Freitag, 12. März 2010

Ekel/Scham

Heute nacht hat mein Unterbewußtsein wohl erneut etwas ausgebrütet. Ich hatte einen widerlichen Traum, der mich nicht losläßt. Ich schaue äußerst ungern hin. Und noch weniger mag ich hier darüber schreiben, es scheint aber notwendig zu sein, um mich davon zu befreien.

In diesem Traum habe ich meine Exkremente in einer Plastikschüssel gesammelt und in einem Schrank versteckt, weil die Anwesenheit eines anderen Menschen mich daran hinderte, die Toilette aufzusuchen. Ich versuchte vergeblich, diesen Menschen mal einen Moment loszuwerden, einen Moment allein zu sein, um diesen Dreck unbeobachtet entsorgen zu können, aber es kamen immer mehr Menschen. Schließlich deckte ich die Schüssel notdürftig mit einem Handtuch ab und nahm den Weg zur Toilette mit der stinkenden Schüssel in der Hand. Der Traum endete nach der Entsorgung der Scheiße, es blieb aber ein unaufgelöstes, nicht erleichtertes Gefühl zurück.

So, das ist mir wirklich sehr schwergefallen. Was will der Traum mir sagen? Es gibt irgendetwas ganz Ekelhaftes, Widerliches, das ja niemand an mir sehen darf, das ich schamhaft verstecke, das das Licht der Öffentlichkeit nicht erblicken darf. Es gibt irgendeinen ganz schmutzigen Anteil von mir.

Für einen Freudianer wäre dieser Traum wohl ein gefundenes Fressen.

Es geht anscheinend um Scham. Es geht darum, daß ich mich schäme, so zu sein, wie ich bin. Es geht darum, daß ich nicht alles von mir zeigen und preisgeben möchte. Scham ist mein lebenslanger Wegbegleiter, das Gefühl kenne ich nur zu gut.

Ich kann mir jetzt aber klarmachen, daß alles, was auf dieser Welt existiert, ohne Ausnahme göttlichen Ursprungs ist. Da ist nichts schlecht und nichts falsch. Ausscheidung ist eine natürliche Funktion, die notwendig ist, weil der Körper sonst an seinen Abfallstoffen ersticken würde. Und es gibt ja sogar Lebewesen, die von den Ausscheidungen anderer Lebewesen leben.

Es ist nur unsere Konditionierung, daß wir Exkremente als ekelhaft empfinden. Sie enthalten Krankheitskeime, eine hygienische Entsorgung ist wichtig, aber es ist nichts, dessen man sich schämen muß. Überhaupt gibt es nichts an mir oder an der Welt, dessen ich mich schämen muß.

Vielleicht geht es in dem Traum auch darum, daß ich unangenehme Aufgaben gerne wegschließe. Da sehe ich es als Fortschritt an, daß ich die Aufgabe in dem Traum schließlich erledigt habe, der vielen Menschen um mich herum zum Trotz.

Kommentare:

  1. Liebe Louise,

    danke für Deinen Traum.

    Ja, unsere Ausscheidungen und die der Tiere sind der beste Dünger - viel besser als Chemie. Als Dung wieder auf die Äcker verbracht dienen sie so weiter als Nahrung im Kreislauf der Natur: verdauen, verarbeiten, ausscheiden, zersetzten, die Erde nimmt es auf und es wächst und blüht wieder neues Leben daraus.

    Mir ist beim Lesen Deiner Zeilen auch noch der Skarabäus eingefallen, der den Ägyptern heilig war und der ja auch im Dung lebt.

    LG, Margit

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  2. Liebe Margit,

    ich war etwas perplex, ausgerechnet zu diesem Beitrag, den ich selber grenzwertig fand, einen Kommentar zu erhalten. Du dankst mir sogar ausdrücklich für das Mitteilen eines Traums, der mich noch einen Tag lang mit Scham erfüllte. Ich danke DIR für Deine Perspektive auf diesen Traum.

    Du hast recht: die Ausscheidungen der Körper sind reine Natur und dienen dem natürlichen Kreislauf von Werden und Vergehen. Wahrhaft eklig sind ganz andere Dinge, naturfeindliche Gifte z.B.

    Unterdessen glaube ich, daß dieser Traum mich sanft zum Thema Tod hinführen wollte. Das ist mir heute klargeworden. Ich schreibe gleich noch was dazu.

    Neugierig, wie ich bin, habe ich natürlich gleich geforscht, wer Du bist. Ich denke, ich weiß, über welchen Weg Du zu mir gefunden hast, und ich freue mich sehr darüber. Du führst anscheinend mehrere Blogs, sehr poetische. Du machst wunderschöne Zeichnungen, und Deine Texte berühren mich irgendwie, aber ich verstehe sie ehrlich gesagt teilweise nicht (vielleicht gar nicht so verkehrt, dann gehen sie am irritierten Verstand vorbei gleich ins Herz). Hast Du schon zu innerer Stille und Frieden gefunden? Es wirkt so.

    Liebe Grüße,
    Louise

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  3. Liebe Louise, einen schönen guten Morgen,

    ja. Es ist auch so, daß ich in den vergangenen Jahren selbst häufig ähnlich gestrickte Träume zu dem Thema hatte und ich mich deshalb ebenfalls schämte oder mit mir haderte. Zu Anfang kam ich auch auf Freud, doch seine Art der Herangehensweise machte alles nur noch schlimmer.

    Ich beschäftige mich gerne mit Träumen und mit inneren Bildern, ihrer Wort-Bild-Sprache, es interessiert mich. Und ich freue mich schon zu lesen, was Du vielleicht einmal über den Tod in Zusammenhang mit Deinem Traum schreibst.

    Mir kam noch der Gedanke, daß es etwas mit Kreativität zu tun hat.

    Interessanterweise habe ich selbst am Sonntag von einem großen handtellergroßen Käfer geträumt - es war aber kein Skarabäus, sondern eine rote Wanze, die innen gelb wie Kartoffeln mit grünen Sprengeln war. Sie kam rückwärts wie ein Krebs aus einer Vasen-Flasche mit Wasser gekrochen, in der jemand vier Farne getan hatte.

    Innere Stille und Frieden habe ich noch nicht gefunden. Oft ist es im Gegenteil so, daß Spannung da ist. Manchmal fast unerträglich. Auch Traurigkeit oder Stimmungen, wie Du sie bei Dir beschreibst.
    Mit dem Schreiben und Malen gelingt es aber manchmal, mich innerlich zu „erheben“, den Kontakt mit mir selbst wieder herzustellen. Wie eine Verbindung zu etwas, was ich lang vergessen hab, oder auch: nicht vergesssen darf.
    Ein Gefühl von "richtig", selbst wenn nach kurzer Zeit wieder Zweifel dasein können.

    Es freut mich sehr, daß es Dir gefällt.

    Liebe Grüße
    Margit

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  4. Liebe Margit,

    danke für Deine Schilderung. Früher habe ich auch viel gemalt, aber irgendwie geht es nicht mehr. Es zieht mich nicht mehr dahin, aber wenn ich Bilder von anderen sehe, dann erinnere ich mich, wie ich mich früher darin einerseits verlieren und andererseits finden konnte.

    Ich schreibe aber seit einigen Jahren sehr, sehr viel. Seit ich diesen Blog führe, muß ich meinen Freunden nicht mehr mit zu viel Text auf die Nerven gehen. Wer hier mitliest, tut dies ja freiwillig. ;-)

    Dich spricht anscheinend das Thema Tod an. Soweit ich es bisher verstanden habe, ist das ja sowieso DAS Thema unseres gesamten Lebens. Wir leben, um zu sterben. Und wer schon während des Lebens „stirbt“, hat mehr vom Leben. Im Zusammenhang mit meinem Traum dachte ich an Verwesung und Tod. Es kamen aber keine tieferen Gefühle dazu – bis auf die, die ich im Beitrag Todesangst/Kinderwunsch beschrieben habe. Die ganze letzte Woche ging ich durch einige unangenehme Gefühle, die am Boden in dieser Todesangst und einem kurzen Moment tiefer Verzweiflung endeten.

    Vielleicht kam es durch diesen Prozeß, daß sich danach in mir etwas gelöst hat, so daß ich seit Beginn dieser Woche wie durch ein Wunder wieder gedankliche Arbeit leisten kann. Das war viele Monate lang nur sehr eingeschränkt möglich. So geht es im Moment bei mir wieder aufwärts – bis halt irgendwann das nächste Tal kommen wird, das mich vielleicht erneut mit dem Tod konfrontiert.

    Ich glaube, daß es wichtig ist, in die aufkommenden Gefühle reinzugehen, sie voll zu durchleben, und nicht zu versuchen, durch eigene Ablenkung die Spannung abzubauen. Es löst sich anscheinend von alleine, wenn man es intensiv genug erfahren hat. Zumindest habe ich das jetzt einige Mal so erlebt.

    Ich freue mich, daß Du bei mir mitliest.

    Liebe Grüße,
    Louise

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  5. Liebe Louise,

    mit etwas Verspätung:

    Ich bewundere das, wenn die Worte nur so aus einem herausfließen. Bei mir ist es oft ein Ringen. Tue mir mit Bildern leichter.

    Ja, das Thema Tod interessiert mich auch.
    Aber ich weiß nicht, was ist oder wie das ist, wenn man „gestorben“ ist bevor man gestorben ist.

    Vielleicht ist dann einfach kein Widerstand mehr und man tut, was notwendig ist.

    Ich hatte auch lang einen Kinderwunsch, der unerfüllt blieb. Heuer bin ich 45 geworden.

    Die Worte von Samarpan, die Du erwähnt hast, sind wunderschön.

    Liebe Sonnengrüße
    Margit

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