22. Dezember 2012

Winterbiwak überlebt!

So, ich habe überlebt! Bei leichten Minusgraden in einem feucht-kalten laubgefüllten Erdloch! Als ich mich um 6:30 Uhr aus dem Loch pellte, hatte gerade leichter Schneefall eingesetzt. Ganz schön, dieser Moment im noch dunklen Wald. Aber vorher bin ich wirklich an meine Grenzen geraten. Als ich abends den Deckel über mir fallen ließ, hatte ich eine Panik-Attacke: Atemnot und Herzschlag bis zum Hals. Hilfe, ich ersticke. Sofort habe ich mich konzentriert und versucht, mich zu beruhigen, indem ich bewußt ruhig atmete und mir gut zuredete. Die Panik wich, aber die Angst blieb – über Stunden war die Angst präsent. Das Licht meiner Stirnlampe war mir in der kritischen Anfangszeit eine große Hilfe. Ohne das Licht, das mir Halt gab und die Situation im engen Loch überschaubar machte, hätte ich es vielleicht nicht ausgehalten. Ich wußte nicht, daß Platzangst so ein großes Problem von mir ist. Meinen Körper in einen engen Spalt zu bewegen, verursacht große Angst. Ich war sehr dankbar, daß ich über dem Oberkörper und dem Kopf mehr Raum hatte. Ich konnte den Deckel von unten sehen, das Weidengeflecht mit Plastiktüten abgedeckt und darüber Laub, etwa 40 cm über mir. Trotz dieses relativ großen Luftraums blieb die Angst, daß die Luft knapp werden könnte. Mein Verstand malte sich aus, wie es wäre, wenn eine größere Schneeschicht über Nacht mein Loch bedecken würde – ob es dann Sauerstoffmangel geben könnte. Vielleicht wäre das bei einer geschlossenen Schneedecke auch tatsächlich so, ich habe da zu wenig Kenntnisse. Ich mußte halt darauf vertrauen, daß es nicht stark schneien wird. Zwischenzeitlich hatte ich auch Sorge, daß der stark harzhaltige Geruch von Fichtenzweigen, die einen Teil der Abdeckung ausmachten, mich beeinträchtigen würden. Schließlich reagiere ich allergisch auf Harz. Kann ich davon ohnmächtig werden? Was der Verstand alles für ein Zeug ausbrüten kann... Ich spürte zuweilen einen kalten Luftzug. Der machte mich froh, denn so wußte ich, daß es doch Frischluftzufuhr gibt. Ich entschied mich auch bewußt, den Deckel nicht von innen noch mit Laub abzudichten. Lieber kalt als atemlos. Und so wurde es auch sehr lange nicht warm in meinem Laubiglu. Ich hatte mich zwar sehr warm angezogen (das war eine gute Entscheidung), aber dort, wo der Körper auf dem Biwaksack auflag, war es kalt. Der leichte Deckenschlafsack, den ich als Kompromiß gewählt hatte (wenn es schon ganz ohne Schlafsack nicht geht), war oben schon klitschnaß, als ich in das Loch kletterte. Es tropfte wohl von oben, zudem kam Tauwasser dazu. Die Beine konnte ich in diese feuchte Decke einwickeln, aber der Oberkörper ragte heraus. Gut, daß meine Kleidung im Prinzip warm genug war, um die Nacht auch ohne Decke zu überstehen. Zu Beginn fiel es mir schwer, eine bequeme Position zu finden. Wenn ich mich auf die Seite drehte (meine übliche Schlafposition), paßte mein oberer Arm nicht mehr unter die Abdeckung, es war zu eng. Ich konnte mich auch nur schwer umdrehen. Letztlich ging es dann, weil ich mit dem Oberkörper unter dem Eingang liegen blieb, anstatt weiter hineinzukriechen. Um 22:00 Uhr war ich in dem Loch verschwunden, um 1 Uhr nachts mußte ich raus, weil meine Blase drückte. Da dann an Schlafen nicht zu denken ist, pellte ich mich unwillig aus dem Loch heraus. Das reduzierte aber in der Folge meine Angst, denn ich hatte nun nochmal feststellen können, daß ich mich wieder befreien kann (den Deckel der gewagten Weidenkonstruktion auf den Schultern hochgestemmt und dann darunter hervorkriechend). Es war sehr kalt draußen, so daß ich nun doch dankbar war für die wohl einige Grad wärmeren Temperaturen in meinem Loch. Danach konnte ich besser schlafen, auch wenn ich zwischendurch immer wieder aufwachte. In den Morgenstunden endlich war mir warm, es war doch auch warm unter dem Körper geworden. Ob der Biwaksack hier eine entscheidende Rolle gespielt hat, oder ob mir auch direkt auf dem feucht-kalten Laub letztlich warm geworden wäre, kann ich nun nicht sagen. Jedenfalls war ich sehr froh und dankbar über diese Wärme. Ich fühlte mich nun doch endlich ganz wohl dort, es war fast gemütlich. Nur Füße und Hände waren kalt - die Hände wegen der völlig durchweichten ungeeigneten Fleece-Handschuhe, die Füße vielleicht wegen des ungewohnten Schlafens in Schuhen und damit Unbeweglichkeit der Füße. Ich glaube, ich habe noch nie zuvor mit Schuhen eine Nacht geschlafen. Ich bin wirklich sehr mutig, daß ich mich schon im Vorfeld und dann noch in der Erfahrung selbst diesen ganzen Ängsten gestellt habe. Das war eine sehr harte Prüfung. Jetzt bräuchte ich mal ein paar Tage Schonung für meine Hände – sie sind total rauh und rissig mit vielen kleinen Wunden – von der vielen Arbeit in feucht-kalter Umgebung. Was leider nicht möglich war von dem, was ich mir vorher vorgestellt hatte: ich konnte nicht in einen tiefen Meditationszustand gelangen und auch nicht in ein Gefühl der Verbindung mit der Erde. Die sehr präsente Angst verhinderte dies. Ich war zu sehr mit dem physischen und psychischen Überleben beschäftigt, um meinen Geist entspannen und wegtreten lassen zu können. Für tiefe Meditationserfahrungen brauche ich offenbar einen geschützten Raum, in dem ich mich wohl und sicher fühle. Bis so ein Erdloch zu meinem sicheren Zuhause wird, muß ich wohl noch ein wenig üben. :-)

Kommentare:

  1. Liebe Regenfrau,

    schön, daß Du mitliest. Lernst Du auch was daraus, was für Dich Nutzen hat?

    Viele Grüße,
    Louise

    AntwortenLöschen
  2. Hallo Louise,
    im Sommer dacht ich auch mal: draußen übernachten, dass will ich auch mal probieren. Merke aber dass ich ein sehr hohes Sicherheitsbedürfnis habe und mein abgeschlossenes Heim brauche.
    Manchmal dachte ich bei Deinen Posts: mensch pass bloß auf!!
    Und ich glaube das tust Du, Du bereitest Dich gut vor und bedenkst alles. Bin gespannt was Du noch so vor hast.
    Liebe Grüße

    AntwortenLöschen
  3. Liebe Regenfrau,

    ich erinnere mich, daß Du vor langer Zeit schonmal geschrieben hast, daß Du gerne mal draußen übernachten würdest. Wenn das ein echter Wunsch von Dir ist: warum machst Du es dann nicht einfach? Willst Du sterben, ohne Dir diesen einfachen Wunsch in Deinem sowieso viel zu kurzen Leben erfüllt zu haben? Das Leben ist immer lebensgefährlich, schon morgen kannst Du von einem Auto überfahren werden, also lebe doch intensiv, solange es geht.

    Analysiere vorab Deine Ängste auf ihren rationalen und irrationalen Anteil. Für den rationalen Anteil sorge vor, etwa indem Du auf einen überwachten Campingplatz gehst oder einen Menschen mitnimmst, dem Du vertraust. Du könntest auch erstmal auf einem Balkon oder so unter freiem Himmel schlafen, auch das ist schon viel schöner als in einem geschlossenen Raum. Oder Du übst erstmal, in einem Schlafsack auf hartem Boden zu liegen, das ist erstmal ungewohnt und verändert die Schlafposition. Nähere Dich Deinem Ziel in kleinen Schritten an, die Dich herausfordern, aber noch machbar erscheinen.

    Und dem irrationalen Anteil Deiner Angst mußt Du Dich einfach stellen und sie aushalten. Das ist die beste Methode zur Überwindung von Angst. Oft ist die Angst vor der Angst größer als in der Erfahrung selbst.

    Wenn Du Dich erfolgreich einer Angst gestellt hast, wirst Du Dich danach befreit und sehr toll fühlen, riesig stark und sehr stolz.

    Wenn Dich meine Berichte so kontinuierlich ansprechen, dann weist das sehr stark darauf hin, daß Du etwas ähnliches auch erleben möchtest. Tu es einfach!

    Liebe Grüße,
    Louise

    AntwortenLöschen
  4. Hallo Louise,
    ich hab gemerkt, dass ich vieles toll und schön finde, es aber nicht unbedingt machen will/muss. Ich lese auch sehr gerne so Geschichten wie: Mit dem Rad über die Alpen oder: Zu Fuß nach China ect. aber meine Konstitution ist dafür einfach nicht gemacht. Da bleibe ich lieber in der Phantasie.
    Ja ich will mich auch wieder mehr der Natur nähern und tue das auch. Ich radel inzwischen auch bei fast jedem Wetter und das juchzen kenn ich sehr gut! Auch bin ich viel mit dem Hund unterwegs.
    Und auch weniger Chemie zu verwenden un alternatve Kosmetik ausprobieren, da macht grad viel Freude und Wohlbefinden!

    In der Traumatherapie bearbeite ich derzeit sehr viele Ängste, in denen es um wichtigere Dinge geht, um den Alltag, um Beziehungen, um Arbeit...das kostet schon viel Kraft.
    Und gerade beim schlafen, wo es auch um Kontrollverlust geht, brauche ich da sehr viel Schutz. Habe mich jetzt nach 4 Jahren mal wieder getraut überhaupt woanders zu übernachten. Da wäre das freie übernachten die absolute Überforderung. Und überfordert hab ich mich eh schon viel zu oft, das macht mich nur kaputt (naja nicht nur mich, wohl jeden Menschen).
    Was ich auch eventuell machen werde (da müssen noch weitere Menschen mitspielen) mal 2 Wochen im Bauwagen zu leben, das wünsch ich mir schon lange: Tür auf und du bist gleich in der Natur, kein Strom, keine direkten Nachbarn Wand an Wand....bin sehr gespannt :)

    So nun ganz liebe Grüße!

    AntwortenLöschen